
- Das Cover zum Film - Michael Stock
In „Postcard to Daddy“ arbeitet der Filmemacher Michael Stock dokumentarisch den eigenen sexuellen Missbrauch als Kind durch seinen Vater auf. Dazu besucht er 25 Jahre danach seine Schwester, den Bruder und die Mutter. Bei den sehr emotionalen Gesprächen über die schreckliche Vergangenheit läuft die Kamera stets mit. So wird, untermalt durch frühere Fotos und Szenen aus seinem ersten Spielfilm „Prinz im Höllenland“ (1993), die Kindheit und Jugend authentisch nachgezeichnet.
Ein Dokumentarfilm, in dem auch der Täter spricht
Im Alter von 19 Jahren kommt Michael Stock 1987 aus Bayern nach Berlin. Die große geographische Distanz zu seinem Peiniger schafft zwar Raum für den Wunsch einer Aufarbeitung, dennoch soll es noch über zwei Jahrzehnte dauern, bis er die Erlebnisse tatsächlich in diesem Film verarbeitet hat. Als der Vater und Michael Stock fast zeitgleich einen Schlaganfall haben, sucht dieser die womöglich letzte Chance, mit seinem „Daddy“ noch einmal über die grausame Vergangenheit ins Gespräch zu kommen und konfrontiert ihn vor laufender Kamera mit seinen Fragen.
Ziel von "Postcard to Daddy" ist die eigene innere Aussöhnung mit dem sexuellen Missbrauch
Ursprünglich sei der Film als Botschaft (Postcard) an seinen Vater geplant gewesen, um diesen über die Folgen seines Handelns zu informieren und damit ein Mittel zum Zweck, so Michael Stock bei der ausverkauften Weltpremiere im Rahmen der 60. Berlinale. Das Werk sei zugleich inzwischen ein „Walk in Progress“, der natürlich auch weiter wirke. Allerdings wahrscheinlich dann innerhalb der Familie, denn mit der Fertigstellung und öffentlichen Präsentation habe der Macher nun endlich „seinen inneren Frieden gefunden“.
Den Fernsehsendern wurde der Stoff irgendwann zu heiß
Mit einem „Low-Budget“ produziert, wandert der Film nun zunächst zusammen mit seinem Macher über eine Reihe von Festivals. Hatte eine öffentlich-rechtliche Anstalt vor vielen Jahren immerhin das Drehbuch des Stoffes für eine zunächst geplante Spielfilmfassung finanziert, bekam der Sender dann leider doch wegen der schweren Thematik „kalte Füße“ und zog sich aus dem Projekt zurück. Stock und sein Team hoffen deshalb ganz besonders, dass sich nun dennoch ein Kanal für die Ausstrahlung entscheidet.
Das bleibt „Postcard to Daddy“ auch zu wünschen, denn der Film ist in seiner Machart grandios. Das Thema sexueller Missbrauch wird ausgesprochen sensibel, in keiner Szene populistisch behandelt. Manch einer mag den Eindruck gewinnen, dass der Täter sogar „zu gut wegkommt“. Michael Stock allerdings möchte gar nicht urteilen. Es geht ihm darum, an den Zuschauer zu transportieren, welche brutalen Folgen die Taten haben. Gerade in der tendenziell „weichen“ Zeichnung liegt die große Stärke dieser Darstellung, die wie die Faust aufs Auge in eine Zeit passt, in der das Thema wohl aktueller denn je ist.
Zur Biografie von Michael Stock
Der Filmemacher wurde 1968 in Steinhöring bei München geboren. Seit 1987 lebt er in Berlin. Als Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur und Produzent hat er an zahlreichen Kurz-, Dokumentar- und Spielfilmen mitgewirkt beziehungsweise diese selbst hergestellt. „Postcard to Daddy“ ist seinem früheren Lebensgefährten Rémi gewidmet, einem ebenfalls mit dem HI-Virus infizierten homosexuellen Franzosen, der anders als Michael die starke Ablehnung durch den Vater nicht überwunden und sich deshalb 1996 für den Freitod entschieden hat.
