
- Gefahr - Günter Havlena / pixelio.de
In der Umgangssprache wird ein psychisches Ereignis schnell einmal als „traumatisierend“ bezeichnet. In der Fachsprache der Psychologie ist das Trauma ein tiefgreifendes Erlebnis. Die normalen Anpassungsstrategien des Menschen sind überfordert. Das Trauma ist eine bis ins Körperliche durchgreifende Erfahrung von extremer Hilflosigkeit und Verlust. Es versagen alle bisher gelernten Abwehr- und Problemlösungsstrategien. Das soziale Netz wird ausgeschaltet, das gewöhnlich dem Menschen das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit zu einem System und Sinn gibt.
Risikogruppen für posttraumatische Belastungsstörung
Zu den Risikogruppen gehören zum Beispiel Kriegsveteranen, Opfer von Naturkatastrophen, Unfällen oder kriminellen Handlungen. Aber auch alltäglich auftretende Unfälle im Straßenverkehr, bei der Arbeit, im Haushalt oder beim Sport können ein Trauma auslösen. Studien zufolge bewältigt der größte Teil der Traumatisierten die Erlebnisse ohne gravierende Probleme. Eine bedeutende Minderheit von zirka einem Drittel der Opfer eines Traumas entwickelt jedoch erhebliche psychische Probleme. Dauern die Symptome drei Monate nach dem Trauma noch an, besteht hohe Gefahr einer Chronifizierung. Insbesondere nimmt die Vergewaltigung eine besondere Stellung ein. Da die Betroffenen mit einer hohen Rate an posttraumatischer Belastungsstörung unmittelbar nach dem Trauma reagieren, bleibt die Symptomatik noch lange Zeit bestehen.
Die übliche Antwort des Menschen auf Gefahr und die traumatische Reaktion
Befindet sich der Mensch in Gefahr, kommt es zu einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Reaktionen, bei denen Körper und Seele involviert sind. Bei Bedrohung reagiert das vegetative Nervensystem. Es kommt zu einem Adrenalinschub und der Organismus wird in einen Alarmzustand versetzt. Der Mensch konzentriert sich sofort auf die unmittelbare Situation und mobilisiert Kräfte für außergewöhnliche Belastungen: Kampf oder Flucht. Wenn allerdings das Handeln keinen Sinn mehr hat, tritt eine traumatische Reaktion auf. Weder Widerstand noch Flucht sind möglich. Das Selbstverteidigungssystem des Menschen ist überfordert, da die übliche Reaktion auf Gefahr sinnlos geworden ist. Der Mensch ist extremer Angst und Hilflosigkeit ausgesetzt.
So können bereits während oder kurz nach dem traumatischen Erlebnis intensive Reaktionen auftreten. Ein Unfall zum Beispiel, der keine stationäre Krankenhausbehandlung notwendig machte, kann als traumatisch erlebt werden. Und zwar dann, wenn das Unfallopfer in der Unfallsituation starke Angst und Hilflosigkeit verspürte und das Auftreten schwerer Verletzungen befürchten musste. Die wichtigsten Symptomgruppen nach der DSM-IV Klassifikation (psychiatrischen) werden nachfolgend aufgelistet:
Posttraumatische Belastungsstörung: wiederkehrende Erinnerungen
Kurz nach dem Trauma kehren die Bilder bei Tag und Nacht immer wieder in das Gedächtnis zurück. Plötzlich und unkontrollierbar steht die Szene wieder vor Augen. Wie das Trauma selbst, ruft diese ähnliche psychische und körperliche Reaktionen hervor. Es kommt zu Alpträumen, Schlafstörungen und sogenannten „flash backs“ (Wiedererleben früherer Gefühlszustände). Die Erinnerungen können so intensiv sein, dass Realität und Erinnerung kaum oder gar nicht mehr voneinander getrennt werden können. Reize, die an das Trauma erinnern, zum Beispiel ein Geräusch, ein Geruch, eine Uniform, rufen psychophysiologische Reaktionen wie beim Trauma hervor. Allmählich führen die Lernprozesse zu einer Ausweitung der Auslösereize, einer generalisierten Reaktion, die in Vermeidungsverhalten mündet.
Posttraumatische Belastungsstörung: Vermeidungsverhalten
Es kommt zu einem Rückzug aus sozialen und räumlichen Bezügen, die mit der Traumasituation zusammenhängen. Man vermeidet das Autofahren, steigt in kein Flugzeug mehr, benutzt kein öffentliches Verkehrsmittel mehr und so weiter. Es kann aber auch zur zwangsähnlichen Wiederholung von Handlungen kommen. Zum Beispiel ständiges Kontrollieren der Tür oder zu stereoptypen verbalen Thematisierungen von Aspekten des traumatischen Ereignisses. Vor allem dann, wenn die Traumaopfer mit traumabezogenen Reizen konfrontiert werden. Bei Kindern zeigt sich auch das sogenannte traumatischen Spiel (immer wieder wird ein Teil der traumatischen Situation durchgespielt).
Posttraumatische Belastungsstörung: Überregbarkeit
Das traumatische Ereignis verändert tiefgreifend das Nervensystem. Da sich der Organismus im Dauerstress befindet, ist der Körper immer im Alarmzustand und auf eine Gefahr vorbereitet. Die aktivierten Flucht- oder Kampfreflexe können nicht in sinnvolle äußere Handlungen umgesetzt werden. Diese führen zu anhaltender Nervosität, Zittern, Schlaflosigkeit und Erschöpfungszuständen. Die körperlichen Folgen, wie zum Beispiel Schmerzen, erinnern immer wieder an das Trauma. Die normale Lebensführung ist eingeschränkt.
Das Psychodrama: Eine Therapieform bei posttraumatischer Belastungsstörung
In der Traumatherapie gibt es neben der Psychopharmakotherapie verschiedene psychotherapeutische Verfahren: Krisenintervention nach einem akuten Trauma, kognitive Therapie, Verhaltenstherapie und psychodynamische Therapie. Der Traumaexperte und Psychotherapeut Klaus Ottomeyer spricht über seine Erfahrungen in der Praxis mit dem Psychodrama: Das Trauma ist für ihn ein „Zerbrechen der Erzählung“. Oft reden die Trauma-Opfer mit niemandem, manchmal nur mit „Schicksalsgenossen“, weil sie das Gefühl haben, dass man sie „draußen“ nicht versteht. Die Erzählung ist immer fragmentiert, mit Rissen im roten Faden und „blackouts“. Ein häufiger Satz am Anfang der Traumatherapie nach Ottomeyer ist: „Das, was Sie an sich selbst als so verwirrend erleben, sind normale Reaktionen auf eine unnormale Situation“. In der Sprache des Psychodramas ausgedrückt, handelt es sich bei der Traumatisierung um eine extreme Spontaneitätsstörung, die auch das kreative Handeln beeinträchtigt. Behutsam und von gründlich ausgebildeten Leuten angewandt, ist das Psychodrama zur Wiedergewinnung von traumatisch beeinträchtigter Elastizität und Spontaneität gut geeignet.
Quellen: Judith Lewis Herman: Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Kindler Verlag. München 1998. ISBN 3-463-40246-7
Klaus Ottomeyer: Psychodrama und Trauma. In. Psychodramatherapie. Jutta Fürst; Klaus Ottomeyer; Hildegard Pruckner (Hrsg.). Facultas Verlags- und Buchhandels AG Wien. Wien: 2004. ISBN 3-85076-663-2
Ulrich Frommberger; Elisabeth Nyberg und Matias Berger: Posttraumatische Belastungsstörungen. In: Psychiatrie und Psychotherapie. Mathias Berger (Hrsg.). Urban & Schwarzenberg Verlag. Wien, München, Baltimore: 1999. ISBN 3-541-18131-1
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