Posttraumatisches Wachstum

Vom Trauma zur Heilung

Ein Trauma kann den Menschen aus der Bahn des Lebens werfen. Manche gehen gestärkt aus dieser Lebenskrise hervor: Sie erfahren ein Posttraumatisches Wachstum.

Persönliches Wachstum nach einem traumatisierenden Erlebnis? Ein schwerer Unfall, eine Kriegssituation, Vergewaltigung, Folter.... viele Menschen begegnen mindestens einmal in ihrem Leben einer Situation, die traumatisierend wirken kann. Ein Mensch kann schwer daran erkranken und eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Er kann aber auch daran wachsen.

„Wenn wir eine Situation nicht ändern können, müssen wir uns selbst ändern.“ (Viktor Frankl, Neurologe und Psychiater, Professor für Logotherapie)

Ein traumatisierendes Erlebnis schleudert den Menschen überraschend aus seiner Bahn. Es kann wie ein plötzlicher Schock wirken, von einer Sekunde zur anderen. Es kann aber auch schleichend kommen und täglich mehr zermürben. Bei jedem kann ein Trauma anders auf die Psyche und Seele wirken. Es kann dazu führen, dass tief sitzende Überzeugungen in Frage gestellt werden; existenzielle Fragen über den Sinn des Lebens können auftauchen Man blickt in den Abgrund des eigenen Lebens, besieht sich kritisch die eigenen Werte und den Glauben, stellt seine Lebensziele in Frage. Die traumatisierende Situation liegt wie ein Felsbrocken in der Vergangenheit. Die Situation selber kann man nicht mehr ändern - aber die eigene Sichtweise.

"Das Leben hat einen Sinn und behält ihn unter allen Umständen auch im Leiden." (Viktor Frankl)

Ein Trauma kann den Menschen auf mehreren Ebenen verletzen: Er kann physisch, emotional und auch spirituell verwundet werden. Ebenso wie die Verletzung kann eine Heilung auf mehreren Ebenen stattfinden. Die Art der Heilung erfährt jeder anders: So verschieden die Menschen und ihre Erfahrungen sind, so unterschiedlich sind die Arten und Längen der Wege, die beschritten werden.

Der Psychologe Richard Tedeschi und Kollegen beschreiben fünf Bereiche:

  • Sinn des Lebens: Manche Menschen erfahren einen tieferen Sinn des Lebens. Sie ordnen ihre Prioritäten neu, zum Beispiel indem die Beziehungen zu Freunden und der Familie wichtiger werden. Die eigene Verletzlichkeit ist einem bewußt und das Leben wird nicht als selbstverständlich hingenommen.
  • Beziehungen zu anderen: Einige entwickeln eine größere empathische Fähigkeit und können mehr mit anderen mitempfinden. Dies kann dazu führen, dass man sich anderen Menschen verbundener fühlt und sich als Teil einer großen Gemeinschaft fühlt.
  • Persönliche Stärke: Manche Menschen gehen gestärkt aus einem Trauma hervor und entwickeln einen starken Überlebenswillen. Sie wissen, dass sie nun auch andere schwere Situationen bestehen können. Es ist eine paradoxe Erfahrung, weil gleichzeitig das Bewusstsein um die Endlichkeit des eigenen Lebens vorhanden ist. Andere berichten, dass sie mit einem gestärkten Identitätsgefühl aus der Krise hervorgehen, die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung entwickelt haben oder eine größere Eigenständigkeit.
  • Neue Chancen: Einige beginnen, in ihrem Leben neue Wege zu beschreiten. Sie sehen nun ganz andere Möglichkeiten und ergreifen diese Gelegenheit. Zum Beispiel die Witwe, die nach dem Tod ihres Ehemanns völlig neue Aufgaben übernimmt oder die Frau, die nach einem sexuellen Missbrauch ihr Talent zum Schreiben entdeckt.
  • Spirituelles Wachstum: Nachdem die eigene Welt aus den Fugen geraten ist, können Einzelne auf dem Weg der Heilung auch vertiefte spirituelle Einsichten erfahren. Existenzielle Erkenntnisse können dazu führen, dass das eigene Leben auf einem tiefsitzenden Glauben neu aufgebaut wird.

Die Forschung

Das Thema des Posttraumatischen Wachstums ist für Psychologen ein faszinierendes Forschungsgebiet, denn es enthält den Schlüssel, wie wir mentale Stärke entwickeln können, um uns gegen Krisen zu wappnen und wie wir Krisen meistern können. Die wissenschaftlichen Untersuchungen dazu befinden sich noch in den Kinderschuhen. Pioniere auf diesem Forschungsgebiet sind die Psychologen Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun, Professoren an der Universität von North Caroline, USA. Sie haben Skalen entwickelt, um ein Posttraumatisches Wachstum messbar zu machen (Stress-Related Growth Scale, Post-Traumatic Growth Inventory).

Der Weg vom Trauma zum Posttraumatischen Wachstum beginnt möglicherweise in der eigenen Hölle mit Verzweiflung und einem zerbrochenen Leben. Bevor Wachstum stattfinden kann, muss man sich dazu entschließen, wieder gesund werden zu wollen. Dann können die Wunden anfangen, zu heilen.

M. Luckhardt, Heiko Marquardt

Miriam Luckhardt - Miriam Luckhardt ist Wirtschaftspsychologin und war 14 Jahre in der Industrie zu Hause; jetzt ist sie im öffentlichen Dienst ...

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