Praktikum – wann lohnt es sich?

Wann lohnt es sich? - Thorben Wengert/pixelio.de
Wann lohnt es sich? - Thorben Wengert/pixelio.de
Wie werden Praktika definiert und wann lohnt es sich, Zeit und Mühe in ein Praktikumsverhältnis zu investieren?

Seitdem die Debatte um die „Generation Praktikum“ entbrannte, werden Praktika sehr negativ bewertet. Vor allem Akademiker begegnen Praktika mit Skepsis, sehen jedoch oft genug auch keinen anderen Weg. Vor allem in der Werbe- und Medienbranche werden Praktikanten in der Tat als billige Mitarbeiter eingesetzt, sodass von einem „Praktikum“ eigentlich keine Rede mehr sein dürfte. Manche Unternehmen können sich nur über Wasser halten, weil sie mehrere Praktikanten beschäftigen, die in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden. Die Chance, in so einem Betrieb übernommen zu werden, ist dementsprechend gering.

Wie wird ein Praktikum definiert?

Ein Praktikum, so der Gesetzgeber, muss Ausbildungscharakter haben und Lernen ermöglichen. Praktikanten sind somit nicht dafür da, die tägliche Arbeit zu verrichten, sondern im Betrieb mitlaufen (vgl. Urteil des Bundesarbeitsgerichtes 6 AZR 564/01 BAG vom 13. 3. 2003). So soll ein Praktikum allem voran berufliche Kenntnisse vermitteln und der beruflichen Orientierung dienen.

Laut Berufsbildungsgesetz (BBiG) ist auch eine angemessene Vergütung zu zahlen. Und es besteht Anspruch auf ein Zeugnis (Paragraph 630 "Pflicht zur Zeugniserteilung" BGB). Es gibt allerdings keine zeitliche Begrenzung für Praktika und keinen rechtlichen Anspruch auf einen schriftlichen Vertrag (Paragraph 26 BBiG). Das braucht jedoch nicht zu wundern, da in Deutschland auch Arbeitsverträge durchaus mündlich, sozusagen per Handschlag, geschlossen werden können. Missbrauch betreibt der Arbeitgeber also dann, wenn es sich um ein Schein-Lernverhältnis handelt und der Praktikant so wie alle anderen im Betrieb arbeitet, ohne entsprechend entlohnt zu werden.

Entlohnung für ein Praktikum

Da Praktikanten in erster Linie etwas lernen sollen, stellt die Vergütung nur eine Aufwandsentschädigung dar. Diese wird nicht überall bezahlt. Andere zahlen um die 200 Euro im Monat. Fühlt sich ein Arbeitnehmer ausgenutzt, weil die Vergütung in einem deutlichen Missverhältnis zu seiner Arbeitsleistung steht und der Lernanteil deutlich unter dem Arbeitsanteil liegt, kann er seinen Arbeitgeber darauf ansprechen und schlussendlich auch auf Lohnwucher klagen, um den Lohn für erbrachte Arbeit einzufordern (Paragraph 138 II BGB).

Praktika als Probearbeit

Viele Arbeitgeber schalten einer Anstellung ein „Praktikum“ von einer oder zwei Wochen vor, um sich gegenseitig kennen zu lernen und die Arbeitsleistung des Arbeitnehmers zu erproben. Probearbeit ist jedoch im vollem Umfang zu vergüten, was einige Arbeitgeber manchmal zu vergessen scheinen. Sprach der Arbeitgeber gar von Probearbeit oder überwiegt der Lernteil in einem „Praktikum“ nicht, könnte der Arbeitnehmer auf Lohnerstattung klagen.

Praktika für Akademiker – sinnvoll oder Zeitverschwendung?

Der DGB rät Akademikern gar keine Praktika zu machen, doch so einfach ist die Sachlage nicht. Absolventen, die von der Universität kommen, haben in der Regel Probleme sofort eine Stelle zu bekommen, weil sie keine Berufserfahrung vorweisen können. Absolventen fast aller Fachrichtungen brauchen eine Weile, um einen Fuß in die Tür zu bekommen, wenn sie nicht schon während ihres Studiums Kontakte geknüpft und sich irgendwo ins Gespräch gebracht haben. Dies liegt an fehlender Berufserfahrung, die für Arbeitgeber immer wichtiger zu werden scheint, da auch die Anzahl der Stellen, die explizit an Berufsanfänger gerichtet sind, seit Jahren sinkt. Vor allem, wenn man in Berufsfelder einsteigen möchte, die mit dem Studium an sich nur peripher etwas zu tun haben wie im Falle eines Geisteswissenschaftlers, der gerne bei einem Verlag, einer Zeitung oder Stiftung arbeiten möchte, kann es durchaus sinnvoll sein, ein entsprechendes Praktikum und im Anschluss ein Volontariat zu absolvieren – der Lernanteil wird in der Anfangszeit den Arbeitsanteil definitiv nicht übersteigen.

Praktika sollten jedoch mit Bedacht gewählt werden, denn Qualität geht vor Quantität. Es gilt sich vorher Gedanken zu machen, in welcher Branche man arbeiten möchte, und auch seine Praktika so auszuwählen, dass eine gewisse Richtung zu erkennen ist. Besser ist es auch Anbieter zu finden, die ein gewisses Renommee besitzen, und im Optimalfall sollten es solche sein, bei denen auch Chancen bestehen übernommen zu werden und nicht die, bei denen Praktikanten am laufenden Band ausgetauscht werden, um überhaupt das Geschäft am Laufen halten zu können. Volontariate, Trainees, freie Mitarbeit, Honorartätigkeit und Zeitarbeit sind wiederum noch besser als ein Praktikum, da bei Praktika per Definition seitens des Gesetzgebers der Arbeitsanteil den Lernanteil nicht übersteigen sollte, auch wenn es häufig de facto nicht so ist.

Sofie Weber-Remich - Bei suite101 schreibe ich für die Rubrik Beruf und Karriere, da ich hauptberuflich seit vielen Jahren als Arbeitsberaterin und ...

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