
- Inselpanorama - Oliver Haja, pixelio.de
Terry Pratchett, der Autor der skurrilen Scheibenwelt-Romane, legte 1997 den Roman "Jingo" vor, auf Deutsch erschienen 1999 unter dem Titel "Fliegende Fetzen". Darin geht es um eine kleine Insel und einen drohenden Krieg ...
Die Insel Leshp zwischen Klatsch und Ankh-Morpork
Fischer im Runden Meer entdecken eine aus dem Wasser aufgetauchte Insel, mitten zwischen Klatsch und dem Stadtstaat Ankh-Morpork. Zwar gibt es darauf nichts Erwähnenswertes außer algenüberzogenen Ruinen, trotzdem campieren Freiwillige aus beiden Ländern dort, sammeln Treibholz und hissen ihre Nationalflaggen, und an der Heimatfront wird zur Aufrüstung geblasen.
Auf gewohnt meisterhafte Weise schildert Terry Pratchett, wie sich die Stimmung in Ankh-Morpork verändert. Aus dem netten Currybuden-Inhaber von nebenan wird über Nacht der gefährliche Johnny Klatschian mit dem schwarzen Vollbart, den Dolch zwischen den Zähnen. Die Wache sieht sich gezwungen, Familien zu bewachen, an deren ausländische Herkunft seit Jahren keiner mehr gedacht hatte. Junge Männer wollen ihre Heimat verteidigen, und es ist ihnen egal, dass es sich dabei um eine völlig nutzlose kleine Insel handelt. Die Militärs finden die strategische Lage der neuen Insel unglaublich reizvoll. Die Diplomatie läuft heiß und versagt.
Und während die Armeen gegeneinander marschieren und Tragödien unvermeidbar scheinen, versinkt die Insel Leshp still und unauffällig wieder für die nächsten paar hundert Jahre im Meer, nur von ein paar Fischern beobachtet ...
Die Insel Purbasha zwischen Indien und Bangladesh
In der Bucht von Bengalen liegt eine kleine Insel. Sie wird sowohl von Indien als auch von Bangladesh als Hoheitsgebiet beansprucht - die Frage ist, ob die Hauptströmung des Grenzflusses rechts oder links daran vorbei führt. Die Inder nennen sie New-Moore-Insel oder Purbasha, in Bangladesh heißt sie South Talpatti. Seit den 70er Jahren streiten sich die beiden Staaten um das kleine Inselchen. Die indische Marine enterte sie und zog die Nationalflagge auf.
Als die Insel 1985 kartographiert wurde, hatte sie eine Fläche von etwa neun Quadratkilometern und lag eineinhalb bis zwei Meter über dem Meeresspiegel. Nun ist sie allerdings seit 20 Jahren nicht mehr auf Satellitenfotos aufgetaucht. Am 25. März 2010 gab die Jadavur-Universität in Kolkatta bekannt, dass man sie aufgegeben habe, da sie offenbar unter dem steigenden Meeresspiegel verschwunden sei.
Sugata Hazra, der Direktor der Abteilung für ozeanographische Studien, beruft sich nicht nur auf Satellitenbilder, sondern auch auf Augenzeugen. Auch Fischer hätten das Verschwinden der Insel bestätigt. „Einige Teile von ihr tauchen auf, wenn die Ebbe am niedrigsten ist, zu allen anderen Zeiten ist sie vollständig überschwemmt“, sagt er. „Aus meiner Sicht ist die New-Moore-Insel seit 1990 verschwunden.“
Zu dem bilateralen Konflikt sagte der Fachmann: „Jahre der Verhandlungen konnten diesen territorialen Streit nicht lösen. Nun hat der Klimawandel die Quelle ausgelöscht.“
Klimawandel, Anstieg des Meeresspiegels und Inselsterben
Für den Experten für ozeanographische Studien steht der Schuldige fest: „Der Klimawandel wirkt sich definitiv auf die Region aus. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen einem Anstieg der Temperatur an der See-Oberfläche und des Meeresspiegels und der relativen Zunahme der Regenfälle in der Gegend.“ Andere Inseln im Sundarban-Delta, das für seine ökologische Vielfalt bekannt ist und in dem der bedrohte bengalische Königstiger lebt, seien ebenfalls durch den Klimawandel gefährdet.
Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen waren die Inselstaaten beim Minigipfel durch die Malediven vertreten. Sie sind diejenigen, die von Erderwärmung und steigendem Meeresspiegel am stärksten bedroht sind. Sie haben infolgedessen auch am vehementesten verbindliche neue Regelungen gefordert.
Vielleicht macht der Klimawandel noch den einen oder anderen bilateralen Konflikt überflüssig. Es werden dafür umso mehr neue aufflammen. Aber das wollen wir - bei aller Liebe - nicht einmal bei Terry Pratchett lesen.
