
- Revolutionär wider Willen? - Schauspiel Essen
Wer Revolution und den Kampf um Freiheit sehen wollte, der musste lange Zeit ins Theater gehen. Heute reicht es eigentlich schon den Fernseher anzustellen, denn die Occupy-Bewegung, die Arabellion oder die Sozialproteste in Griechenland bestimmen das mediale Bild der Nachrichten. Umso passender scheint es dann zu sein, sich außerhalb des Dranges zum politisch Korrekten einmal mit der Frage nach Macht und Freiheit zu beschäftigen – und dafür geht es dann doch wieder ins Theater.
Der große, weite Raum
Das „Moritat in zwölf Bildern“ um den Staatsanwalt, welcher aus Empathie zu dem Mörder, welchen er eigentlich hinter Gitter bringen soll, zum Revolutionär wird ist ein Stück, dessen Aktualität sich in dem letzten Jahr bewiesen hat und weiter beweist. Und die Frage, die es stellt, bleibt oftmals unbeantwortet: Was folgt auf die Revolution?
In Essen hat Kathrin Frosch für das Stück eine ebenso einfache, wie zugleich wuchtige Bühne gestaltet. Ein riesige Eisfläche mit einem Loch in der Mitte, sanft steigend und im Hintergrund eine Leinwand, welche durch das Stück hindurch gezielt und effizient eingesetzt wird, zumeist als Hintergrundbild zur Bestimmung der Szene, was dazu führt, dass, quasi Wagneresk, die wichtigsten Rollen ihr eigenes Erkennungsbild haben, während sie, oftmals leicht verloren, auf der riesigen, kalten Fläche wandeln.
Was ist das – Freiheit?
Jan Pröhl geht in dieser Inszenierung von Konstanze Lauterbach als halb wahnsinniger Vertreter der alten Elite großartig auf. Beständig verschwitzt, wechselnd zwischen Verzweiflung und purer Arroganz bemüht er sich um den Sieg der Revolution, am Ende dann nur hoffend, dass alles nur ein Traum gewesen sei. Überhaupt bemüht man sich am Schauspiel, den permanenten Wahnsinn begreifbar zu machen. Die Köhler agieren wie eine gackernde Herde Hühner, während sie zuerst ekstatisch über die Bühne rennen und tanzen, dann jedoch zeternd danieder liegen, als ihr kurzes Glück zu Ende geht. Ganz im Gegensatz dazu die Vertreter des Staates, gekleidet in schwarzen Mäntel und Hüten, sich auf Plateauschuhen größer machend als sie sind. Der Staat als graue Bürokratie, abweisend und ohne Verbindung zum menschlichen Alltag.
Ebenso gelungen die Vertreter der Kultur im Austausch mit dem Innenminister, welcher, da er sein Unterfangen scheitern sieht selbst in den Wahnsinn zu verfallen droht und alle mitnimmt, die da um ihn stehen, während der Staatsanwalt, inzwischen ganz Graf Öderland geworden, im Hintergrund dem Volke zuwinkt, welches ihn feiert. Den Revolutionär, dessen Ausbruch so viel näher am Alltagsleben ist, als die Kälte des Regimes.
Ungesprengte Ketten und eingeschlagene Nägel
Am Ende, als alles Leugnen nicht mehr hilft, steht er da, der Graf, umwickelt von einem die Bühne bedeckenden Königsmantel in fließendem grau, welcher mit Nägel eingeschlagen wurde. Benutzt wurden dazu die Rückseiten der Äxte, keine Hämmer. Ein Bild der Ausweglosigkeit, welches langsam mit dem sich verringernden Licht verblasst.
Dass die Inszenierung als Gelungen angesehen werden kann, liegt vor allem an einer starken Einzelleistung von Pröhl, welcher dem Wahnsinn ein Gesicht gibt. Ebenfalls als guter Einfall sei zu bemerken, dass vor der Pause das gesamte Ensemble den Zauberlehrling von Goethe aufsagt. Hier entsteht ein Rezeptionsbruch, da der Zuschauer plötzlich nicht mehr als Konsument der Handlung im Auditorium sitzt, sondern, aus dem Dunkel heraus, sich angesprochen, stellenweise sogar angeschrien, fühlen muss.
Problematisch jedoch die helle Bühne, auf welcher Requisiteure allzeit sichtbar sind und sich die Frage nach Umbau oder Schattenhandlung bei beinahe jedem Szenenwechsel stellt. Die Inszenierung selbst setzt keine revolutionären Akzente oder gar, vom Zauberlehrling einmal abgesehen, Brüche im Aufführungsstil. Der Aufführung eines Stückes wie den Graf Öderland zu Beginn des Jahres 2012, wohnt jedoch eine eigene Symbolik inne.
