Von hinten kommen zwei seriöse, in Schwarz gekleidete Personen. Noch glaubt Blanche, sie werde abgeholt für einen Erholungsurlaub auf dem Land. Ihr erster Impuls ist das Styling – sitzt ihre Frisur auch richtig? Innerlich zerrieben durch einen Psychokrieg und am Abgrund stehend, bemüht sie sich immer noch um Details bei der eigenen Staffage. Gemäß ihrer zurechtgelegten Scheinwelt setzt Blanche bis zuletzt auf die illusionäre Kraft des Lebens. Die beiden Gestalten rücken bedrohlich näher, sie wirken keineswegs wie eine Verheißung ländlich-beschaulicher Erquickung und allmählich schwant der Gedemütigten etwas Unheilvolles. Melanie Straub kräht und windet sich, sie sieht das Menetekel heranrücken und ahnt bei dem schwarzen Herrn die Sense. Wenig später wird sie von Nele Jung mit einer Art Polizeigriff überwältigt – dies ist die Überweisung in eine psychiatrische Klinik. René Schwittay als Stanley, ein Koloss von Mann mit Heavy-Metal-Allüren, hat die affektierte Dame vernichtet.

Vornehme Welt in der Unterschicht

Es ist ein lebhafter, zweieinhalbstündiger Abend, bei dem das Ensemble mehrmals auf dem Bühnen-Sandboden einen Wirbel entfacht, um die Möbelstücke und Requisiten neu zu arrangieren. Zwischendurch steht alles am Bühnerand, als sei eine Mauer errichtet worden, die auf einen Barrikadenkampf vorbereitet. Am Ende, kurz vor Blanches Einweisung, sind alle Gegenstände in einer Ecke aufeinandergetürmt, und auf dieser minimalen Rumpelkammer lagert Blanche, hochnervös und irritiert. Zweifellos eine Symbolsprache des Regisseurs Markus Dietz, der ansonsten wenig von Andeutungen, aber umso mehr von klaren Aussagen hält. Immerhin ist ihm zugute zu halten, dass er Blanches gesellschaftlichen Absturz nicht vorwegnimmt und eine gewisse Spannung aufrechterhält. Es ist kein triumphaler Einzug, den Blanche bei ihrer Schwester Stella hält, aber zumindest ein selbstbewusster. Der erste Eindruck: eine monetär inkompetente, aber vornehme Dame trifft auf die Unterschicht, die sich, jedenfalls in Gestalt von Stanley, sogleich bedroht fühlt. Das hohe Lied einer besseren Welt dringt ein in die karge Sozialhütte, wo sich der ordinäre Hausherr allerdings über den permanenten Griff nach starken Getränken wundert. Blanche ist extrem durstig, in der besseren Welt scheint es auch Probleme zu geben.

Der Menschen Hörigkeit

Stella wird von Elzemarieke de Vos gespielt, die auch schon in Benedict Andrews „Sehnsucht“-Version an der Berliner Schaubühne mitwirkte. Damals hatte sie einen Kurzauftritt als Krankenschwester, ihren Aufstieg erlebt sie nun als dauerpräsente Stella in Potsdam. Sie spielt mit viel Sinnlichkeit, ist geduldig, emotional einigermaßen stabil und dem Kraftbolzen verfallen. In die Hörigkeit hineinkatapultiert, ist von ihr kein ernsthafter Widerstand zu erwarten, obwohl Blanche im schwesterlichen Zwiegespräch unausgesetzt gegen das angebliche Tier Stanley revoltiert. Übrigens sind Stanleys Freunde von ähnlicher Wesensart: der im selben Haus wohnende kahlköpfige Steve langt beim Trinken ebenso hin wie bei seiner Frau Eunice (Meike Finck), die zwecks Wiederherstellung der häuslichen Ordnung auch mal durchgewalkt wird. Ein wüstes Besäufnis, derbe Sprüche und ein ausrastender Stanley: mit Entsetzen registriert Blanche, in was für einem unannehmbaren Milieu sie Unterschlupf und Abschirmung gesucht hat. Der falsche Ort zum Nachholen verpasster Gelegenheiten, zum Ausleben bislang verwehrter Entfaltungswünsche.

Gestischer Aufwand für den Salon

Melanie Straub verlangt sich eine Menge ab, vergisst aber gelegentlich die zarten Zwischentöne. Ebenso fragil wie affektiert agierend, setzt sie ihr gesamtes, in der Schauspielschule „Ernst Busch“ erlerntes, im Theater Magdburg weiterentwickeltes Arsenal ein, um das flatterhafte Wesen der Protagonistin möglichst authentisch rüberzubringen. Blanche ist von Anfang an angeschlagen, versucht aber durch salonfähiges Gebaren, die soziale Degradierung zu übertünchen. Melanie Straub gelingt dies auch meistens, leider überzeichnet sie mitunter ihre Figur, indem sie die Gebrochenheit zu auffällig überspielt, als sei selbst der drohende Untergang ein theatralisches Schauspiel, dem es nur am nötigen Zauber gebricht. Die gebürtige Waiblingerin, die aus Überlebensgründen ihren Dialekt frühzeitig gelöscht hat, ist eine Frau, die sich ihre Bühnenpräsenz quasi erst erobern muss: hier dominiert nicht die darstellerische Ökonomie, sondern der Aufwand an gestischen Mitteln. So wie manche Soldaten bis zur letzten Patrone weiterkämpfen, hält diese Blanche bis zum bitteren Ende die Fassade aufrecht. Melanie Straub vermag durchaus zu beeindrucken, aber wenn sie den Umweg über ihre sinnlichen Reize nimmt, will das nicht so recht gelingen. Sie mag ihre nackten Beine spreizen oder sich in verführerische Posen werfen – Elzemarieke de Vos erreicht hier ohne jegliche Kraftanstrengung wesentlich mehr.

Missbrauch einer Gestrandeten

Der bullige Raphael Rubino als Mitch ist die letzte emotionale Rettungsstation, die Blanche zur Erhöhung ihrer gefährdeten Existenz anvisiert. Aufdringlich transpirierend und geistig reduziert, ist diese übervirile, zweifelhafte Libidoquelle einer seelischen Verbindung mitnichten abgeneigt. Es würde sich alles zum Besten wenden, wenn da nicht Stanleys Intervention dazwischenkäme. Nun wird Mitch aufgeklärt: Blanche war Englischlehrerin in einer Mississippi-Stadt und wurde wegen der Verführung eines 14-jährigen Schülers mehr oder weniger davongejagt. Nach derartigen Eröffnungen will Mitch, dessen Stärken im Bodybuilding und in der Einsilbigkeit liegen, Blanche nun auch nicht mehr, er glaubt ihren gegenteiligen Beteuerungen nicht und macht infolge jäh aufflackernder Rosettenfreude Anstalten, in ihren Schoß zu kriechen. Was dann passiert, ist ein leicht bizarrer Einfall von Regisseur Dietz: während Blanche schon wieder verzweifelt-heiter auf der Bühne herumhüpft, macht sich Raphael Rubino an einer nackten Frauengummipuppe zu schaffen. In den Inszenierungen von Andrews und Thomas Langhoff wurde Blanche vom Halblegastheniker Mitch vergewaltigt. Zu einer veritablen Vergewaltigung kommt es dann doch noch: René Schwittays Stanley, der jederzeit eine Rolle als Hardcore-Fan von Motörhead übernehmen könnte, fällt gierig über die Gebrochene her. Immerhin, die Diskrepanz zwischen einer arrogant auftretenden Oberschicht und einem um Daseinsfristung ringenden Prekariat ist von ungebrochener Aktualität. Kein großer Wurf in Potsdam, aber eine durchaus annehmbare Inszenierung mit offenen und versteckten Reizen.

Endstation Sehnsucht

von Tennessee Williams, Deutsch von Helmar Harald Fischer

Es spielen: Melanie Straub, Elzemarieke de Vos, René Schwittay, Raphael Rubino, Meike Finck, Michael Schroth, Dennis Herrmann, Jan Dose, Nele Jung, Cavindra Wiesener, Josephine Niang.

Regie: Markus Dietz, Bühne: Mayke Hegger, Kostüme: Veronika Bleffert, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi.

Hans Otto Theater Potsdam

Bildnachweis: © HL Böhme/Hans Otto Theater