Premiere: Literatursalon in der Kunstzone in Pfuhl

Jörg Neugebauer in der Kunstzone - Elvira Lauscher
Jörg Neugebauer in der Kunstzone - Elvira Lauscher
Am Mittwoch, den 8. Juni 2011 fand der erste Literatursalon in der Kunstzone statt. Der Abend widmete sich im Kleistjahr 2011 Heinrich von Kleist.

Stefan Kümmritz und Michaela Schafft, Leiter der Kunstzone in Pfuhl, begrüßten die Gäste zum ersten Literatursalon in Pfuhl, der ganz im Sinne der Literatursalons des 18. Jahrhunderts Raum für Literatur bieten will. In dem ehemaligen Heustadel finden sonst während den wärmeren Monaten regelmäßig Ausstellungen statt. Als Leiter des Literatursalons konnte der Neu-Ulmer Lyriker Jörg Neugebauer gewonnen werden.

Literarische Annäherung an den großen deutschen Dichter Heinrich von Kleist

Stefan Kümmritz meinte, dass die Kunstzone es ermöglichen wolle, Literatur in gemütlicher Atmosphäre zu genießen, um die Liebe zu ihr zu wecken oder zu vertiefen. Dafür haben sich die beiden Vortragenden Michaela Schafft und Jörg Neugebauer nicht nur Texte von Heinrich von Kleist ausgesucht, sondern auch eine Einführung in sein Leben vorbereitet und Stimmen über ihn präsentiert. So las Michaela Schafft gleich zu Beginn den Brief von Wilhemine von Zenge an ihren derzeitigen Verlobten Wilhelm Traugott Krug im Jahre 1803. Wilhelmine war über längere Zeit mit Heinrich von Kleist verlobt. Eine beglückende aber auch schwierige Zeit für die junge Frau. Zum einen lernte sie sehr viel von ihm, der ihr Gedichte vorlas, die sie nachlesen oder übersetzen musste und ihren „Witz und Scharfsinn durch Vergleiche, die ich bringen musste“ schärfte. Auf der anderen Seite lernte sie einen Mann kennen, der seine Pflichten nicht erfüllen konnte, ein Amt, das ihm angeboten wurde und ihm einen regelmäßigen Unterhalt ermöglicht hätte, nicht annehmen konnte, da ihn „die Amtsgeschäft unglücklich machen würden“. Die Verlobung wurde unglücklich gelöst und Wilhelmine schreibt ihrem derzeitigen Verlobten auch den Grund, den ihr Kleist nannte: „Da er durch Leichtsinn in Berlin sein Amt verscherzt habe, und durch seine Reise die Menschen zu großen Erwartungen von ihm berechtigt habe, so könne er nicht ohne Ruhm wieder in sein Vaterland zurückkehren. Sein einziger Wunsch sei jetzt bald sein Leben zu enden.“

Früher Tod des deutschen Dramatikers und Erzählers Heinrich von Kleist

Der Suizid-Wunsch beherrschte Kleists Leben und er beendete es 1811 auch durch Selbstmord. Er erschoss – auf deren Wunsch – zuerst die ihm geistig nahe stehende Henriette Vogel und dann sich selbst. Doch die Jahre bis zu diesem tragischen Tod nutzte er für die Literatur. Er schrieb Erzählungen wie „Das Bettelweib von Locarno“, „Das Erdbeben von Chili“, aber auch Theaterstücke wie „Der zerbrochene Krug“, „Amphitryon“ oder „Das Käthchen von Heilbronn“. Eine Übersicht über sein Leben und seine wichtigen Vertrauten wie seine Schwester Ulrike lieferte Jörg Neugebauer in einer ausführlichen Biografie. Der sensible junge Mann musste auch mit einigen traumatischen Erlebnissen fertig werden, wie dem frühen Tod des Vaters als er 11 war und der fünf Jahre später verstorbenen Mutter. Auch der Militärdienst mit 15 Jahren und der spätere Kriegsdienst gegen Frankreich setzte Kleist sicherlich zu.

Literatur von Kleist lebt bis heute weiter

Zwischen den Lesungen (u.a. aus den zwei genannten Erzählungen) wurde immer wieder Musik gespielt, was von den Besuchern gerne zum regen Austausch genutzt wurde. Ganz nach dem Vorbild der vierzehntägig ausgestrahlten Sendung „Klassisch modern“, für die sich Jörg Neugebauer in Text- und Musikauswahl verantwortlich zeigt. Auch hatten die Besucher die Möglichkeit, nach den gelesenen Textstellen mitzudiskutieren oder ihren Eindruck vom gelesenen Werk mitzuteilen. Ein kleiner Höhepunkt war sicherlich die Schlüsselszene aus „Das Käthchen von Heilbronn“, die Michaela Schafft und Jörg Neugebauer dialogisch vortrugen. Die Literatur Kleists lebt bis heute weiter, auch wenn der Dichter selbst daran gezweifelt hat und in einem Brief an seine Schwester Ulrike schrieb: „Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinniges Kind, alle übrigen hin.“

Literatursalon soll zur festen Einrichtung werden

Der erste Literatursalon zu Ehren Kleists war ein gelungener Beginn einer neuen Reihe. Der passende Rotwein „Abbaye de Valmagne“ aus Frankreich, dem Land, das der reiselustige Kleist oft bereiste, rundete den Abend auch noch kulinarisch ab. Man darf gespannt sein, wie die Reihe weiter geht. Der nächste Literatursalon findet am 20. Juli 2011 in der Kunstzone statt.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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