Einfach war das Leben als Journalist in der DDR nicht. Presseanweisungen und die Schere im Kopf sorgten dafür, dass die SED keine unliebsamen Überraschungen in den Tageszeitungen erwarten musste. Bekannt ist bis heute nur der Fall der „Freien Presse", die durch einen (gewollten?) Druckfehler am Tag der Veröffentlichung der Rede von SED-Politbüromitglied Horst Dohlus („Mit Optimismus und voller Leidenschaft weiter auf dem Kurs des XI. Parteitages") „Freie Fresse" hieß. Folge waren Befragungen und Durchsuchungen durch Mitarbeiter der Stasi. Eine Ausnahme. Denn die SED hielt die Zügel, mit denen sie die Presse steuerte, fest in der Hand.
Keine Zensur = Meinungsfreiheit?
Offiziell existierte nach 1950 jedoch keine Zensur mehr in der DDR. Warum kann die Zeitungslandschaft in der DDR dennoch nicht als pluralistisch gelten? Die „Schere im Kopf" sorgte dafür, dass Nachrichten SED-konform erschienen. Dies gelang auch dadurch, dass innerhalb der einzelnen Zeitungen der Chefredakteur für jede Veröffentlichung in seinem Blatt haften musste. Eine hohe Kontrolle in der Zeitung war die Folge. Im Redaktionskollegium, das dem Chefredakteur zur Seite stand, saß zudem ein Vertreter der federführenden Organisation.
Das Politbüro des Zentralkomitees (ZK) verfügte über die oberste Richtlinienkompetenz bei der Steuerung der Inhalte in den Medien. Innerhalb des Sekretariats des ZK befand sich die Abteilung Agitation und Propaganda, die sich ausschließlich um die Lenkung der Presse kümmerte. Mithilfe von täglichen Konferenzen in Berlin, Konferenzschaltungen zu den übrigen SED-Zeitungen, Presseanweisungen und der Anleitung des Presseamtes der DDR-Regierung war eine konsequente Überwachung der Inhalte möglich.
Zudem existierten im SED-ZK und beim Presseamt Auswertungsabteilungen, die alle Publikationen untersuchten und Missliebiges notierten. Die redaktionelle Arbeit der Journalisten wurde durch Jahres-, Monats- und Wochenpläne vorgegeben.
Zwischen den Lenkenden im ZK und den Gelenkten bei den Zeitungen bestand eine gewisse personelle Durchlässigkeit. So war etwa Joachim Herrmann zuerst Chefredakteur des ND und später Leiter des für die Presse zuständigen Sekretariats.
Der Vertriebssektor war monopolisiert. Die Deutsche Post durfte als einzige Organisation Publikationen, die in der Postzeitungsliste notiert waren, vertreiben.
Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst
Die Nachrichtengebung selber war in Form des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) zentralisiert. Es wurde am 10. Oktober 1946 als GmbH in Ost-Berlin gegründet und am 2. April 1953 eine staatliche Institution. Hier wurde entschieden, welche Nachrichten aus dem lokalen und politischen Leben in der DDR an die Zeitungen weitergereicht wurden. Außerdem filterte der ADN Kommentare aus dem Ausland vor. Das Statut des ADN aus dem Jahr 1966 legte fest, dass „die Aufgaben des ADN in der Wort- und Bildberichterstattung für die Deutsche Demokratische Republik sich aus dem Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" ergeben.
Die Zeitungen waren auf dessen Material (abgesehen von der eigenständigen Produktion lokaler Nachrichten) angewiesen und durften dieses inhaltlich wenig verändern. Bei wichtigen politischen Artikeln war unter Umständen die Platzierung vorgegeben. Sogar die Leserbriefe wurden in Form und Inhalt auf lange Sicht vorbereitet und vorgegeben.
Der ADN war mit anderen Agenturen weltweit verbunden und bezog von diesen seine internationalen Informationen. Der Dienst fertigte aber auch eigene Auslandsberichte an, die auf internationalem Terrain nur durch Berichte der Auslandskorrespondenten des Neuen Deutschlands, dem Zentralorgan der SED, ergänzt wurden. Der ADN unterhielt ebenfalls einen Pressephotodienst (Zentralbild, ZB), der 1956 angeschlossen wurde.
Ausbildung zum sozialistischen Journalisten
Die letzte Lenkungsmöglichkeit setzte bei der Ausbildung der Journalisten an. An der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität achteten Professoren und eingesetzte Mitarbeiter der Stasi darauf, dass die zukünftigen Journalisten den politischen Leitlinien entsprachen.
Die dreijährige Ausbildung war nach einem einjährigen Volontariat in einer Redaktion des Landes möglich.
Die geschilderten Mechanismen der Lenkung versagten nicht oft, das System der Steuerung und Beeinflussung war fein ausgearbeitet. Allerdings kam es vor allem bei internationalen Entwicklungen oft zu Artikelveröffentlichungen, die der SED nicht zusagten. Folge war die personelle Neubesetzung des leitenden Postens innerhalb der Redaktion.
