Prestige des Studierens

Volle Hörsäle - spiegel.de
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Aktuelle Entwicklungen und Probleme an deutschen Universitäten.

Rund 2.3 Millionen vorwiegend junge Menschen sind derzeit an Universitäten und Hochschulen in Deutschland eingeschrieben. So viel wie niemals zuvor und 200.000 mehr als noch vor zwei Jahren. Einzig das Durchschnittsalter stagniert und verharrt seit Jahren auf 25,3. Doch dieses dürfte sinken, führt man sich vor Augen, dass das Abitur mittlerweile bereits nach zwölf Jahren erlangt werden kann. Außerdem wird ab dem 31. Dezember 2011 der Zivildienst nicht mehr obligatorisch sein.

Universitäten brauchen Platz

Diese Zahlen erschrecken viele Universitäten. Warum? Es fehlt der Platz für die Studierenden. Allein an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wird der Präsident kommende Woche tausende Erstsemester begrüßen. Im Unklaren ist jedoch, wo die vielen aufgeregten Neulinge ihre Seminare und Vorlesungen besuchen werden. Schon im letzten Semester wich man ins städtische Kino aus, ebenso stellte die Bausparkasse Mainz Seminarräume zur Verfügung. Von einer Campus-Universität kann nicht mehr die Rede sein. Hektische Busfahrten, pressiertes Fahrradfahren und Dauersprinten durch die Mainzer Innenstadt gehören zum studentischen Alltag, will man in den halbstündigen Pausen zwischen zwei Veranstaltungen rechtzeitig zu den Vorträgen der Dozenten anwesend sein.

Mainz ist sicherlich kein Einzelfall. In Niedersachsen und Bayern ist der doppelte Abiturjahrgang an der Universität angekommen. Die Uni Hannover hat 42 Prozent mehr Erstsemester als im Vorjahr. Die TU Braunschweig begrüßt ihre 3.800 „Neuen“ gar im Stadion ihrer Braunschweiger Eintracht.

Erbitterter Konkurrenzkampf um Seminare und Wohnungen

Sind die frischen Studenten glücklich darüber einen Platz ergattert zu haben, sind Alteingesessene darüber sehr verärgert. Immer schwieriger wird es für alte Studiengänge, etwa Magister und Diplom, in überfüllte, gewünschte Seminare zu kommen. Bachelor-Studierende werden bevorzugt, da diese in ihren Studienplänen eingeschränkter sind als Studierende der alten Studiengänge. Daran wird auch die beschlossene Bachelor-Reform nichts ändern, die mehr Flexibilität und individuelle Studienpläne bringen soll.

Nicht nur in den Gebäuden der Universität geht es chaotisch zu. Viele Studenten verlassen ihre Heimat zu Gunsten der bestmöglichen Ausbildung. Die Universität als Alma Mater liegt demnach oft viele hundert Kilometer fern der Vertrautheit, sehr zum Wohle der Wohnungsmärkte in den Universitätsstädten. Möchten viele „Freshmen“ geräumige, preisgünstige, zentral gelegene Zimmer in Wohngemeinschaften oder Wohnheimen, vergessen sie dabei häufig, dass sie mit diesen Absichten und Wünschen nicht alleine sind.

Der Immobilienmarkt ist begrenzt und die „Mitbewohner-Castings“ zermürbend. Viele greifen erfolglos auf Makler zurück oder hoffen über Vitamin B eine geeignete Studentenbude zu finden. In Hannover etwa kamen einige Studenten sogar in Seniorenzentren unter, da es an Alternativen mangelt. Pendeln ist die letzte Lösung, und gerade zu Studienbeginn bleibt oft keine andere Möglichkeit.

Lohnt es sich?

Bei all diesem Stress müsste man doch nach Alternativen suchen. Viele Studienberater erachten eine Ausbildung als äußerst sinnvoll, während in Umfragen auch viele Schulabsolventen diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Ausbildung und danach eventuell studieren. Solche Meinungen sind mittlerweile sehr verbreitet, denn der finanzielle Aspekt spielt eine große Rolle. Die Zeit des Studiums wird als Existenzminimum angesehen und materiellen Wohlstand versprechen sich Studierende während der Immatrikulationszeit de facto null. Zwar sind die Jobaussichten und auch die Einkommenserwartung mit einem Hochschulabschluss nach wie vor besser, doch die lange Zeit des Wartens schreckt viele ab.

Lehrstelle oder Studium?

Diese Frage stellt sich die Mehrheit der Abiturienten. Dort, wo für viele nur eine Ausbildung ohne Hochschule in Frage kommt, lässt die Informiertheit zu wünschen übrig. Denn viele wissen nicht, dass Lehrstellenplätze schwieriger zu bekommen sind als Studienplätze. An staatlich geförderten Hochschulen sind trotz der Flut der Bewerber immer Plätze frei. Seien es zulassungsfreie oder zulassungsbeschränkte Plätze, ist man variabel bei der Wahl des Faches, bekommen Bewerber immer die Möglichkeit, sich einzuschreiben.

Warum also nicht studieren?

Sind es die oben genannten finanziellen Aspekte, oder das Bewusstsein, nur ein kleines Individuum im Kosmos der Massenuniversitäten zu sein, ein ständig dem Konkurrenzzwang ausgesetztes Subjekt, Universitäten scheinen ihr Prestige zu verlieren. BA-Studien sind beliebter denn je, bieten sie doch die Verknüpfung zwischen Ausbildung und Hochschulstudium.

Viel wichtiger erscheint jedoch, dass die moderne Universität in den Sog von Verwaltung und Management gerät. Widerstand gegen den bürokratischen Alptraum und Refor fordert nicht nur Reinhard Brandt, der bis 2002 Professor für Philosophie an der Universität Marburg war. Sein kürzlich erschienener Essay „Wozu noch Universitäten“ beklagt, dass die Universitäten, als eine der ältesten Institutionen überhaupt, schlicht wie profitorientierte Unternehmen agieren. Die Organisation des Studiums werde zunehmend von außen vorgeschrieben. Zugleich ziehe sich der Staat aus der Grundfinanzierung zurück. Die Universität spalte sich in den Bachelor-Bereich, in dem nur noch Wissen abgefüllt werde, und in Exzellenz-Zonen, in denen der Kampf um Drittmittel alles dominiere. Gemeinsam ist beiden Bezirken, dass sich in ihnen alle, Lehrende und Forschende wie Lernende, nur noch strategisch verhalten.

Ist eine Verbesserung in Sicht?

Nicht alle haben solch negative Ansichten über den gegenwärtigen Stand der Unis. Bildungskapital ist bei den meisten Hochschulgängern immer noch das wichtigste Kapital, um im post-universitären Leben sicher und vorsorglich zu leben. Viele sehen die Uni nach wie vor als ein Privileg und als eine Ausbildungsstätte, die befriedigende Möglichkeiten für einen Einstieg in die Arbeitswelt bietet. Auch die überwiegende Mehrheit der Verantwortlichen an den Hochschulen meinen, dass man sich anpassen müsse und mit der Zeit gehen, anstatt an veralteten Methoden festzuhalten. Aussichtsreich lässt sich folglich festhalten, die Unis werden sich auch an den Massenstrom anpassen und neue Mittel und Wege finden, nach und nach alle Veranstaltungen an den Campus zurück zu holen.

Und wer ganz optimistisch denkt, weiß, dass über das Internet, die globale Verdichtung, die Dynamisierung der Informationsmedien jegliche Arten von Wissen autodidaktisch vermittelt werden können.

Paul Thor Leibniz, buch.de

Paul Thor Leibniz - Hallo liebe Leserinnen und Leser, liebe Suite101-Autoren, Ich bin 25 Jahre alt und studiere an der Johannes Gutenberg-Universität ...

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