Internate – Geschäftsidee für clevere Investoren?

Der Medien-Hype um private Elite-Internate hat Projektentwickler und Finanzinvestoren auf den Plan gerufen, die hier das Geschäft der Zukunft wittern.

Elite-Internate sind in aller Munde. Ins Gespräch gebracht haben sich gewisse Einrichtungen allerdings zuletzt eher unfreiwillig: Durch die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs, die im „annus horribilis“ 2010 ans Licht kamen.

Bis dahin war es ihren Repräsentanten dank eines schrankenlosen PR-Journalismus gelungen, einen regelrechten Medien-Hype zu Gunsten sozial exklusiver Wohnschulen auszulösen. Neben den Instituten selbst und ihren Trägerorganisationen rührte vor allem jene prosperierende Zunft die mediale Werbetrommel, die unter der Rubrik „Internatsberatung“ firmiert. Hinter dieser Dienstleistung verbergen sich mit ganz wenigen Ausnahmen gewerbsmäßige Vermittler, die nur scheinbar für die Rat suchenden Eltern, in Wirklichkeit aber im Auftrag einer kleinen Gruppe von Edel-Internaten tätig sind, die für jeden gekeilten „Eliteschüler“ hohe Provisionen zahlen. Vor allem sie versorgen den Nachrichtenmarkt seit Jahren mit immer neuen Jubel-Meldungen über einen angeblichen Nachfrageboom bei teuren Luxus-Instituten, die oft schon allein wegen ihrer sozialen Exklusivität (und dann meistens fälschlich) zu Eliteschulen erklärt werden.

Neuer Typ des Eliteinternats

Neben den eher traditionell ausgerichteten Landerziehungsheimen, zu denen Adressen wie die Schule Schloss Salem, Birklehof, Neubeuern oder Louisenlund gehören, machte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ eine neue Variante des Nobel-Internats aus. An Einrichtungen wie der Internatsschule Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, so war bei „Spiegel Online“ vom 11. Mai 2009 nachzulesen, könne man studieren, wie eine Schule funktioniere, die „immer neue Superlative“ (die jüngsten Abiturienten, die besten Noten, die schnellsten Denker) erzeugen müsse, um sich auf einem „wachsenden, aber schwierigen Markt“ zu behaupten und „ein Produkt" – das Abitur – "zu verkaufen, das es überall umsonst gibt."

In ähnlicher Lage befinden sich Gründungen wie der von einer gemeinnützigen GmbH unterhaltene „Leonardo da Vinci Campus Nauen“ im Brandenburgischen. Die Abteilungen des Campus – „Creativitäts“-Kindergarten, „Creativitäts“-Grundschule, „Creativitäts“-Oberschule und „Creativitäts“- Gymnasium (Internationale Schule) – verraten schon durch ihre Namensgebung Leitbild und Zielgruppe des Privatinstituts: Das Genie im Kinde und das Kind als Genie, einschließlich der dazugehörigen engagierten und ehrgeizigen Eltern.

Mit demselben Namenspatron wirbt das private „Leonardo da Vinci Gymnasium“ im schwäbischen Neckargmünd um „hochbegabte Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer hohen Intelligenz, raschen Auffassungsgabe und ihrer hohen Lerngeschwindigkeit eine spezielle pädagogische Förderung benötigen“. Unter der Bezeichnung „Prima da Vinci“ wird inzwischen auch die Primarschule (Grundschule) angeboten.

Auf eine Kundschaft mit internationaler Orientierung zielen die Angebote der nachfolgenden Neugründungen: Eine Internatsschule (Oberschule und Gymnasium) mit osteuropäischer Ausrichtung betreibt die Dr. P. Rahn & Partner gemeinnützige Schulgesellschaft mbH in Stift Neuzelle/Niederlausitz. Auch hier findet sich, wie in Schloss Torgelow, ein modern anmutendes Schulkonzept in historischen Mauern, wobei der Schulträger allerdings nur Untermieter einer Stiftung des Landes Brandenburg ist, die das als „Barockwunder“ gelobte pompöse Klosterensemble auf höchstem Standard saniert. So kann zu relativ moderaten Kostensätzen eine Mischung aus Repräsentation und modernstem Wohnkomfort geboten werden.

In einem rasanten Auf- und Ausbau befindet sich die „Berlin Brandenburg International School (BBIS)“ mit Internat. Das Institut residiert auf dem gigantischen Seeberg-Gelände in Kleinmachnow. Berlin und Potsdam bilden den unmittelbaren Einzugsbereich. Schülern von 3 bis 19 Jahren, die aus 60 Ländern stammen, wird hier eine „international ausgerichtete Unterrichtsgestaltung auf höchstem Niveau“ (Schulvideo) zuteil, die mit dem IB-Diplom abschließt. Sie werden von Lehrern aus 20 Nationen in kleinen Gruppen (maximal 18 Lernende) unterrichtet. Viele Klassen verfügen über eine zweite Lehrkraft, die vor allem jenen Kindern zur Verfügung steht, die sich mit der Unterrichtssprache Englisch noch schwer tun. Die Lehrer werden ein Stück weit in der Rolle des „Künstlers“ gesehen, der seinen Unterrichtsraum als „Atelier“ nutze, um die Eleven in einer positiven Atmosphäre zu Selbstbewusstsein und freier Entfaltung führen zu können. Daher wird den Lehrkräften eine große methodische Freiheit zugestanden; im Rahmen eines Unterrichtskonzepts, das sich „Inquiry Based Curriculum“ nennt. Hierbei handelt es sich um ein offenes Lernangebot, das sich an dem Interesse und an den Fragestellungen der einzelnen Schüler orientiert und ihnen die jeweils passenden „Tools“ zur Verfügung stellt. Großer Wert wird auf die Fähigkeit gelegt, sich vor Publikum zu präsentieren. Typisch ist auch ein besonders reichhaltiges Angebot an Schul- und Freizeitsport. Die meisten der Kinder und Jugendlichen fahren nach dem Ganztagsunterricht zu ihren im Umkreis lebenden Familien. Die Internatsschüler wohnen in Ein- und Zwei-Bettzimmern mit eigenem Bad. Der Erziehungsstil wird als „strukturiert, aber nicht sehr streng“ dargestellt. Da die meisten Schüler aus Diplomatenfamilien stammen oder die Eltern Führungskräfte internationaler Unternehmen sind, ist die Fluktuation unter den Schülern sehr hoch (rund 30 Prozent pro Schuljahr).

Freunden der britischen Lebensart, die den Sprung über den Kanal scheuen, bietet die St. George’s School Cologne mit Schwester-Instituten in Duisburg und Aachen das volle englische Schulprogramm vom Kindergarten bis zur 12. Klasse (A-Level, IB-Year 2). Das Internatsangebot umfasst alle Stufen von “Full Boarding” einschließlich aller Wochenenden, “Weekly Boarding” (allwöchentliche Heimfahrt) sowie kürzeren, “Flexi-Boarding” genannten Betreuungsmodulen. Unterricht und Internatsleben sind das genaue Abbild englischer Internatsschulen. Die Lerngruppen sind klein. Der Lernfortschritt jedes Schülers wird von einem eigenen Tutor überwacht.

Gründungsprojekte "auf Eis"

Ständig liest man mittlerweile von weiteren Internats-Projekten privater Investoren, die allerdings zumeist über das Planungsstadium noch nicht hinausgekommen sind. So meldete „Welt Online“ bereits am 25. Mai 2007 unter der Schlagzeile „In Templin entsteht ein Elite-Internat“, der Berliner Immobilienkaufmann Christian Kolbe (51) habe die Liegenschaft des traditionsreichen Joachimsthaler Gymnasiums, einst eine der wichtigsten Bildungsstätten Preußens, vor etwa vier Wochen für 1,55 Millionen Euro ersteigert. Seither arbeite er „mit Hochdruck an dem Konzept für eine exklusive Schule mit angeschlossenem Nobel-Internat“. Doch selbst noch Anfang 2011 findet man auf der Webseite des Investors das kleinlaute Eingeständnis: „Relativ bald stellte sich jedoch heraus, dass zu den verschiedenen Konzepten ein geeigneter Schulträger fehlt. Ich selbst bin als Objektentwickler und nicht als Schulträger angetreten. Als Objektentwickler habe ich mir das Ziel gesetzt, die von mir erworbene Immobilie wiederzubeleben und diesen Standort in Templin wirtschaftlich zu entwickeln, wobei für mich ein Bildungsprojekt erste Priorität besitzt. Derzeit wird intensiv an einem vielversprechenden Schulkonzept gearbeitet, welches eine gute Perspektive verspricht.“

Auch das Internatsprojekt „Nordsee College“ in List auf Sylt, das der Großinvestor Graf Hardenberg auf dem Gelände der ehemaligen Marineversorgungsschule realisieren will, stößt auf erhebliche Schwierigkeiten, seitdem die Banken – von dem Erfolg einer Internatsschule wohl nicht recht überzeugt – die Finanzierungszusage an die Bedingung knüpfen, dass ein alternatives Nutzungskonzept („Plan B“) in Form einer Wohnbebauung vorgelegt wird. Schon kündigt der Graf an, sich andernorts umsehen zu wollen, wenn die alternative Option Dauerwohnen von der Gemeinde nicht genehmigt werde.

Im Idealfall bereits zum Schuljahr 2011/2012 sollte nach Planungen der Initiatoren in Gummersbach ein Internatsgymnasium mit dem Ausbildungsschwerpunkt „MINT“ (Mathematik, Informatik, Naturwissen-schaften und Technik) den Betrieb aufnehmen. Doch der Schulausschuss der Stadt fürchtete um den Bestand des örtlichen staatlichen Gymnasiums, so dass die Initiatoren, ein Rechtsanwalt und der bereits im Ruhestand lebende Vorstandsvorsitzende eines Industrie-Unternehmens, sich von vornherein zu der Verpflichtung genötigt sahen, das neue technisch-naturwissenschaftliche Internat werde keine örtlichen Schüler (sogenannte Heimschläfer) aufnehmen, sondern seine Schüler grundsätzlich aus größerer Entfernung rekrutieren. Inzwischen ist das Projekt geplatzt, nachdem ein wichtiger Förderer abgesprungen sei.

Gerade das letztgenannte Beispiel zeigt eine große Schwäche privater Bildungsprojekte. Sie bieten – ganz anders als staatliche Einrichtungen – für die Adressaten oft wenig Planungssicherheit und Nachhaltigkeit. Unwägbarkeiten der Genehmigungs- und Anerkennungsverfahren, finanzielle Durststrecken bis zur Rentierlichkeit des Betriebs, unvorhergesehene Veränderungen im Personalbereich, Missmanagement und andere Faktoren können zum vorzeitigen Aus führen. Zudem hat Bildung unter privatwirtschaftlichen Rahmenbedingungen offensichtlich auch erhebliche Nachteile, wie man kritischen Elternberichten etwa bei "Schulradar" entnehmen kann. Die Zufriedenheit der zahlenden Kundschaft ist oft vom äußerlich sichtbaren Lernerfolg der Kinder abhängig. Dies kann zu Lasten des Anforderungsniveaus gehen, und der hierdurch bedingte schlechte Ruf löst dann unter Umständen plötzliche Abwanderungswellen aus, die das Privatschulunternehmen in den Ruin treiben.

Für den Internatssektor gelten zudem andere Gesetzmäßigkeiten als für Privatschulen allgemein. Hier gibt die Nachfrageentwicklung noch keinen Anlass, von einem Boom zu sprechen, der die unternehmerische Fantasie und den Optimismus der Finanzwelt ins Kraut schießen lassen müsste. Zuverlässige Aussagen über die zukünftige Bedarfsentwicklung im Bereich privater Eliteinternate werden vor allem dadurch erschwert, dass der Begriff des Elite-Internats ebenso unscharf (geworden) ist wie jener der Elite. Legt man die ursprüngliche Definition einer „Auswahl der Besten“ (siehe lateinisch eligere) zugrunde, so treffen private Neugründungen bereits auf gut aufgestellte Konkurrenten, die einschlägige Marktnischen längst besetzen.

Hochbegabtenförderung können staatliche Internate besser

Hochbegabtenförderung – das können staatliche Elite-Internate aus vielerlei Gründen besser. Und auch an Tradition und Renommee haben sie den Newcomern einiges voraus. Zu ihnen zählen etwa die nach der Wende neu belebten Sächsischen Fürstenschulen St. Afra und Pforta, die westdeutschen Traditionsanstalten Kloster Maulbronn und Kloster Blaubeuren, die ostdeutschen „Spezialschulen“ für mathematisch-naturwissenschaftlich, musikalisch oder fremdsprachlich Begabte oder die westdeutschen Neugründungen für hoch Befähigte und Hochbegabte, unter anderem das Schloss Hansenberg in Hessen, das Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern oder die Landesschule für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd. Hinzu kommen noch die Internate an den Eliteschulen des Sports oder Talentschmieden für Schülerinnen und Schüler mit Spezialbegabungen aller Art, seien es Reiter, Sänger, Tänzer, Akrobaten, bildende Künstler oder was auch immer.

Sie alle haben den Vorteil einer wesentlich besseren Schülerauswahl, denn sie müssen ihren Schülern nur die reinen Stationskosten in Rechnung stellen. Dank zusätzlicher Ermäßigungen oder Schüler-BAföG übersteigen die (oft nur für zehn Monate zu leistenden) Internatsgebühren kaum den Betrag, den die Familien aufgrund der „Fremdunterbringung“ ihrer Kinder einsparen können. Da die Hauptlast der Eliteförderung vom öffentlichen Träger aufgebracht wird, muss kein geeigneter Bewerber aus wirtschaftlichen Gründen abgewiesen werden. Ein Meldewesen zwischen den einzelnen Schulen und der Kultusverwaltung sorgt zudem für stetigen Zustrom geeigneter Bewerber, die sich zusätzlich strengen Auswahlverfahren stellen müssen, bei denen nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten unter Beweis gestellt werden müssen, sondern auch die Sozialkompetenz.

Gesellschafts- und bildungspolitischer Gegenwind

Private Neugründungen wildern daher – bei rückläufigen Schülerzahlen und tendenzieller Verarmung bildungsbürgerlicher Schichten – vor allem im Revier der preislich exklusiven Landerziehungsheime und ähnlicher Institute, deren Eliteanspruch sich nicht unbedingt auf die akademische Exzellenz oder anderweitige Spitzenleistungen ihrer Eleven stützt und die sich marktstrategisch nur behaupten können, indem sie den Elitebegriff so weit umdeuten, dass man sie für den Erfolg ihrer Elite-Bildung nicht in Haftung nehmen kann.

Der Ruf der etablierten Konkurrenz ist allerdings nicht nur durch die zahlreichen Missbrauchsfälle vergangener Jahre angeschlagen. Ihre aggressive Werbung mit den Vorteilen ihrer Alumni-Netzwerke – Beziehungen statt Leistungswettbewerb – hat einen gesellschafts- und bildungspolitischen Gegenwind erzeugt, der in Zukunft zum ernsthaften Hindernis für den Ausbau exklusiver Bildungs- und Erziehungsstätten werden könnte. So warnt der Bildungsforscher und ehemaliger Leiter der Bielefelder Laborschule, Prof. Dr. Klaus Jürgen Tillmann, vor „Exklusionstendenzen“, wie sie sich unter anderem in der Gründung von Elitekindergärten und privaten Grundschulen zeige: "Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass die neue Debatte über Elite und Exzellenz vor allem darauf ausgerichtet ist, soziale Separierung im Bildungssystem weiter zu befördern. Einer solchen Argumentation, die Begabtenförderung sagt, aber soziale Spreizung meint, sollten wir nicht auf den Leim gehen."

Laut Grundgesetz ist eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern ausdrücklich untersagt. „Standesschulen“ mit einem Schulgeld von mehreren Hundert oder gar Tausend Euro pro Monat sind demnach nicht einmal genehmigungsfähig. Das häufig ins Feld geführte Argument, mit Hilfe von Kostenermäßigungen und Stipendien werde die notwendige soziale Mischung der Schülerschaft in teuren Instituten sichergestellt, ist leicht zu widerlegen.

Nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG-Beschluss des I. Senats vom 9. März 1994 1 BvR 682, 712/88, BVerfGE 90, 107) verletzt bereits ein verhältnismäßig bescheidenes Schulgeld von umgerechnet 85 Euro das Sonderungsverbot. Salem und ähnliche Nobel-Internate liegen trotz aller Ermäßigungen und Stipendien jedoch im Mittel weit darüber. Das Finanzgericht Köln (Urteil vom 14. Februar 2008, Az.: 10 K 7404/01) zog aus der Tatsache, dass es in Deutschland staatlich anerkannte Ersatzschulen mit einem jährlichen Schulgeld bis zu 30.000 Euro gebe, den folgerichtigen Schluss, dass das Sonderungsverbot in der Anerkennungspraxis der Bundesländer nicht ernst genommen werde.

Sollten sich private Eliteinternate aus der Hand von Objektentwicklern und Finanz-Jongleuren tatsächlich zu einem Erfolgsmodell entwickeln, so wäre dies ein sinnvoller Anlass, in unserer Gesellschaft einmal wieder ernsthaft über das Sonderungsverbot der Verfassung nachzudenken.

Ulrich Lange, Ulrich Lange

Ulrich Lange - Ulrich Lange, geb. 02.06.1949 Abitur 1969 Studium Politik/Soziologie/Erziehungswissenschaft in Marburg Berufliche ...

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