Er war schon immer eine umstrittene und heikle Sache, der Zölibat. Und: in jüngster Zeit haben Kirchenobere wie Robert Zollitsch und Claudio Kardinal Hummes neues Öl in das ohnehin lodernde Feuer gegossen. Der Zölibat sei “theologisch nicht notwendig” bzw. “kein Dogma” - und muss deshalb weg, findet die breite Mehrheit der römisch-katholischen Christen. Aber ist es wirklich so einfach? Hat die verpflichtende Ehelosigkeit für Priester und teils auch Diakone der römischen Kirche nicht auch Positives an sich?
Menschlicher Leib: Medium der Mitteilung Gottes
Der biblische Jesus war ehelos. Dennoch hat er den Bund für das Leben spürbar geheiligt: einmal durch seine Teilnahme an der Hochzeit zu Kanaa, zum anderen durch einige Gespräche mit seinen Jünger(inne)n, im Verlauf derer er ausdrücklich eheliche Treue forderte. Und in der Tat lassen sich in der Urkirche auch beide Lebensformen nachweisen. Auch ist für Jesus das Argument der kultischen Reinheit kein triftiger Grund mehr. Laut Altem Testament durften jüdische Priester nur eine israelitische Jungfrau heiraten, keinesfalls eine Witwe, Geschiedene oder Ausländerin. Im Neuen Bund aber zählt alleine die reine Gesinnung des Herzens. Es dürfte an der Geringachtung derselben gelegen haben, dass die junge Kirche trotzdem schon bald darauf wieder dem leib- und sexualfeindlichen Dualismus verfallen ist.
Jedoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass der menschliche Leib Medium der Mitteilung der Liebe Gottes und damit unüberbietbarer Ausdruck der vollkommenen Hingabe an diese Liebe sein kann. Diese wäre dann der leibhaft-realen ehelichen Hingabe analog - und somit Seinsgrund für ein Priestertum, in welchem die zölibatäre Lebensform die angemessene ist. Zudem gehört die Ordnung des geschlechtlichen Triebes zur menschlichen Natur und unterscheidet ihn von der tierischen. Folglich setzt menschliches Sein voraus, dass sich die Natürlichkeit in die freie und bewusste Gestaltung eigenen Lebens einfügt. Ein zölibatär lebender Mensch verzichtet also letztendlich nicht auf Sexualität, Leiblichkeit oder Sinnlichkeit, sondern auf die eheliche Liebe und damit auf die Form der Sexualität, Leiblichkeit und Sinnlichkeit, die Ausdruck der Ehe ist.
Kirchenpolitisches Kalkül
Festgezurrt wurde der Zölibat letztlich auf dem Zweiten Laterankonzil 1139. Es ist heute kein Geheimnis mehr, dass hierbei auch ökonomische Beweggründe ein Rolle gespielt hatten. Priesterliche Ehelosigkeit bedeutete Hinzugewinn von Besitzständen und Pfründen, gleichzeitig verhinderte sie den Wegfall derselben aufgrund von Lebensunterhalt und Erbschaft. Auch Priester- und Bischofsämter konnten seinerzeit nämlich vererbt werden! Somit wurde durch diese “disziplinarische Maßnahme” weiterhin sichergestellt, dass alle Menschen - unabhängig von der gesellschaftlich-sozialen Stellung - in gleichem Maße Zugang zu den geistlichen Ämtern bekamen. So paradox es klingen mag, aber damit gewährleistete der Zölibat ein nicht unerhebliches Stück menschlicher, kultureller und zivilisatorischer Entwicklung, zumal er befreite von den damals herrschenden absolute patriarchalischen Herrschafts- und Machtstrukturen.
Allerdings muss in diesem Zusammenhang die gesellschaftliche Stellung des damaligen Klerikers erwähnt werden. Nicht nur vom sozialen, sondern auch vom bildungstechnischen Moment her gesehen galt dieser als der “höhere”, “bessere” Christ. Der Zölibat untermauerte dieses Establishment zusätzlich, was jedoch einen Widerspruch bedeutet zum biblischen Ideal des Dienens statt Herrschens. Zudem wurde schon in apostolischer Zeit die Ehe nie als Standeszeichen begriffen, welches sich unwillkürlich mit einem Amt verknüpft hätte.
Pharisäische Glaubensvermittlung durch ich-schwache Menschen
Braucht man nicht aber ein gewisses Maß an Energie, um zu dienen? Ist hierfür der Zölibat nicht ein Ideal, weil man einerseits auf Ehe und Familie keine Rücksicht zu nehmen braucht und zum andererseits die nicht genuin befriedigte Sexualität in besagte seelsorgliche Energie umwandeln kann?
Es sei festgestellt: Auch letzteres braucht nicht unerhebliche Kraft! Zudem bedeuten unzureichende eheliche Erfahrungen auch unzureichende Empathie für die Sorgen und Nöte der Laien. So erfährt also die bedeutendste irdische Aufgabe eine irrationale Einstellung samt irrationalen Zielsetzungen. Die pharisäisch anmutende Vermittlung von Glauben und Moral ist vorherbestimmt, wenn ein Priester einen anderen Menschen nicht als persönliches Geschenk Gottes annehmen will. Auch wenn Ehelosigkeit sicher nicht automatisch eheliche Ahnungslosigkeit bedeutet, erweist sich der Zölibat auf diese Weise als innerkirchliches Herrschaftsinstrument, das sich negativ auswirkt auf die Verkündigung der jesuanischen Botschaft und ich-schwachen, zu partnerschaftlicher Bindung unfähigen und für hierarchische Gängelei empfänglichen Menschen amtlich verbrämten Unterschlupf bietet. Gewiss können sowohl Ehe als auch Zölibat Zeichen sein für die totale, alles übersteigende Liebe Gottes zu den Menschen - und gewiss kann unter diesen Umständen der Zölibat als göttliches Geschenk erfahren werden, nur: Wer dieses Geschenk wirklich erfährt, wählt die Ehelosigkeit freiwillig!
Nicht nur den Zölibat neu überdenken!
Fazit: Die Berufung zum Priestertum ist von der zur Ehelosigkeit zu trennen. Dem entspricht auch die Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils, nach der die zölibatäre Lebensform “angemessen”, aber nicht “notwendig” ist. Allen Pro-Argumenten zum Trotz ist der Pflichtzölibat weder biblisch noch theologisch noch menschlich begründbar. Allerdings macht eine dementsprechende Reform nur Sinn im Verbund mit einer überdachten Einstellung zur Rolle der Frau, zu Liebe, Sexualität und Partnerschaft, aber auch zum Phänomen Ehelosigkeit und Berufung. Schließlich soll ein Priester ja nicht bloß Kapitän der Gemeinde sein, sondern Person Christi, die in seinem Namen Eucharistie feiert, segnet und verkündet - und Kirche nicht nur Volk Gottes, sondern Gnadengeschenk, Wirkungsmittel und Realsymbol für Jesus Christus.
