
- Projektkinder sollen Elternpläne verwirklichen - (c) Janos Wieland / pixelio.de
Die Geburtenzahlen in Deutschland sind in den letzten 20 Jahren zurückgegangen. Weniger Familien bekommen zwei oder mehr Kinder. Eine Rheingold-Studie aus dem Jahr 2010 hat bereits dargelegt, dass Kinder nicht mehr als Selbstverständlichkeit hingenommen werden, sondern eher als Kostenfaktor und Kostbarkeit. Gerade Frauen haben Angst, durch die Geburt eines Kindes in eine finanzielle Abhängigkeit zu geraten.
Das Bild vom eigenen Kind
Auch wenn die Geburt eines Kindes nicht mehr als Selbstverständlichkeit angesehen wird, bedeutet das nicht, dass Kinder weniger erwünscht sind als früher. Vielmehr werden Kinder heute von ihren Müttern als “Kostbarkeiten“ bezeichnet, die sie auf keinen Fall missen möchten. Die Mutterrolle wird als bereichernd empfunden. Damit verbunden ist aber auch der Trend, als Mutter möglichst perfekt zu sein und sich für das eigene Kind hundertprozentig einzusetzen.
Der Einsatz für das eigene Kind
Als perfekte Eltern muss man sein Kind so gut es geht fördern und unterstützen. Je nach Interessenlage der Eltern wird das Kind dann in Bildung, Sport, Religion, soziale Kompetenzen oder Ähnlichem besonders unterstützt. Der Nachwuchs wird im Sportverein angemeldet, nimmt Klavierunterricht oder erhält Nachhilfe. Dies ist normal und macht die Eltern von heute aus. Schließlich will man für seine Kinder nur das Beste. Doch schwierig wird es, wenn die Individualität des Kindes nicht berücksichtigt wird.
Passt die Art der Unterstützung zu meinem Kind?
Jedes Kind ist unterschiedlich und hat verschiedene Interessen, welche man nicht anerziehen kann. Und diese Vorlieben müssen nicht mit jenen der Eltern übereinstimmen. Hält es der Vater für wichtig, dass der Sohn Fußball spielt, sollte man immer überdenken, ob dieser sich überhaupt für diesen Sport interessiert. Kinder sind auf die Erfahrung und den Weitblick der Eltern angewiesen und orientieren sich zuerst an ihnen. Erst im Laufe der Jahre können sie selbstständig die Anweisungen der Eltern hinterfragen. Wird der Sohn also zum Fußballspielen animiert, wird er sich zuerst darauf einlassen, auch wenn seine Persönlichkeit anders gelagert ist. Auch wenn der Vater Fußball selbst noch so mag, sollte er deshalb nicht den Fehler machen, den Sohn in das Projekt “Ich mag Fußball – du also auch“ zu drängen.
Wenn das Kind die eigenen Wünsche verwirklichen soll
Das Ganze lässt sich dadurch steigern, dass die Kinder dazu erzogen werden, die verlorenen Wünsche und Träume der Eltern umzusetzen. Der Vater kann zum Beispiel früher selbst den Wunsch gehegt haben, Profifußballer zu werden, was ihm aber nicht gelang. Nun möchte er, dass sein Sohn diese Chance bekommt. Und es geht ihm bewusst nicht darum, dass sein Sohn seinen Traum lebt. Vielmehr glaubt der Vater, seine Vaterrolle besonders gut zu erfüllen, wenn er dem Jungen die Chancen ermöglicht, die er früher selbst nicht hatte. Er startet das Projekt “Mein Kind wird Fußballstar“ und setzt alles in Bewegung, um dieses Ziel zu erreichen. Und hier zeigt sich, dass es bei seinen Bemühungen gar nicht mehr um den eigenen Sohn mit seinen Wünschen und Lebensplanungen geht, sondern nur noch um die Umsetzung des Projektes. In den Medien gibt es Dutzende Beispiele, wo Kinder schon von klein auf von ihren Eltern in die Rolle des Schauspiel- oder Popstars getrieben wurden. Das Kind wird nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern nur noch mit dem Projekt gleichgesetzt.
Folgen für die Kinder
Das grundlegende Bedürfnis eines jeden Kindes ist es, von den Eltern geliebt zu werden. Sie wollen die Eltern glücklich machen und bestätigt werden. Da aber kein Kind von Geburt an weiß, wie es sich die Liebe der Eltern sichern kann, ist es auf deren Reaktionen angewiesen. Im Normalfall reicht schon ein Lachen des Kleinkindes, um den Eltern ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Dies nimmt ein Kind wahr. Projektkinder glauben aber besonders viel leisten zu müssen, um sich die Liebe der Eltern zu verdienen. Sie lernen, dass die Eltern dann besonders positiv auf sie reagieren, wenn sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen. Bei Projektkindern handelt es sich um ein Verhalten, welches das Projekt positiv voran treibt. Der Glaube nur für die Leistung geliebt zu werden, verfestigt sich im Laufe der Jahre immer mehr und führt zu einem geringen Selbstbewusstsein. Auf lange Sicht können psychische Erkrankungen von Depression bis hin zum Suizid die Folge sein.
Quellen:
Rheingold Studie „Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen“, 2010
Jesper Juul „Das Projekt “ fr-online 2011
