Prokrastination - Kunst oder Krankheit?

Das bewusste Aufschieben unangenehmer Aufgaben ist menschlich

Prokrastination - Problem oder Lifestyle? - S.Adler
Prokrastination - Problem oder Lifestyle? - S.Adler
Das Phänomen der Prokrastination beschäftigt die Psycholgie in den letzten Jahren immer intensiver. Was sind Ursachen und Folgen des irrationalen Aufschiebeverhaltens?

Wer kennt das nicht: Viel zu früh und scheinbar noch mitten in der Nacht klingelt der Wecker und reißt einen aus dem wohlverdienten Schlaf. Jetzt noch einmal umdrehen, nur noch fünf Minuten liegen bleiben, bis man sich auf ein Neues den nicht immer angenehmen aber meist unvermeidbaren Pflichten des Alltags stellen muss. Zum Glück hat irgendwann einmal ein kluger Mensch die praktische Schlummertaste erfunden, die geradezu dazu auffordert, sich der Verlockung hinzugeben, das unvermeidbare Aufstehen so lange wie möglich hinauszuzögern.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass in (fast) jedem von uns ein Prokrastinator, also ein Aufschieber steckt. Dinge und Aufgaben, vor allem die, die uns besonders unangenehm oder uninteressant erscheinen, werden gerne auf später verschoben, das ist menschlich und keineswegs ein neues Phänomen.

Dennoch ist die procrastination (engl., vom lat. procrastinare – vertagen, verschieben) für die es im Deutschen eigentlich noch keinen einheitlichen Begriff gibt, in den letzten Jahren verstärkt zum Gegenstand wissenschaftlicher und psychologischer Forschung geworden. Ausgehend von der Frage, ob es sich dabei nun um eine ernsthafte Erkrankung bzw. eine Störung oder lediglich um einen Charakterzug handelt, beschäftigen sich Studienzunehmend mit den Ursachen, den Symptomen und Folgen der Prokrastination und versuchen herauszufinden, ob und wie man sie vermeiden oder therapieren kann.

Was genau versteht man unter Prokrastination?

Im Volksmund gibt es zahlreiche Redewendungen und Sprichworte, die das Phänomen des Aufschiebens oder der Faulheit thematisieren: „Morgen ist auch noch ein Tag.“, „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“, „etwas auf die lange Bank schieben“, um nur einige zu nennen. Wissenschaftlich gesehen ist Prokrastination die Bezeichnung für das Verhalten oder die Gewohnheit von Menschen, das Erledigen notwendiger, aber unangenehmer Dinge immer wieder zu verschieben. Es handelt sich dabei also um das bewusste und aktive, aber irrationale Aufschieben notwendiger Aufgaben auf einen oft vagen zukünftigen Zeitpunkt.

Ursachen für die Aufschieberitis

Die am häufigsten genannten Ursachen für das unnötige Aufschiebeverhalten sind mangelnde Motivation und Langeweile, resultierend aus unklaren oder fremden Anforderungen, Desinteresse oder geringer (persönlicher) Bedeutung einer Aufgabe. Dadurch kommt es oft zu einer erhöhten Ablenkungsbereitschaft und man widmet sich verstärkt Ersatzhandlungen, die einen von der eigentlichen Arbeit abhalten. Unklare Prioritätensetzung und mangelnde Organisation führen ebenfalls häufig zu unnötigem Aufschiebeverhalten. Auch Versagens- oder Entscheidungsängste sowie übertriebener Perfektionismus können Auslöser für das Prokrastinieren sein. Weitere Gründe sind Stress- und Schmerzvermeidung sowie die Unfähigkeit, „nein“ zu sagen. In manchen Fällen wird das Aufschieben allerdings auch als Symptom z.B. für ADS/ADHSoder andere schwerwiegende Persönlichkeitsstörungen gewertet.

Typische Prokrastinatoren

Man kann verschiedene Persönlichkeitstypen von Prokrastinatoren unterscheiden, wie z.B. den sog. Spaß-Prokrastinator, der sein Aufschiebeverhalten und die damit verbundenen Probleme in unterhaltsame Geschichten verpackt und somit versucht, seine Unzulänglichkeiten mit Humor und Show zu überspielen. Dann gibt es auch noch die sozialen Prokrastinatoren; das sind Menschen, die sich permanent um die Probleme anderer kümmern und sorgen, was ihnen ein gutes Gefühl verschafft und sie so von ihren eigenen Pflichten und Problemen ablenkt. Ein weiterer Typ ist das Universalgenie, jemand der sich mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, sich auf etlichen Gebieten gut auskennt und zahlreiche Interessen hat. Statt sich auf einige wenige Dinge zu spezialisieren, sich zu konzentrieren und nur wirklich notwendige und wichtige Dinge zu erledigen, wird versucht, in möglichst allen Bereichen absolut perfekt zu sein, was natürlich zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Dann gibt es noch diejenigen, die wichtige Aufgaben immer erst auf die allerletzte Minute erledigen, die meinen, sie könnten „ohne Druck nicht arbeiten“. Dieser Typ widmet sich solange anderen, angenehmeren Dingen, bis es nur noch mit enormer Kraftanstrengung, wie Überstunden oder Nachtschichten möglich ist, die erforderliche Aufgabe zufrieden stellend zu erledigen und die unter Umständen schwerwiegenden Konsequenzen zu vermeiden.

Konsequenzen der Prokrastination

Ab wann das Aufschiebeverhalten zum Problem wird, hängt stark vom Einzelfall ab und lässt sich nur schwer pauschal benennen. Sowohl die Form als auch die Intensität und Ursachen des Aufschiebens spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Folgen von chronischem Aufschieben können sehr vielfältig sein. Unzufriedenheit, schlechtes Gewissen und erhöhter Druck sind meist die unmittelbaren Folgen der Prokrastination beim Betroffenen selbst. Verpasste Termine und Deadlines führen häufig zu Problemen in der Schule, im Studium oder am Arbeitsplatz. Karriereknick und verpasste Chancen können die Folge sein. Hält man Versprechen nicht ein oder erfüllt von einem erwartete oder geforderte Aufgaben nicht rechtzeitig, kommt es auch schnell zu Ansehens- und Vertrauensverlust bei den Mitmenschen. Weitere Konsequenzen sind z.B. finanzielle Nachteile, gesundheitliche Probleme durch das Aufschieben von Arztbesuchen oder im schlimmsten Fall sogar Depressionen und totale Isolation.

Susanne Adler - Ich lebe, studiere und arbeite in Berlin. Das Schreiben betreibe ich seit 2006 als freie (Online-)Autorin nebenbei, bei suite101.de vor ...

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