
- M.Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Mika Abey
Die innerlich morsche, verfallene französische Gesellschaft von etwa 1890 bis 1916 zeigt sich dem Leser in dem Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust (1871-1922). Proust gilt als einer der Bahnbrecher des modernen psychologischen Romans. Unter seinen Kritikern weisen die einen auf seine weltanschauliche Gleichgültigkeit, seine Gottferne hin; andere loben seine Kunst, „durchschaute Vergänglichkeit unvergänglich aufleuchten zu lassen“ (Stefan Zweig).
Marcel Proust – eine Kurzbiographie
Marcel Proust gehörte den überfeinerten Kreisen dieser Gesellschaft an. Sein Vater war ein reicher und angesehener Arzt, seine Mutter stammte aus einer Multimillionärsfamilie. In Paris geboren, verwöhnt und frühreif, führte er bis zu seinem 35. Jahr als Snob und Müßiggänger zeitweise „das lächerlichste, läppischste, sinnloseste Schlenderleben, das je ein Künstler geführt“ (Stefan Zweig).
Dann freilich, nach dem Tod seiner Eltern (1903 und 1905), warf ihn sein schweres Asthmaleiden aufs Krankenlager, das er bis zu seinem Tode kaum mehr verließ. Und hier, von der Welt weitgehend abgeschlossen, in einem mit Korkplatten abgedichteten Zimmer, leidend und schlaflos, „zusammengekrümmt wie eine Wespe“ (Stefan Zweig), gelangt er zu jener inneren Sammlung und Schau, aus der seine Werke erwachsen. In der Einsamkeit seines abgedunkelten Zimmers - man ist an die „Matratzengruft“ von Heine erinnert - durchlebt der äußerst empfindsame Salonmensch seine vertanen Jahre und den ganzen schillernden Schein seiner Erlebnisse und Begegnungen in einer an der Oberfläche des Daseins dahingaukelnden Gesellschaft rückblickend noch einmal in einem 15bändigen Romanwerk: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ („A la recherche du temps perdu“, 1913-1927).
Proust und sein 15bändiges Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“
Aber Proust erlebt sie nunmehr neu, tiefer und aus dem Abstand des einem frühen Tode Verschriebenen. Das inhaltliche Geschehen, dieses krankhafte Treiben einer verächtlichen Menschenschicht, erscheint zwar nicht verändert; auch der Grundton dieses Wiedererweckens einer vergangenen Zeit klingt melancholisch und untergangsmüde. Die Form jedoch, in der der Dichter dies Leben in seinen einzelnen Phasen und seinem Nervensystem künstlerisch bloßlegt, ist fesselnd und bezaubernd. Aus der Erinnerung holt Proust eine Welt, ihre Gestalten, ihre Schicksale und ihren flüchtigen, aber verführerischen Schein. Die Zeit wird so aus einem mechanischen Ablauf zu einem erlebniserfüllten Seelenstrom. Alles Geschehen ist von innen her gesehen und, obwohl äußerlich vergangen, innerlich eingebettet in eine geheimnisvoll flutende Wirklichkeit.
Das Proustsche Werk siedelt sich innerhalb einer existenziellen Literatur an
Es gibt sicher keinen schlimmeren Irrtum, als „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ unter die realistischen Romane einzureihen. Das Proustsche Werk siedelt sich innerhalb einer existenziellen Literatur an, und dies, weil man sich daran gewöhnt hat, Existenz mit Engagement gleichzusetzten in einer letzten Endes politischen Perspektive zu betrachten. [Das gilt ebenso für Sartre!]
Bildnachweis: © by Mika Abey/pixelio.de
Quellen:
Hayman, Ronald: Marcel Proust. Die Geschichte seines Lebens, Frankfurt am Main 2000 [Insel-Verlag].
Zweig, Stefan: Menschen und Schicksale. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1902-1942, Frankfurt am Main 1990 (Fischer-Verlag); [Zitate: Seite 46, 47 und 48].
