Die Mathematikklausur, das Bewerbungsgespräch, der nächste Wettkampf im Sportverein: Immer wieder stehen jungen Leuten neue Herausforderungen bevor. Viele spornt das zu Höchstleistungen an. Für andere bedeutet es dagegen, permanent in Anspannung und mit der Angst vor dem Versagen leben zu müssen. Nicht wenige versuchen, damit allein fertig zu werden und fressen ihre Sorgen still in sich hinein - nach Ansicht von Experten ist das genau die falsche Strategie.
Eigene Ängste positiv nutzen
Viele Jungen und Mädchen glauben laut Manfred Sein, Psychologe aus Berlin, ihre Angst sei eine Form von Schwäche und verbergen sie deshalb. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: "Angst kann zu einer Kraft werden, die uns antreibt, Schwierigkeiten zu meistern." Manfred Stein hat die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen sich besonders anstrengen, weil sie fürchten, zu versagen. Zudem könne Angst eine Alarmfunktion des Körpers sein, die Betroffene in bestimmten Situationen zu mehr Aufmerksamkeit zwingt. "Und das schützt sie davor, Fehler zu machen." Die eigene Angst derart postiv nutzen zu können, funktioniert allerdings bei vielen nicht automatisch. Wichtig sei daher vor allem positives Denken, betont Stein. Das bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, sich eine "Wird-schon-gutgehen"-Haltung zuzulegen. "Positiv zu denken heißt viel mehr, sich schwere Sachen als bewältigbar vorzustellen", erklärt Friedrich Mangold, Psychologe aus München. Mangold rät allen, die von Versagensangst geplagt sind, gezielt über Dinge nachzudenken, die sie beherrschen. Auch Sabine Schuster empfiehlt, auf diese Weise das eigene Selbstwertgefühl aufzupolieren. Dabei zählen der Jugendtherapeutin aus Köln zufolge nicht nur schulische Erfolge: "Noten dürfen nicht das Maß aller Dinge sein. Auch im Privaten kann tolles erreicht worden sein."
Mit dem Sechs-Tage-Plan gegen Prüfungsangst
Zu den privaten Errungenschaften gehören Freundschaften, die seit Jahren bestehen, ein gutes Verhältnis zu den Eltern oder die Stereoanlage, die vom eigenen ersparten Geld bezahlt wurde. "Haben die Jungs und Mädchen das erkannt, fällt es leichter, sich darüber Gedanken zu machen, wo die eigenen Schwächen sind und wie diese am besten beseitigt werden können", sagt Friedrich Mangold. Ein Mittel zur Beseitigung von Prüfungsängsten, die besonders viele plagen, ist Organisation, sagt Sabine Schuster. "Ich nenne das Sechs-Tage-Plan. Das heißt, dass man sich zum Lernen für eine Klausur sechs Tage Zeit nehmen sollte." Zuerst wird das Thema der Klausur in Teilbereiche untergliedert. So lassen sich Wissenslücken erkennen, aber auch Dinge, die schon beherrscht werden. "Vom zweiten bis vierten Tag wird der Stoff gelernt und am fünften wiederholt." Am sechsten Tag wird eine Erholungspause eingelegt, ehe es am siebten in die Prüfung geht.
Mit Eltern und Freunden über eigene Ängste reden
Vor lauter Organisation sollten Jungs und Mädchen aber die Welt um sie herum nicht vergessen: "Sich ständig allein zu beschäftigen, macht einsam", sagt Sabine Schuster. Im Gespräch mit den Eltern und natürlich auch mit Freunden sollten die eigenen Ängste ruhig angesprochen werden - auch wenn es Überwindung kostet. Vielleicht kommt dabei ja heraus, dass sich andere genauso vor dem Versagen fürchten und das bisher ebenfalls verheimlicht haben, so Mangold. Speziell bei den Ängsten vor dem Versagen in der Schule lohnt es sich laut Schuster auch, mit einem Lehrer zu sprechen, zu dem ein gutes Verhältnis besteht. Er kann die Fähigkeiten seiner Schüler einschätzen und ihnen möglicherweise sogar verdeutlichen, dass sie sich gar keine Sorgen machen brauchen. Leidet ein Junge oder ein Mädchen unter genereller Überforderung, muss möglicherweise sein Freizeitverhalten umgestellt und dabei auf die eine oder andere Aktivität verzichtet werden. "Das bringt Entlastung und schafft Raum zum Durchatmen und erholen", sagt Sabine Schuster. Und dieser Raum ist nach Worten Manfred Steins dringend nötig - nicht nur für den "Kopf", sondern letztlich auch für den Körper: "Denn ein ständiges Angstgefühl kann die Gesundheit angreifen."
