
- Warten auf Behandlung - (c) Gerd Altmann / pixelio.de
Wer psychisch oder psychosomatisch erkrankt ist, kann theoretisch auf verschiedene Behandlungshilfen zugreifen. Doch eine neue Studie der Universitäten Gießen und Heidelberg zeigt, dass Betroffene erst nach Jahren zu einer entsprechenden ambulanten Behandlung kommen.
Es gibt drei Behandlungssäulen
Für die entsprechenden Patienten gibt es im aktuellen Versorgungssystem drei psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten, die sie nutzen können. Wer unter entsprechenden Beschwerden leidet, kann entweder einen Arzt für Psychosomatik oder einem Psychiatrie aufsuchen. Außerdem besteht die Möglichkeit zu einem Psychologen zu gehen. Trotzdem führt der erste Weg der Patienten meist zu ihrem Hausarzt. Laut der Studie würden sich 70 Prozent der Patienten, die Schmerzen ohne eine offensichtliche Erkrankung verspüren, zuerst an ihren Hausarzt wenden. Doch dieser wird nicht gleich bei den ersten Beschwerden aufgesucht.
Teilweise warten die Patienten mit ihrem Arztbesuch sehr lang
In der Studie wird erwähnt, dass die DAK 2005 schon eine Umfrage bei betroffenen Patienten durchführte. Hierbei zeigte sich, dass etwa 25 Prozent der Patienten nach dem Auftreten erster Symptome bis zu zwei Jahre verstreichen ließen, bevor sie ihren Hausarzt aufsuchten. Eine Patienten (5 Prozent) ließen sogar mehr als fünf Jahre verstreichen, bis sie ärztliche Hilfe suchten.
Warum die Patienten solange warten
Die späte Inanspruchnahme fachkundige Hilfe lässt sich laut der Studie unterschiedlich erklären. Viele Patienten mit somatischen Erkrankungen weisen häufig individuelle und soziale Barrieren auf. Die wenigsten von ihnen wissen von sich aus, dass zum Beispiel häufiger Kopfschmerz nicht „normal“ im Sinne von gesund ist. An eine somatische Erkrankung denken Betroffene häufig gar nicht, weil sie sich in diesem Krankheitskonzept gar nicht auskennen. Durch Unwissenheit fehlt also die Krankheitseinsicht. Und auch gerade ältere Patienten finden später den Weg zum Arzt als jüngere. Bei psychischen Erkrankungen ist auch häufig die Scham und die Angst als „verrückt“ abgestempelt zu werden ein großes Problem. Laut der Studie müsste gerade in diesem Bereich mehr Aufklärungsarbeit geleistet und niederschwelligere Angebote entwickelt werden.
Wer sich dann dazu entschlossen hat, sich untersuchen zu lassen, sucht, wie oben erwähnt, meist zuerst den Hausarzt auf. Und hier kann es zu zwei Probleme kommen. Im schlimmsten Fall werden die Beschwerden nicht als psychosomatisch oder psychisch erkannt. Stattdessen werden die Patienten dann allgemeinmedizinisch behandelt oder es beginnt eine Ärzte-Odyssee, in der Hoffnung, dass jemand herausfindet, was dem Patienten fehlt. Wenn es im optimalen Fall dann zu einer richtigen Diagnose und zu einem entsprechenden (psychischen) Behandlungsvorschlag kommt, führt dies bei Patienten immer wieder zur Ablehnung. Die Angst vor Stigmatisierung bringt viele Patienten dazu, sich entsprechender Behandlungsmethoden gegenüber zu verschließen.
Dann kommt die Wartezeit beim Fachmann
Patienten, die sich schließlich für eine Behandlung entschlossen hatten, mussten bisher aber die Erfahrung machen, dass die Chance auf eine schnelle ambulante Hilfe durch eine recht lange Wartezeit verschlechtert war. Ein Therapieplatz war in der Regel nicht sofort zu bekommen. Patienten, die eine Psychotherapie absolvieren wollten, mussten durchschnittlich 4,8 Monate auf einen freien Platz warten. Selbst ein unverbindliches Erstgespräch war hier durchschnittlich erst nach 1,9 Monaten möglich. Laut der Studie ließen sich diese Wartezeiten mit der Besonderheit der Psychotherapie erklären. Hierbei handele es sich nämlich um „vorab genehmigte, nicht beliebig vermehrbare, zeitgebundene Leistungen“.
Aber auch auf Termine bei psychosomatischen Ärzten mussten die Patienten durchschnittlich 4,1 Monate warten. Bei Psychiatern betrug die durchschnittliche Wartezeit sogar 4,2 Monate für einen Therapieplatz.
Die Folgen für die Patienten
Durch das mitunter lange Zögern der Betroffenen und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz kann es mitunter bis zu sieben Jahre dauern, bis ein Patient passend behandelt wird. Da Fachleute bei einer Beschwerdedauer von fünf Jahren bereits von einer Chronifizierung ausgehen, wird deutlich, welche Folgen die späte Behandlung hat. Chronische Beschwerden benötigen meist langwierigere Behandlungen als akute Beschwerden. Und auch dann ist nicht sicher, ob die Symptome jemals ganz verschwinden. Außerdem steigt im Laufe der Jahre der Leidensdruck der Patienten immer mehr, was im schlimmsten Fällen sogar zu suizidalen Handlungen führen kann.
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