Kann ungewollte Kinderlosigkeit psychisch bedingt sein?
Wenn ein Paar kinderlos bleibt, sind die möglichen Ursachen bei Mann und Frau gleich verteilt. In 40 Prozent der Fälle sind die Ursachen beim Mann und ebenfalls in 40 Prozent bei der Frau zu finden. In 20 Prozent sind beide Partner unfruchtbar.
Die Gründe einer Unfruchtbarkeit sind vielfältiger Art. In den meisten Fällen verhindern körperliche Ursachen eine Schwangerschaft. Aber auch psychische Ursachen können eine Rolle spielen.
Die Häufigkeit einer medizinisch ungeklärten Fertilitätsstörung liegt – bei entsprechend genauer medizinischer Diagnostik – bei ca. 10 Prozent. Dank genauer medizinischer Verfahren können körperliche Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit fast hundertprozentig geklärt werden. Inwieweit eine Fruchtbarkeitsstörung ausschließlich psychisch bedingt sein kann, ist nicht eindeutig geklärt. Erwiesen ist, dass starker psychischer Stress sowohl bei der Frau als auch beim Mann zu deutlichen Störungen des Hormonhaushaltes führen kann.
Stresshormone wie Kortison und Adrenalin bewirken, dass die Hypophyse nicht mehr ausreichend follikelstimulierendes Hormon produziert und blockieren so langfristig die Funktionen von Eierstöcken und Hoden. Ohne das FSH-Hormon unterbleibt die Botschaft an die Eierstöcke und Hoden, Follikel heranreifen zu lassen beziehungsweise Spermien zu produzieren.
Psychischer Stress kann unterschiedlichste Gründe haben. Neben emotionalen Stress aufgrund eines Traumas (beispielsweise Tod einer nahestehenden Person, Vergewaltigung, Trennung) oder Beziehungsproblemen, kann sich auch berufsbedingter Stress negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken.
Was ist eine psychogene Fertilitätsstörung?
Von psychogener Fertilitätsstörung im engeren Sinne kann nur dann gesprochen werden, wenn ein Paar trotz Kinderwunsches und Aufklärung durch den Arzt weiter fertilitätsschädigendes Verhalten praktiziert (etwa Essstörung, Hochleistungssport, Genussmittel- und Medikamentenmissbrauch, extremer beruflicher Stress) oder die Konzeptionschancen nicht nutzt (keinen Geschlechtsverkehr an den fruchtbaren Tagen praktiziert).
Letztgenanntes ist nicht selten, bis zu 20 Prozent der Paare haben trotz Kinderwunsch keinen Sexualverkehr zum Zeitpunkt des Eisprungs, an den sogenannten „fruchtbaren Tagen”.
Was sagt die Psychoanalyse dazu?
Die frühe psychoanalytisch-psychosomatische Forschung betrachtete das Nicht-Schwanger-Werden der Frau als Ausdruck ihrer unbewussten Abwehr. Es wurde angenommen, insbesondere die Frau wehre sich unbewusst gegen ein Kind, häufig aufgrund ihrer Erfahrungen mit der eigenen Mutter. Diese Hypothese, die leider auch noch heutzutage in manchen Köpfen kursiert, ist unzureichend und in dieser Pauschalität falsch.
Inwieweit spielt der Druck schwanger werden zu wollen eine Rolle?
Ein Drittel aller Schwangerschaften entsteht unabhängig von einer reproduktionsmedizinischen Behandlung, also während der diagnostischen Phase oder in der Wartezeit. Erklärt wird dies damit, dass viele Paare beim Behandlungsbeginn die Verantwortung für die Erfüllung des Kinderwunsches an die behandelnden Ärzte der Einrichtung abgeben können, was zu einer nicht unwesentlichen Entlastung des Paares im Sinne einer Stressminderung und damit zu einer Verbesserung der Konzeptionschancen führt.
