
- Public Enemies - Universal
Nein, dieses Mal raubt er nicht die Karibik aus. Stattdessen entern Johnny Depp alias John Dillinger und seine Gangster-Crew Banken. Alles beginnt im Jahre 1933 in einer Strafvollzugsanstalt in Indiana. Einem Ort also, wo hart gesottene Jungs an die Kette gelegt werden. Fernab von Großstadt und Tatort fristen sie dort ihr Dasein. Stilecht in schwarz-weiß gestreiftem Häftlingskostüm, ähnelt ihr trister Alltag ihrer ebenso tristen Zukunft. Aber nicht für alle – Ausnahmen bestätigen die Regel – Dillingers Befreiungsaktion ermöglicht einigen von ihnen die Wiederaufnahme ihrer kriminellen Karriere. "Public Enemies" startet mit brutaler Gewalt und das bleibt auch so.
Orgien der Gewalt durchziehen den Film
Nach dem Umkleiden und der Reorganisation der Bande, setzen Dillinger & Co. ihre Raubzüge fort. Doch hier bitten keine Gentlemen zur Kasse. Amerikas mittlerer Westen ist nicht so und das Chicago der Prohibition schon gar nicht. Dillingers Überfälle sind Orgien der Gewalt. Wildes Maschinengewehrfeuer, Geiseln und ernst gemeinte Todesdrohungen prägen die Auftritte. Die Schalterhallen der Banken, alle samt opulent und gediegen, werden zu Brennpunkten der Gesetzlosigkeit. Ihre Inszenierungen lösen Schock und Bewunderung aus. Dillinger ebenso ambivalent wie seine Taten erhält durch Johnny Depp einen unschuldig brutalen Charakterzug. Bald Staatsfeind Nummer eins bald Liebhaber und Macho, immer aber etwas verrucht und undurchsichtig. Dieser John Dillinger weckt Phantasien und verbreitet Illusionen. Bei der Bevölkerung wie bei dem anderen Geschlecht. Und da nichts erfolgreicher als der Erfolg ist, jeder Gangster eine unschuldige Braut benötigt, kommt es wie es kommen muss. Meckie Messer findet Seeräuber Jenny, oder andersherum Dillinger trifft in Billie Frechette, gespielt von Marion Cotillard, die Liebe seines Lebens. Der kompromisslose Bandenchef erliegt der Illusion der Zärtlichkeit.
Liebe ohne Perspektive
Stilecht trifft Dillinger Frechette in einem Rauch geschwängerten Kabarett. Oh glückliches Amerika! An anderen Orten werden gerade die Zigaretten weggepackt und die deutsche Frau zu Sittsamkeit verpflichtet, hier wird gelebt. Unwillkürlich stellt sich der Vergleich mit der deutschen Vegetarier-Diktatur der dreißiger und vierziger Jahre ein. Dillinger und Frechette wagen die Himmelfahrt. Verliebt aber ohne Perspektive auf ein dauerhaftes Glück, beziehen die beiden Hoffnungslosen ihre romantische Parallelwelt. Immer wieder unterbrochen von „Beruf“, Flucht und Verfolgung folgt Delingers Romanze dem Stundentakt. Meistens getrennt, nur selten vereint, verbindet diese Liebe zwei Flüchtende. Sie, das Großstadtmädchen vom Lande mit dem Appetit nach Abenteuer – er, der Mann der um jeden Preis nach oben will. Ihr gemeinsames Credo lautet: Es zählt nicht woher Du kommst, sondern nur wohin Du gehst. Doch das bleibt für die beiden bestenfalls ungewiss.
Hoovers Jagd auf das Böse
Entsprechend der Regel, wahre Größe zeigt sich nur im Gegensatz, stellt Christian Bale alias Melvin Purvis den moralischen Antipoden zu Dillinger dar. Der ziel- und karrierebewusste FBI-Agent verkörpert Hoovers neues Amerika. Mit John Edgar Hoover, dem ebenso legendären wie umstrittenen ersten Leiter des Federal Bureau of Investigation, beginnt eine neue Zeit in der Verbrechensbekämpfung. Die Folgen für Dillinger lassen nicht lange auf sich warten. Systematisch und wissenschaftlich soll es jetzt zu gehen. Mit einem gerüttelten Maß an Brutalität machen sich Hoovers Agenten und damit auch Purvis auf die Jagd nach dem Bösen. Vorbei ist die Zeit der individuellen Verbrechensbekämpfung in der sich Räuber und Gendarm gegenüberstanden. Das Duell, auch wenn es Dillinger nicht wahr haben will, gehört der Vergangenheit an. Was zählt ist das Team, das zur Treibjagd auf den Verbrecher ansetzt. Dillingers Methode wird zur Verfahrensweise des FBI. Ergänzt um die informelle und materielle Schlagkraft der staatlichen Organisation. Schon bald erkennt Dillinger dieses Ungleichgewicht und gibt sich trotzdem der Illusion des Überraschungsmomentes hin. Eine fatale Überschätzung. Dillinger wird gefasst, flieht und wird erneut gestellt. Hoovers Netz kennt nur wenige Lücken.
Michaels Manns melancholischer Abgesang
Michael Manns Film ist ein melancholischer Abgesang auf das wilde, gesetzlose Amerika. Das hat durchaus etwas traditionelles und wirkt angesichts von 9/11 und Homeland-Rule trotzdem aktuell. Dillinger, Bonny & Clyde und all die anderen mythischen Gewaltverbrecher haben das Genre des einsamen, vielgesichtigen Outlaws geprägt. Der provokativ Gesetzlose, seine individuelle Moral, die das System mit dem diabolischen Charme des Abenteurers herausfordert, ist Stilmittel und Mythos zugleich. Auch Public Enemy spielt auf dieser Klaviatur, arbeitet mit den schwarz-weiß Tönen und vermeidet die klare Abgrenzung gegenüber der Gewalt. Banküberfälle in Zeiten der Finanzkrise mögen auf einige Sympathie zählen können, die dabei zur Schau gestellte Gewalt stößt hingegen ab. Dillingers „Aufstieg“ zum Staatsfeind Nummer eins, zum Public Enemy, ist das Resultat egoistischer und exessiver Gewalt. Seine Brutalität prägt die Vorgehensweise des FBI. Ein Zusammenhang den der Film leider nur am Rande andeutet. Ebenso enttäuscht der Film unter dem Gesichtspunkt der Vermarktung des Bösen in den Massenmedien. Akzeptanz oder Ablehnung, ob Staatsfeind oder Abenteurer, Dillingers Medienpräsenz bestimmt seine Handlungsmöglichkeiten. Auch hier ist Hoover im Vorteil. Gefühllos oder geltungssüchtig repräsentieren Hoover und sein Assistent Purvis das neue technokratische Amerika. Ein Amerika, das mit missionarischem Eifer seine Feinde hetzt und erlegt. Zweifelsohne ein Klischee, wenn auch im Falle Hoovers nicht ganz unzutreffend. Aller Romantik zum Trotz obsiegt am Ende des Films die Ernüchterung. Das brutale Ende des „amerikanischen Herbstes“ geht mit der Wiederherstellung des kriminellen Status quo einher. Nach dem Austausch mehrerer Bauernopfer einigen sich Staat und Organisiertes Verbrechen auf ein Unentschieden. Das befriedigt natürlich nicht wirklich, aber es ist eine willkommene Rückkehr in die Realität.
