Tausende schwarz-rot-goldene Fähnchen flattern in der Abendluft. Das 1:0 gegen Polen fällt in der Nachspielzeit. Völlig Fremde liegen sich in den Armen.
Geteilte Freude ist doppelte Freude ...
Eigentlich nur wegen zu geringer Kartenanzahl während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Notlösung geplant, erfreute sich das Public Viewing rasch größter Beliebtheit. Scharen von enthusiastischen Fans betrachten kostenlos die Spiele. Die Großleinwände liefern brilliante Aufnahmen.Gleichgesinnte umringen den Fußballfreund. Mit lautstarkem Jubel belohnt die Menschenmenge jede gelungene Aktion ihrer favorisierten Mannschaft.
Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Selbst wenn man sich nicht kennt, möchte der erfreute Fan sein Glück mit anderen teilen. Er wird zum Bestandteil einer einheitlichen, verschworenen Gemeinschaft. Sie alle identifizieren sich mit "ihren Jungs".
Dass die Verpflegung mit Curry-Wurst und Spirituosen zumeist maßlos überteuert ist, stört (fast) niemanden. Bedeutung hat jetzt nur die Elf auf dem Rasen. Diese dient als Symbolfigur für Deutschland. Plötzlich ist man wieder stolz darauf, Deutscher zu sein.
Wir sind alle schwarz-rot-geil
Der Erfolg der Nationalmannschaft entfesselt eine Welle der Emotionen. Man gewinnt den Eindruck, wieder "wer zu sein". Schlagartig verschwinden jegliche Alltagsprobleme. Der Fan wird zum Teil eines größeren Ganzen. Jedes Tor der Deutschen gilt als persönlicher Erfolg. Fast, als hätte der Zuschauer selbst den entscheidenden Treffer erzielt.
Und irgendwie ist das ja auch so. Das enorme Vertrauen in die "Klinsmänner" ist offensichtlich. Millionen begeisterter Anhänger in ganz Deutschland demonstrieren ihre Unterstützung. Der daraus resultierende Rausch führt die Mannschaft bis ins Halbfinale. WM-Triumph. Plötzlich glaubt jeder daran.
Der Pokal ist zum Greifen nah.
Weltmeister im eigenen Land! Eine Geschichte, wie sie schöner nicht sein könnte. Ausscheiden ist unvorstellbar. Eine Mannschaft mit derartiger Fanunterstützung muss einfach gewinnen. Selbst die letzten Zweifler verstummen zunehmend. Die Stimmung erreicht ihren Siedepunkt. Eigentlich kann nun wirklich nichts mehr schiefgehen.
... und geteiltes Leid?
2:0 kurz vor dem Elfmeterschießen. Gestandene Männer lassen ihren Tränen freien Lauf. Die Fähnchen werden gesenkt. Jetzt feiern nur die Italiener. Gesenkten Hauptes verlassen dann auch irgendwann die letzten fassungslosen Anhänger die Fanmeile.
Trotzdem, immerhin Dritter. Die EM kann kommen. Dann wird auch das Public Viewing zurückkehren. Diesmal jedoch in Österreich und der Schweiz. Alpenländische Großstädte übernehmen das Konzept. Mit Erfolg.
Auch in Deutschland findet die Übertragung des Halbfinales gegen die Türkei im großen Rahmen statt. Erneut liegen Freud und Leid nahe beieinander. Besonders im Multi-Kulti-Zentrum Berlin.
Doch der Umgang mit dem Ergebnis erfolgt sicherlich gemeinschaftlich. Deutsche und Türken verfolgen das Spiel an gleicher Stelle. Es kann aber nur einen Sieger, den Finalisten geben. Denn in der Gemeinschaft verkraftet der Mensch eben alles besser. Sowohl den Titel, als auch das Aus.
