
- Journalismus studieren mit Zukunft? - Rainer Sturm / PIXELIO.de
Viele Studiengänge rund um die Medien werden an deutschen Universitäten, Fachhochschulen und speziellen Journalistenschulen angeboten. Die Wahl zwischen verschiedenen Schwerpunkten und Ausrichtungen fällt schwer, gerade wenn man sich nach dem Schulabschluss für ein Studium entscheiden soll, ohne viele Vorkenntnisse oder journalistische Praktika zu haben. Laut der Studie „Journalisten in Deutschland“ von 2005 finden 62 Prozent der Journalisten ihren Berufseinstieg über ein Volontariat, nur 17 Prozent haben ein medienwissenschaftliches Fach an einer Hochschule studiert.
Das Studienfach Publizistik- und Kommunikationswissenschaft richtet sich vor allem an junge Leute, die auch der sozialwissenschaftliche Aspekt von Journalismus und journalistischer Arbeit interessiert. Das heißt, Journalismus wird an der Uni nicht in Form von Crashkursen in kreativem Schreiben und Recherchetechniken vermittelt, sondern als Bestandteil unseres Gesellschaftssystems verstanden und somit vielseitig analysiert.
Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studieren – Inhalte und Schwerpunkte
Zu Beginn des Studiums wird oft das Selbstverständnis der wissenschaftlichen Disziplin „Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ dargestellt und die verschiedenen Gebiete – Teildisziplinen – des Faches erläutert. Es lohnt sich natürlich, sich bereits vorher ein wenig damit vertraut zu machen, um spätere Enttäuschungen zu vermeiden: Das Studium ist keine praktische Ausbildung zum Journalisten. Wer nach einem Semester TV-Moderator werden möchte, muss sich definitiv außerhalb des Studiums dafür engagieren. Weitere Inhalte sind etwa die Medienwirkungsforschung, bei der die Wirkung und Konsequenzen medialer Darstellungen auf die Gesellschaft untersucht werden. Auch das Zusammenwirken von Medien und Politik spielt eine große Rolle und kann in höheren Semestern je nach Wunsch vertieft werden. Was zunächst sehr abstrakt anmutet, wird anhand interessanter Beispiele in Seminaren untersucht: Wie wirkt Gewalt im Fernsehen auf Kinder und Jugendliche? Was macht TV-Polittalk interessant und welche Rolle spielt Unterhaltung bei der scheinbar so sachlichen Faktendarstellung mancher Sendungen? Welche Rolle spielen Emotionen bei unserer Auswahl des Fernsehprogramms? Was sind die Rollen eines Journalisten – „rasender Reporter“, Meinungsmacher oder neutraler Berichterstatter? Aber was heißt eigentlich „neutral“ in unser Medienwelt?
Mit dem Studium Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gehen viele Fragen einher, die sich mit Interessengebieten der jungen Generation überschneiden. So gibt es Seminare über die Bedeutung von Social Networks oder Bildberichterstattung, also Fotografie in den Medien. Neben Medieninhalten werden außerdem rechtliche, historische und ökonomische Hintergründe sowie die Struktur des deutschen Mediensystems diskutiert. In Praxisseminaren können – häufig unter Anleitung erfahrener Journalisten – Reportagen erarbeitet verschiedene Interview-Techniken kennengelernt werden. Auch der Umgang mit Kamera und Schnitttechnik ist oft Gegenstand einer praktischen Einheit. Viele Universitäten bieten Publizistik-Studierenden und ihren Kommilitonen aus anderen Fachrichtungen auch die Möglichkeit, beim Uni-Radio mit zu arbeiten und dadurch praktische Erfahrungen zu sammeln. Meistens muss als zusätzliche Praxis im Rahmen des Studiums auch ein Praktikum in den Bereichen Journalismus, PR und Öffentlichkeitsarbeit, Werbung oder Verlagswesen absolviert werden.
Jeder medieninteressierte Student (und mal ehrlich: Wer bitteschön kommt tatsächlich ohne Nachrichten, facebook oder sogar die ein oder andere populäre Fernsehserie aus?) kann also thematisch auf seine Kosten kommen. Allerdings steckt auch viel Theorie hinter oft so locker klingenden Themen. Somit ist Lesefaulheit auch für den angehenden Medienmanager keine entschuldbare Eigenschaft!
Journalist werden – Tipps für erfolgreiches journalistisches Arbeiten
Ein Publizistikstudium bedeutet nicht, dass man die Uni als ausgebildeter Journalist verlässt. Der Berufsbereich Journalismus bietet vielseitigen Anreiz zur wissenschaftlichen Untersuchung, erfordert aber auch ein breites Allgemeinwissen. Um Qualität im Journalismus zu gewährleisten, gehören dazu auch Aspekte wie Medienethik, Medienökonomie, -psychologie und -recht. Die gibt es im Studium mehr oder weniger zum Lernen und Wiedergeben aufgetischt. Um sich ein Bild vom Beruf zu machen, ist ein Praktikum oder sogar ein Nebenjob bei einer Zeitung, einem Radiosender oder einem Verlag wohl das Beste. Die wichtigste Voraussetzung schon bei der Bewerbung um den Job ist allerdings lesen, lesen, lesen! Erstens, um über aktuelle Entwicklungen nicht nur in der Medien-, sondern vor allem der politischen Welt auf dem aktuellen Stand zu sein und zweitens, um zu wissen, wofür man sich überhaupt bewirbt und somit Ablehnung zu vermeiden. Dasselbe gilt schließlich auch im Beruf: Ein Freelancer, der der „Brigitte“ einen Artikel über die Rugby-Weltmeisterschaft 2011 vorschlägt, hat ganz offensichtlich die Linie der Zeitschrift verfehlt. Lesen und Analysieren von Leitmedien und Büchern, Magazinen und Online-Angeboten nach eigenem Geschmack sind die besten Voraussetzungen dafür, an der Welt des Publizierens und Diskutierens selbst teilzuhaben.
Schreiben zu einer täglichen Gewohnheit zu machen kann Wunder wirken. Ob über eine Lieblingsband, eine neue Fitnessmethode oder den Orang-Utan-Bestand auf Borneo – fasziniert das Thema den Schreiber, hat der Text die besten Chancen, diese Begeisterung zu übertragen und somit Leser zu finden. Auch Lesezirkel, in denen Bücher besprochen oder auch eigene Werke vorgetragen werden können, geben Anreiz zum Weiterschreiben. Wer Publizistik mit dem Ziel journalistischer Arbeit studiert, kann mit dem Schreiben – der Praxiserfahrung – nicht früh genug anfangen.
Mit Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in den Journalismus?
Journalistische Arbeitsfelder sind so vielseitig wie eben auch das Studienangebot der Universitäten und Fachhochschulen. Der Tätigkeit des Kreirens und Publizierens von Texten sind nahezu keine Grenzen gesetzt – auch die Berufsbezeichnung „Journalist“ ist in Deutschland nicht geschützt. Journalismus ist aber mehr als die Produktion von Text. Vom Anschalten des Radios beim Frühstück bis zur Tagesschau begleiten uns Medien Tag für Tag. Wir lesen, hören und sehen ein Bild von der Welt, das uns Journalisten vermitteln. Wer sich dieser Verantwortung stellen will, muss sicher nicht Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert haben. Das meist dreijährige Studium qualifiziert ebenso für eine wissenschaftliche Laufbahn oder eine Karriere im Kommunikationsmanagement. Wer also sozialwissenschaftliche Diskussion sowie Statistik zu deren empirischer Auswertung scheut, sollte seinen Studienwunsch nochmal überdenken. Das Studium bringt Spaß und hilft, Mediengeschehen systematisch zu überblicken und somit die Möglichkeiten zum eigenen Einstieg in den Journalismus zu erforschen. Eigeninitiative auf dem Weg zum Traumberuf ist allerdings keine Teildisziplin der Kommunikationswissenschaft und muss von jedem angehenden Journalisten selbst geleistet werden.
Quellen:
Writer's Market. Guide to getting published. From the Editors of „Writer's Digest“. USA 2010, ISBN 978-1-58297-608-2.
Klaus Beck: Kommunikationswissenschaft. Konstanz 2007, ISBN 978-3-8252-2964-1.
