Der ältere Herr gähnt immer wieder. Seiner Frau ist das peinlich, sie wirft ihm immer wieder vorwurfsvolle Blicke zu. „Doch doch, alles klar, tolle Übung“, sagt der Herr in der Pause auf die Frage des Kursleiters. Er grinst verlegen. Er sei nur etwas müde, das ist alles. Wer sich ein bisschen auskennt mit Qigong, der weiß, dass der ältere Herr gerade geflunkert hat: Denn wenn man wirklich richtig dabei ist, dann gähnt man nicht. Insbesondere nicht bei dieser Übung: Wer Sonne und Mond auf einer Tragstange trägt, der ist vollkommen davon ausgefüllt. Man muss sich das nur richtig vorstellen: Sonne und Mond! Tragen! Und diese beiden Elemente dann vereinigen! Und das Vereinigte dann zurück zum Ursprung führen! Was kann es denn Aufregenderes geben? Wer es schafft, hier richtig mit zu gehen, der gähnt einfach nicht. Und nur wer mit voller Konzentration dabei ist, der macht wirklich Qigong.
Qigong zwischen Kampfkunst und Meditation
Die Bewegungsabläufe bei Qigong erinnern einen zunächst eher an Rentnergymnastik: Es sind alles sehr einfache, sehr langsame Übungen. Auch wenn Qigong Elemente der traditionellen chinesischen Kampfkunst enthalten mag, so kann man hier trotzdem noch nicht mal so wirklich von Sport sprechen. Außerdem fehlen den Bewegungen die Eleganz und Ästhetik von Karate oder Tai Chi.
Was Qigong ausmacht, ist vielmehr die vollständige Konzentration auf den eigenen Körper. Klingt anstrengend? Oder langweilig? Wenn man es richtig macht, dann ist es beides überhaupt nicht. Es kann wirklich herrlich entspannend sein, die Aufmerksamkeitsströme durch den eigenen Körper zu lenken und in den verschiedenen Körperteilen zu konzentrieren. Alles mal von innen in Ruhe ausleuchten. Man kann sich das vielleicht ein bisschen wie innerliches Streicheln vorstellen. Haben Sie schon einmal mit Ihrer inneren Wahrnehmung jeden Ihrer Wirbel einzeln gespürt? Sich selbst innerlich zugelächelt? Richtig bewusst gespürt, wie die Lebensenergie, das „Qi“ durch Ihren Körper fließt wie ein Endorphin-Rausch? Ein großartiges Gefühl! Das Ganze ist also eher Meditation als Kampfsport. Wenn man es denn schafft, sich darauf einzulassen. Für viele Menschen ist das „zu esoterisch“, sie blocken gleich ab. Und wenn diese Menschen die Übungen trotzdem mitmachen, dann sind diese Übungen halt bloß noch Rentnergymnastik – und bei Rentnergymnastik kann man schon mal gähnen.
Qigong und die traditionelle chinesische Medizin
Das Prinzip von Qigong ist sehr stark mit der traditionellen chinesischen Medizin verbunden. Es funktioniert sehr ähnlich wie Akupunktur: Bei der Akupunktur werden bestimmte Körperregionen mit Nadeln stimuliert, um Energieströme in den Leiterbahnen anzuregen. Beim Qigong passiert genau das Gleiche durch die Konzentration von Aufmerksamkeit. Und genau wie die traditionelle chinesische Medizin ist auch Qigong steinalt: Es gibt Belege dafür, dass einige Übungen schon vor 2.300 Jahren praktiziert worden sind. Über die Jahrhunderte hat sich Qigong dann mit ganz verschiedenen Einflüssen aus Buddhismus, Daoismus und auch mit neuzeitlichen Strömungen vermischt. Was so lange gut funktioniert hat, funktioniert natürlich auch noch heute. Und das, obwohl die moderne wissenschaftsbasierte Medizin bislang nicht befriedigend klären konnte, was bei den Übungen eigentlich passiert und warum. Der Placebo-Effekt spielt sicherlich eine Rolle – aber wer einmal die Energieströme gespürt hat, der weiß, dass da durchaus auch noch mehr im Spiel ist.
Qigong auch in Deutschland immer beliebter
Mit dem allgemeinen Wellness- und Natürlichkeitstrend ist Qigong nun allmählich auch in der westlichen Welt angekommen. Schließlich wirkt der alte chinesische Leitspruch, dass es besser ist, die Gesundheit zu erhalten, anstatt erst auf die Krankheit zu warten und diese dann schulmedizinisch zu behandeln, durchaus plausibel. Und so mischen sich heute in einigen Qigong-Kursen zu den uralten chinesischen Übungen auch noch moderne Gymnastik. Auffällig ist, dass es hier, anders als in China, überwiegend Frauen sind, die an den Qigongkursen teilnehmen. Und einige der wenigen anwesenden Männer sind offenbar eher mitgeschleppt worden – und sie scheinen manchmal gedanklich doch noch mehr beim Fußball zu sein, als dass sie Sonne und Mond auf einer Tragstange tragen.
