Quartiere Coppedè in Rom – märchenhafte Architektur

Die Feenvilla in Rom von Gino Coppedè - www.flickr.com/sushimifune
Die Feenvilla in Rom von Gino Coppedè - www.flickr.com/sushimifune
Gino Coppedès Bauten sind ein fantasievoller Stilmix aus Elementen vom Mittelalter bis zum Jugendstil. In Rom errichtete er ein ganzes Stadtviertel.

Während sich auf dem Forum Romanum, der Spanischen Treppe und am Trevibrunnen die Touristen drängeln, ist es im Quartiere Coppedè ruhig – angenehm ruhig. Wer ausgefallene und fantasievolle Architektur mag, für den lohnt sich ein Besuch in dem Stadtviertel an der Piazza Buenos Aires.

Gino Coppedè – ein fast vergessener Architekt

Gino Coppedè (1866-1927) ist keiner der großen Namen, die man in den Künstlerlexika auf Anhieb findet. Der gebürtige Florentiner ist heute fast in Vergessenheit geraten, obwohl er in vielen italienischen Städten seine architektonischen Spuren hinterlassen hat. So gestaltete er zum Beispiel für den exzentrischen Schotten Evan MacKenzie 1897 dessen Villa bei Genua in langjähriger Arbeit in ein kleines Schlösschen um. Das Castello Mackenzie mit seinen zahlreichen Türmchen, Zinnen, Grotten und allerhand architektonischem Beiwerk ist der Vorläufer dessen, was Coppedè von 1915-1926 in Rom verwirklichen sollte.

Von der ligurischen Bau- und Finanzgesellschaft 1915 beauftragt, hatte Coppedè freie Hand im Stadtteil Trieste in Rom ein 31.000 Quadratmeter großes Areal nach seinen eigenen Vorstellungen zu bebauen: Das Quartiere Coppedè wurde als Wohnviertel mit Villen und Palazzi geplant – ein Luxusviertel für die Betuchten. Bis heute gibt es dort keine Bars, Restaurants oder schicken Schaufenster – was vermutlich der Grund dafür ist, warum das Coppedè-Viertel bis heute unberührt vom Rummel der Touristenmetropole geblieben ist.

Quartiere Coppedè – bizarres architektonisches Gesamtkunstwerk

Der prächtige Torbogen, durch den man das Stadtviertel betritt, bereitet den Besucher bereits auf das vor, was ihn im Inneren erwartet: eine Art architektonisches Zauberreich. Der Torbogen verbindet zwei imposante Palazzi, die mit einem wilden Stilmix aufwarten: Buckelquader, wie man sie aus dem späten Mittelalter kennt, halbrunde von Säulen getragene Fensteröffnungen, wie sie auch die venezianischen Renaissancepaläste schmücken, barocke Giebel und jede Menge Jugendstilelemente unterschiedlichster Ausprägung.

Hinter dem Tor residiert mitten auf der Piazza Minci, der Fontana delle Rane, der Froschbrunnen, der von einer Reihe ungewöhnlichster Bauwerke umgeben ist. Ein verniedlichend als Feenhäuschen (Villino delle Fate) bezeichneter Palazzo wurde 1924 vollendet und wirkt wie ein Märchenschloss. Ihm gegenüber der Palazzo del Ragno, der Spinnenpalast, der seinen Namen einer Spinne im goldenen Netz über dem Eingang verdankt.

Ein Rundgang durch das Quartiere Coppedè lässt den Besucher immer wieder neue Details entdecken: Coppedè hat seiner künstlerischen Fantasie keine Grenzen gesetzt: Feen, Putti, Löwen- und Medusenköpfe aus Stein, versteinerte Insekten, Fabelwesen, wie sie einst als Wasserspeier die gotischen Kathedralen bekrönten, elegische Frauengestalten, wie der Jugendstil sie liebte …

Warum man das Quartiere Coppedè kaum kennt

Das Quartiere Coppedè gehört nicht zum Standardprogramm des Rom-Touristen, der auf den Spuren der Antike wandeln und in barockem Überschwang à la Bernini schwelgen möchte. Bis heute findet das von Gino Coppedè gestaltete Stadtviertel kaum Beachtung, selbst wenn es inzwischen in manchen Reiseführern erwähnt wird.

Die Römer selbst waren lange Zeit nicht unbedingt stolz auf diese bizarre Architekturwelt, die sich so gar nicht einfügen will in die altehrwürdigen Denkmäler der antiken Stadt. Coppedès allzu offensichtlicher Stileklektizismus, der sich beim Mittelalter ebenso bedient wie bei der maurischen Architektur, hatte neben all den anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt einen schlechten Stand.

Für eine herausragende Eigenleistung in Sachen Jugendstil ist Italien nun auch nicht gerade bekannt. Vielmehr ist der Stil, den es in Italien nur unter der englischen Bezeichnung "Liberty" gibt, hier eher als rezeptiv, denn als kreativ zu bezeichnen. Dennoch ist er die Basis für Gino Coppedès Werk. Aus Jugendstil-Elementen und einer Fülle anderer Architekturzitate entwickelte er seinen ganz eigenen stilo Coppedè, für den es eine Reihe passender Umschreibungen gibt: fantastisch, überschwänglich, zügellos, ausufernd, pittoresk, verspielt, bizarr, eigenwillig, detailverliebt und immer ein bisschen zu viel von allem.

Quellen:

Rossem, Jan van: Der Traum des Architekten, in : Architektur und Wohnen, 04/09,S. 127-137

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Ursula Kohaupt - Hineingeboren in die Generation Golf, aufgewachsen in Bayreuth und Kunstgeschichte studiert in Bamberg, Marburg & London. Danach sechs ...

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