Viele Menschen kennen das Phänomen, mehrere Bücher im gleichen Zeitraum zu lesen. Im Bus konsumiert einer vielleicht die Pflichtlektüre und abends schmökert selbiger im Roman. Dazu kann noch die Zeitung kommen, ein Wochenmagazin, ein Text im Internet. So unterschiedlich die Menschen sind, so verschiedenen sind die von Ihnen produzierten Texte.
Die Assoziationen können befremden
Etwas skurril können Gedankengänge werden, wenn der Leser aus seinem aktuellen Literatur-Pool quer assoziiert. So manche Lektüre sollte nicht vermengt werden, nicht einmal im Traum. Ein Beispiel sehr fragwürdiger Kombination ist Littells „Die Wohlgesinnten“ und „Feuchtgebiete“ von Roche.
Die beiden Werke sind zu ähnlicher Zeit herausgekommen. Es ist daher durchaus möglich, die Romane sehr dicht beieinander zu lesen. Während „Feuchtgebiete“ die etwas übertrieben wirkende Selbsterkundung einer Heranwachsenden im eigenen Genitalbereich beschreibt, ist der Protagonist der „Wohlgesinnten“ ein SS-Offizier an der Ostfront. Beide Werke sind in der Öffentlichkeit vielfach diskutiert worden. Das Spektrum an Meinungen ist jeweils sehr breit gewesen. Eigenartigerweise ist eine Übereinstimmung in beiden Romanen: Die Hauptfiguren zelebrieren ihre Intimrasuren und verletzen sich.
Jedes Werk für sich ist ein Wagnis. Sowohl bewusst als auch unbewusst beschäftigt sich ein Leser mit den Inhalten. Sind die Texte provokant und spielen mit Ekel und Abscheu, ist die innere Beschäftigung sicherlich besonders intensiv. Gerade dann empfiehlt sich eine Lektüre mit Abstand. Nähe unterschiedlicher negativer Assoziationen verträgt sich nicht in jedem Gemüt. So hörte der Autor dieses Textes von einem Traum, den jemand zur Zeit der Lektüre beider Werke träumte. Der Träumende schlug darin mit Elementen einer Schrankwand (Eiche rustikal) auf eine Figur ein, die ihn sowohl an die Filmfigur Hulk als auch an Stalin erinnerte. Zuerst noch Sieges sicher, bemerkte der Träumende dann Hulk Stalins überdimensionales weibliches Genital, in dem die Figur beidhändig rührte und sich die Flüssigkeit hinter den grünen Ohren verteilte. Die davon angelockten Sowjet-Zombies machten dem Träumenden daraufhin den Traum zur Qual (wenn es bis dahin nicht eh schon quälend gewesen ist).
In dem beschriebenen Traum sind Teile beider Werke vorhanden. Die für sich im Einzelnen schon schwierigen Romanthemen sind miteinander vermengt unerträglich. Wer soll das denn aushalten?
Nicht zu vergessen sind die täglichen Berichte von Krisen, Kriegen und Elend in den Zeitungen, im Fernsehen und im Internet. Die Folgen für die menschliche Psyche ist unter Anderem eine Verminderung des Hilfsreflexes. Die überbordende Reizüberflutung lähmt.
Das eigene Limit
Genauso wie verschiedene Medikamente nicht gemeinsam eingenommen werden sollten, um die Wirkung nicht zu verändern, können auch verschiedene Texte eine geistige Wechselwirkung im Leser erzeugen. Vorsicht ist geboten, wenn die Texte extremen Inhalts sind. Ein jeder lernt, ähnlich wie die Verträglichkeit von Alkohol, sein eigenes geistiges Input-Limit kennen.
