
- Gustave Doré: Gemälde Don Quijotes de la Mancha - Wikipedia/Gustave Dorè/Brucker: G. Meiners
Bereits kurz nach der Veröffentlichung der ersten Auflage des Romans von Miguel de Cervantes "Don Quixote de la Mancha" um 1615, eine humorvolle Parodie auf das Ritterleben im Hochmittelalter, war diese schnell ausverkauft. Nicht anders ist es bei der Neuinszenierung des Stücks auf der Thalia-Bühne in Hamburg rund 400 Jahre später.
Schreiende Gegesätze
Die Popularität des Stücks sowie des Romans erklärt sich einerseits aus den Gegensatzpaaren, wie sie größer nicht sein können. Alonso Quijano, ein kleiner Landadeliger, lebt irgendwo in der Mancha in Spanien und hat nur ein Hobby: Ritterromane zu lesen. Ähnlich wie den Lesern kurz vor der Aufklärung war die Lektüre der Ritterromane nicht nur eine willkommene Unterhaltung, sondern sie raubte ihnen auch den Verstand. Nicht anders ergeht es dem spanischen Adeligen Quijano, der nach der Lektüre des 1000. Ritterromans alles Hab und Gut verkauft, um selbst ein fahrender Ritter zu werden. Madrid hat die hochgewachsene, dünne Gestalt des Ritters Quixote bereits als Statue in Bronze gegossen. Er ist der schöngeistige, mutige, verwegene, aber auch närrisch anmutende Ritter auf seinem etwas klapprigen Pferd Rosinante, der den Bauern Sancho Panza (Panza steht für Bauch) zu seinem Schildknappen macht. Panza ist klein, dick, ungebildet, urteilt aus dem Bauch heraus, ängstlich, aber sehr lebensnah. Das komische Paar nicht nur im Roman, sondern auch auf der Bühne ein echter Stilbruch. Doch genau dieser Gegensatz versetzt den Zuschauer in das Erleben von charakterlicher, poetischer und ästhetischer Schönheit, die durch den Widerspruch scharfe Konturen erhält.
Windmühlen und Psychatrie
Mit einem aufwendigen Bühnenbild, das durch Videoaufnahmen grotesk-realistische Züge annimmt, führt die Inszenierung den Zuschauer in die Palette der Abenteuer des Ritters Quijote, der kühn gegen Windmühlen kämpft, in denen er verzauberte Riesen sieht, um Witwen und Waisen zu schützen. Dabei bereist er die Welt und kommt schließlich in die USA, wo er keine Mühen scheut, sich auch hier, in der modernen Gesellschaft, unbeliebt zu machen. Als er den Pelzmantel einer amerikanischen Theaterbesucherin bekämpft und erobert, landet er schließlich in der Psychatrie. Mit Tabletten vollgepumt, hätte er beinahe den Verstand verloren, wenn nicht sein treuer Schildknappe Sancho Panza ihn aus der Anstalt befreit hätte. Im Unterschied zum Buch revidiert Quixote seine Fiktion, ein fahrender Ritter zu sein, auf der Theaterbühne nicht und stempelt sie nach der schmerzhaften Erfahrung auch nicht als dumme Einbildung ab. Zwar ändert er sein Äußeres und kleidet sich unmehr normal, nicht aber seine Gesinnung.
Zwischen Realität und Fiktion
Die Metamorphose des Quijano auf der Bühne macht dem Zuschauer einen weiteren Gegensatz deutlich. Dieser rangt um die Frage, was ist Fiktion und was ist Realität in unserer Umwelt? Ist die Realität Quixotes das, was er denkt oder nur das, was er sieht, das gleichsam aber dem Grundsatz der Veränderung unterliegt? Ist die Realität das Mitschwimmen in der Masse oder das individuell anders Gedachte und Gelebte? Die Neuzeit bietet dem Einzelnen zumindest die Freiheit, dies für sich ganz individuell zu entscheiden.
Die Inszenierung des Regisseurs Stefan Pucher steckt voller Witz, liebevoller, literarischer Details aus dem Werk de Cervantes, voller wortgewaltiger Poesie, Fantasie bis an ihre Grenzen und Geheimnisse: das Geheimnis Mensch. Der Applaus des Publikums läßt den Eindruck entstehen, dass die Figuren, der Ritterstoff sowie die Facetten der Parodie wie durch einen fernen Spiegel gesehen auch heute noch Unterhaltung vom Feinsten bieten.
