Quo vadis Kriminalliteratur?

Expertengespräch: Die Entwicklung des deutschsprachigen Krimis

Dr. Richard Donnenberg - Ingrid J. Kurnig
Dr. Richard Donnenberg - Ingrid J. Kurnig
Dr. Richard Donnenberg, österreichischer Fachmann für die Literaturgattung Kriminalroman, im Interview über Gegenwart und Zukunft des Krimigenres.

Richard Donnenberg beschäftigt sich seit rund dreißig Jahren intensiv mit Kriminalliteratur sowie mit Sekundärliteratur über Autoren, ihre Werke und die Geschichte des Krimis. Er war Mitbegründer der AIEP Österreich, der Vereinigung österreichischer Krimiautoren als Teil des weltweiten Verbandes „Asociacion Internacional de Escritores Policiacos” und weiß vor allem über die Entwicklung der deutschsprachigen Kriminalliteratur bestens Bescheid.

Wie steht es um das werte Befinden der deutschsprachigen Kriminalliteratur?

Der deutschsprachige Kriminalroman blüht und gedeiht! Das zeigt die Zahl der Neuerscheinungen, das zeigen die Verkaufszahlen, und das zeigen die Bestsellerlisten. In vielen anderen Ländern ist es ganz ähnlich, obwohl es da unterschiedliche Entwicklungsstadien gibt. Die gesellschaftliche Anerkennung des Kriminalromans hat zu einem Anwachsen seiner Leserschaft geführt. Es gehört heute unter Romanautoren geradezu zum guten Ton, einen Krimi geschrieben zu haben, so dass auch viele Romane als Krimis bezeichnet werden, die nur am Rande ein Krimielement enthalten.

Sind deutschsprachige Krimiautoren selbstbewusster geworden?

Bis in die Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hinein galt bei uns nur der angelsächsische Krimi als gut und „echt“. Viele unserer Autoren schrieben damals unter englisch klingenden Namen und verlegten die Handlungen nach London oder New York, um ihren Krimis mehr Authentizität zu geben. Heute schreiben unsere Autoren mit großem Selbstbewusstsein deutsch, ohne sich an die angelsächsische Kultur anzubiedern, und zwar auch über Themen, die direkt aus dem deutschsprachigen Raum stammen, von hiesiger Gesellschaftskritik bis hin zum ganz lokal verankerten Krimi.

Ist ein verstärktes, öffentliches Interesse zu bemerken?

Nicht nur vom Publikum, sondern auch von wissenschaftlicher und publizistischer Seite wird dem Genre heute wesentlich mehr Aufmerksamkeit gezollt als früher. Es gibt mehr Diplomarbeiten, Dissertationen und Studien über krimibezogene Themen. Früher gab es die vor allem im englischsprachigen Raum, jetzt auch bei uns und in anderen Ländern. Auch gibt es mittlerweile viel mehr Literaturpreise, Auszeichnungen und spezielle Veranstaltungen. Nicht zu vergessen die Netzwerke, die gerade bei Krimiautoren sehr gut ausgeprägt sind.

Mittlerweile liegen Regionalkrimis immer mehr im Trend?

Den Regionalkrimi gibt es in den USA und Großbritannien ebenso wie in Deutschland und Österreich. Die örtliche Verankerung verleiht diesen Romanen mehr Echtheit und dem Leser mehr Möglichkeit zur Identifikation. Diese Krimis verkaufen sich vornehmlich in der jeweiligen Region, also der Ruhrpottkrimi im Ruhrgebiet, der Weinviertelkrimi in Österreich. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Eifelkrimis des Jacques Berndorf, aber die findet man in österreichischen Buchhandlungen kaum. Umgekehrt kennt der durchschnittliche Deutsche das Weinviertel nicht, also verkaufen sich die Krimis des Alfred Komarek dort eher nicht. Aber insgesamt ist die Krimileserzahl in den letzten Jahrzehnten so stark gestiegen, dass auch diese Regionalkrimis einen Markt haben, der groß genug ist.

Zeichnen sich bereits neue Entwicklungen im Krimigenre ab?

Es gibt eine Weiterentwicklung des Regionalkrimis, und zwar Weiterentwicklung insofern, als diese Krimis ebenfalls für einen eingegrenzten Interessentenkreis geschrieben werden, aber nicht für eine Region, sondern aus einem Anlassheraus . Nennen wir es den Anlasskrimi. Ein Beispiel dafür sind die jetzt erscheinenden Fußball-Krimi-Anthologien rund um die Fußballeuropameisterschaft 2008. Ich kann mir vorstellen, dass es in Zukunft mehr solche Anlasskrimis geben wird, hier eröffnen sich gute neue Marktnischen.

Kann sich diese Vielfalt überhaupt noch kommerziell rechnen?

Die Breite der Leserschaft ermöglicht es mittlerweile, sogar kleine Marktnischen wie Anlasskrimis kommerziell zu nutzen. Das hat die Vielfalt des Kriminalromans ungemein gesteigert. Es gibt heute historische Krimis, gastronomische Krimis, Frauenkrimis, Regionalkrimis, Weihnachtskrimis, Schwulen- und Lesbenkrimis, Show-Business-Krimis, Spionageromane, Katzenkrimis, Gerichtssaalkrimis, gerichtsmedizinische Krimis uvm. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Wie kann sich ein Krimifan bei diesem breiten Angebot noch orientieren?

Neben dem Schmökern im Buchgeschäft bietet sich heute – ergänzend – auch das Surfen im Internet an, um mehr über Krimis zu erfahren, die einen vielleicht interessieren, und dann der Besuch von Lesungen, die es immer häufiger gibt und bei denen man die Autoren direkt kennen lernen kann und sozusagen authentische Kostproben erhält.

Vielen Dank für das Interview!

Ilona Mayer-Zach, Sabine Windsor

Ilona Mayer-Zach - Geboren in Graz, Wahlwienerin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften; Medienkundlicher ...

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