
- Rachel Klein The Moth Diaries Buchcover - Fischer Verlage
Wer eine Vampirgeschichte erwartet, sei gewarnt: Rachel Kleins Debütroman handelt nur auf den ersten Blick von Vampirismus. In Wirklichkeit ist es ein Roman über den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens - die Pubertät. Klein behandelt hochaktuelle Themen wie Borderline und Essstörungen. In den 60ern, in denen der Roman spielt, gibt es diese Begriffe noch nicht. Die Protagonistin kann ihre Gefühle nicht einordnen und interpretiert sie auf die einzige Art, die sie kennt: als romantischen Schauerroman.
The Moth Diaries: Ist die Neue im Internat ein Vampir?
Rebecca ist 16 und lebt seit 2 Jahren in einem Mädcheninternat. Ihr geliebter Vater, ein erfolgreicher Schriftsteller, hat sich umgebracht. Die trauernde Mutter ist nicht in der Lage, sich um die Tochter zu kümmern. Rebecca lebt gerne im Internat und ist ein bisschen verliebt in ihre beste Freundin Lucy. Dann kommt eine Neue, Ermessa. Sie ist intelligent und geheimnisvoll und alle wollen mit ihr befreundet sein. Nur Rebecca ist misstrauisch. Es riecht seltsam in Ermessas Zimmer. Lucy ist nur noch mit Ermessa zusammen und wird immer blasser und dünner. Für Rebecca steht fest: Ermessa ist ein Vampir. Sie spioniert ihr nach und findet immer mehr Beweise. Aber selbst die seltsamen Todesfälle, die sich häufen, alarmieren die anderen nicht. Ist Rebecca die einzige, die die Wahrheit erkannt hat? Und was soll sie tun, um Lucy zu retten?
The Moth Diaries: Vampirglaube als Ausdruck einer Psychose
The Moth Diaries bereichert das Vampirgenre um eine ungewöhnliche Variante. Die Erzählerin steigert sich in die Vorstellung, dass Ermessa ein Vampir ist. Durch diese Überzeugung wird ihre Wahrnehmung bestimmt. Sie sieht nicht nur seltsame Dinge, sie riecht sie auch. Verzerrte Sinneswahrnehmungen sind ein Anzeichen der Jugendschizophrenie, die vorübergehend bei Jugendlichen auftreten kann, die unter starkem psychischem Stress stehen. Im Mikrokosmos eines Mädcheninternats in den 60er Jahren blühen die Neurosen und Psychosen der Teenager. Alle sind sie einsame Mädchen aus dysfunktionalen Elternhäusern. Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, Verfolgung, Suizid, Antisemitismus, sexuelle Belästigung bildet den problematischen Hintergrund, vor dem sich die Mädchen in Magersucht, lesbische Beziehungen, Drogen und Wahnvorstellungen flüchten. Mit Ermessa bricht die bedrohliche Sexualität der Erwachsenen in das Leben der verwirrten Erzählerin ein.
The Moth Diaries: Die Vampirin als Projektionsfläche
Die Hauptperson ist eine unzuverlässige Erzählerin. Was sie schildert, interpretiert sie durch die Brille von Eifersucht und Vorurteilen. Während sie einerseits intelligent und hypersensibel ist, begreift sie andererseits nicht die Bedeutung von Geschehnissen, die für den Leser offensichtlich sind. Unter der Oberfläche lauern tiefe seelische Verletzungen bei der Erzählerin, die sie verdrängt. Ab und zu blitzen ungemütliche Wahrheiten auf, die die Erzählerin schnell übergeht. Hilflos, verwirrt und alleingelassen ist die Protagonistin mit dem Selbstmord des verehrten Vaters und der trauernden Mutter. Dazu kommt die aufkeimende Sexualität, die sich hinter kindlichen Eifersüchteleien und Schwärmereien versteckt. Obwohl die Erzählerin intellektuelle Reife besitzt, die emotionale Reife fehlt ihr. Die Neue wird zur Projektionsfläche ihrer Ängste. Die hochsensible Rebecca findet in ihrer aktuellen Lektüre von Horrorklassikern Parallelen. Die Grenzen von Realität und Fantasie verwischen sich immer mehr. Die Tagebucheintragungen entwickeln einen traumhaften Sog, der an die Atmosphäre des Films „The Virgin Suicides“ erinnert.
The Moth Diaries: Das Internat als Mikrokosmos
Der Roman spielt in den 60er Jahren, wirkt aber durch das Setting des Internats, ein in sich abgeschlossener Mikrokosmos, zeitlos. Während sich draußen tiefgehende gesellschaftliche Veränderungen abspielen, bleiben die Mädchen davon unberührt. Stattdessen konzentrieren sie sich auf Höheres wie Literatur und Philosophie und zwischenmenschliche Dramen im engsten Kreis der Freundinnen. Die reale Welt bleibt solange draußen, bis sie sich nicht mehr ignorieren lässt. „Es wäre einfach, der Schule mit ihrer hermetischen Atmosphäre die Schuld daran zu geben, oder der Tatsache, dass die meisten von uns eine unglückliche Kindheit hatten, aber das erklärt nicht alles.“
The Moth Diaries: Zwei Lesarten des Romans
Den realen Horror verdrängt Rebecca er bleibt in ihrem Tagebuch unausgesprochen, während sie sich immer obsessiver mit dem eingebildeten beschäftigt. Der reale Horror ist so subtil dazwischen versteckt, dass man ihn leicht überliest. Der melancholische Prolog und Epilog geben den Lesern eine Interpretationshilfe. Die literarischen Zitate geben Hinweise auf die Wahrnehmungsmatrix der Erzählerin. Literarische Referenzen verwebt die Autorin auch an anderen Stellen Das Buch ist auch eine Reflexion über die Imaginationskraft des Schreiben: „Er glaubt nicht an eine andere Ebene der Wirklichkeit. Er glaubt nicht an die Phantasie. Er ist kein echter Dichter“. „Als die Figur, die er geschaffen hatte, für ihn echt wurde, wurde auch der Rest der Geschichte echt. … Mich interessiert, was da ist, auch wenn es nicht real aussieht.“ „The Moth Diaries“ lässt sich auch ohne tiefere Ebene als mäßig spannender Vampirthriller lesen. Weitaus interessanter liest er aber als Psychodrama und gewinnt durch die zweite Dimension auch an Tiefe.
Rachel Klein. The Moth Diaries. Die Sehnsucht der Falter. Fischer Jugendbuch Verlage. Dezember 2011. Broschiert. 320 Seiten.14.95 €
