
- Westwinde treiben Jod-131 um den Globus - Douglas Johnson
Die radioaktiven Substanzen, die aus der Reaktorruine Fukushima in Japan nach dem Erdbeben am 11. März 2011 entwichen waren, haben sich in der nördlichen Hemisphäre innerhalb eines Zeitraumes von zwei Wochen verteilt. Das veröffentlichte die Vorbereitungskommission zum Vertrag über ein umfassendes Verbot von Nuklearversuchen (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization CTBTO) in einer entsprechenden Pressemitteilung gestern in Wien .
In 19 Ländern wurden radioaktive Substanzen in der Luft gemessen
Die Organisation bezieht sich auf Daten aus den folgenden Ländern, wo Radioaktivität in der Luft gemessen wurde: Österreich, Belgien, Bulgarien, Kanada, China, Finnland, Frankreich, Griechenland, Iran, Irland, Italien, Malaysia, Polen, Rumänien, Russland, Spanien, Schweden, Schweiz und Ukraine. In allen Ländern seien die Werte jedoch sehr gering und überschritten kaum die natürliche Hintergrundstrahlung, heißt es in einer Einschätzung der Lage zur globalen Ausbreitung radioaktiv belasteter Luftschichten seitens der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA). In der westkanadischen Stadt Vancouver wurden Mitte März geringe Spuren von aus Fukushima stammendem Jod-131 im Regenwasser, in Meeresalgen und im Trinkwasser nachgewiesen.
Luftmassen gerieten von Japan über den Pazifik nach Nordamerika und von dort nach Europa
Nach Auswertung der Daten hätten sich Partikel der Isotope Jod, Cäsium und Tellur ab dem 25. März 2011 auf der Nordhalbkugel verteilt, nachdem sie sich zunächst aufgrund von Westwinden in Richtung Osten über den Pazifik und Nordamerika hinweg bewegten. Wissenschaftler fanden Spuren im Regenwasser in mehreren US-Bundesstaaten wie Ohio und Massachusetts, auf den Philippinen sowie im Osten Russlands bei Wladiwostok. Die Messungen zeigen, dass die Substanzen nun die Welt umrundet und wieder ihren Ausgangsort erreicht haben.
Die Überwachungsorganisation CTBTO betreibt ein globales Netz an Messstationen (International Monitoring Systems (IMS)), davon eine im japanischen Takasaki in der Präfektur Gunma. In der Station in Takasaki wurden erstmals am 12. März radioaktive Substanzen gemessen, anschließend am 14. März im östlichen Russland und zwei Tage später an der Westküste der USA. Von dort hätten sich die Luftmassen über den nordamerikanischen Kontinent hinweg in westliche Richtung über den Atlantik weiterbewegt und am 22. März Island und anschließend Nord- und Westeuropa erreicht.
Gemessen werden können mit dem System verschiedene radioaktive Isotope, unter anderem Jod-131 und Cäsium-137. Die genaue Auswertung der strahlenden Substanzen - insbesondere Cäsium-137 - und der Vergleich mit anderen bestehenden radioaktiven Isotopen kann Aufschluss über die genaue Herkunft geben. Die jüngsten Daten konnten so eindeutig den Messungen aus dem schwer beschädigten japanischen Atomkraftwerk zugeordnet werden.
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat inzwischen die weltweite Ausbreitung der radioaktiven Belastung in der Luft in einem Simulationsmodell anhand der übermittelten Daten nachgezeichnet. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die Luftschichten, je näher sie der Erdoberfläche kommen, langsamer fortbewegen. Dagegen bewegen sich die Strömungen in der mittleren Troposphäre schneller, da die Bodenreibung wegfalle.
Frankreich: Spuren von Jod-131 in Regenwasser und Milch gefunden
Das unabhängig arbeitende französische Forschungsinstitut zur Messung von Radioaktivität CRIIRAD aus Valence hat nun erste Spuren von radioaktivem Jod-131 in Proben von Regenwasser im Südosten Frankreichs nachgewiesen. Die Daten wurden am 28. März erhoben und zeigten eine Strahlung von 8.5 Becquerel an. Zeitgleich wies das Institut zum Schutz vor Radioaktivität und Nuklearsicherheit (IRSN), das als staatliche Einrichtung in Frankreich nukleare Risiken für die Bevölkerung überwacht, Jod-131 in französischer Milch nach. Die Belastung betrug in einer Probe vom 25. März weniger als 0.11 Becquerel pro Liter.
Alle gemessenen Strahlenwerte seien insgesamt äußerst niedrig - insbesondere im Vergleich zu den Messungen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 - und die Behörden betonen, dass es keinen Grund zur Panik gebe. Dennoch werde unter normalen Bedingungen bei Tests keinerlei Jod-131 in Regenwasser oder Milch nachgewiesen, heißt es in einem Bericht der Plattform zu europäischen Nachrichten Euractiv.
CRIIRAD will die Kontaminierung von Luft und Regenwasser in den nächsten zwei Wochen in Frankreich weiter überwachen. Das Institut wies darauf hin, dass der Fallout von Jod-131 bis zu mehreren Hundert Becquerel pro Quadratmeter erreichen könnte - an einigen Stellen einige Tausend Bq/m2, je nach Wetterbedingungen. Spinat, Salat und andere frei wachsende Agrarprodukte, die besonders schnell Jod-131 einbauen, könnten höhere Werte aufweisen, wenn sie Niederschlägen ausgesetzt sind.
In Zukunft sollen weltweit 337 Messstationen Radionuklide in der Luft aufspüren
Erstes Ziel des weltweiten Überwachungssystems von CTBTO ist das Aufdecken geheimer Nuklearwaffentests. Die Organisation will das vollständige Verbot jeglicher Versuchsexplosionen von Kernwaffen sowie andere nukleare Explosionen in der Erdkruste, Atmosphäre, den Weltmeeren und im Weltraum durchsetzen. Das System wird aber auch bei Naturkatastrophen und Zwischenfällen in Atomkraftwerken wie in Japan für Wissenschaftler zu einem wertvollen Datenerhebungsinstrument. Hier kann die weltweite Überwachung helfen, die Bevölkerung rechtzeitig vor Gefahren zu warnen. Die Organisation arbeitet an einem Netzwerk, das in Zukunft aus weltweit 337 Messstationen bestehen soll. 63 der 80 kurzfristig geplanten IMS-Stationen zur Messung von Radionukliden in der Luft sind im Betrieb. Deutschland trägt mit fünf Stationen zur Funktion dieses Kontrollnetzes bei. Schon jetzt ist das Überwachungssystem in der Lage, selbst kleinste unterirdische Nuklearexplosionen zu orten.
Quellen und Informationen:
- CTBTO
- CRIIRAD
- IAEA
- Umweltinstitut München
