
- Mit Zahn(fleisch)- und Kieferproblemen fing es an - Liza Litsch
In der ersten Hälfte des 20.Jh. wurde in den USA im Zuge der Begeisterung für das Radium dessen Fähigkeit genutzt, durch seine Radioaktivität Zinksulfid im Dunkeln zum Leuchten zu bringen. Diese Leuchtfarbe mit dem Namen "Undark" erfand Dr. Sabin von Sochocky 1915. Lichtschalter, Puppenaugen, Fischköder, Kompasse, aeronautische Instrumente, Hausnummern, Nummern von Theatersitzen und vor allem die Zifferblätter von Armbanduhren wurden mit ihr bemalt, sowie das komplett fluoreszierende Kruzifix "The Magic Luminous Eradium Crucifix", beworben mit dem Spruch "Every catholic family should own one. (...) It should shine as gloriously 10 or 20 years from now as today." (DiSantis 1991, S.1133) Von Sochocky selbst mischte sie in seine Ölfarben wegen der bizarren Verfremdungen, die sich auf den Gemälden im Dunkeln ergaben.
Die Arbeitsbedingungen in den Leuchtuhrenfabriken
Von Sochocky gründete 1915 eine Fabrik zur Herstellung von Uhren mit Leuchtzifferblättern, bei der hauptsächlich Frauen und z.T. erst zwölf Jahre alte Mädchen angestellt waren, von 1917-1924 rund 800. Die Firma war im Ersten Weltkrieg ein wichtiger Lieferant für Flugzeuginstrumente und Soldatenuhren. Es entstanden in den USA noch zwei weitere Leuchtuhrenzentren.
Jede Arbeiterin hatte täglich 250-300 Zifferblätter zu bemalen, und da die Ziffern sehr klein waren, war jede von ihnen angewiesen, den Pinsel mit dem Mund anzuspitzen, wobei sie jedesmal eine winzige Menge der Radiumfarbe aufnahm. Da die Gefährlichkeit von Radium der Öffentlichkeit zu der Zeit noch nicht bekannt war, malten sich die Arbeiterinnen zu speziellen Anlässen aus Spaß auch ihre Fingernägel oder Zähne an.
1924 wurde an den verschiedensten Stellen der Fabrik Gamma-Strahlung gemessen, Haut, Kleidung und Unterwäsche vieler Arbeiterinnen leuchteten im Dunkeln, ebenso wie Staubproben von Leuchtern, Mauerbalken und Büros, und wurden positiv auf Radioaktivität getestet.
Erste Todesfälle und Untersuchungen
Zwischen 1921 und 1924 starben neun Arbeiterinnen aus von Sochockys Fabrik. Die angegebenen Todesursachen konnten zunächst nicht miteinander in Verbindung gebracht werden: Sie lauteten auf Syphilis, Phosphorvergiftung, Kiefernekrose oder Anämie. Vier Verstorbene waren wegen Kiefernekrose operiert worden, acht Arbeiterinnen litten an ähnlichen Beschwerden. In den Konkurrenzfirmen wurden Todesfälle und Erkrankungen möglichst geheimgehalten.
1925 erschien die erste Fachveröffentlichung des beauftragten Arztes F. Hoffman zu dem Thema. Er stieß bei seiner Untersuchung auf sich ähnelnde Krankheitsgeschichten der Betroffenen, die mit entzündetem Zahnfleisch begannen. Es folgten Gewebeverfall um die Zähne, Nekrose des Kieferknochens, Zahnausfall und Anämie. Für die behandelnden Zahnärzte war ein Zusammenhang mit der Radiumaufnahme beim Pinselanspitzen offensichtlich, und die Fachveröffentlichung kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Berufskrankheit handelt, die in den Bereich der Entschädigungen für industrielle Krankheiten aufgenommen werden muss.
Es folgten weitere Untersuchungen von Martland (1925, 1929), der Autopsien an den Verstorbenen vornahm und die tödlichen Anämien auf Radioaktivität zurückführte. Zudem warnte er vor der therapeutischen Anwendung radioaktiver Substanzen in der Medizin.
Bei einer Konkurrenzfirma starben bis 1936 zehn Uhrenmalerinnen und sechs waren erkrankt. Der dortige Experte Frederick Flinn überredete im Auftrag der Firma die Uhrenmalerinnen, auf eine finanzielle Vereinbarung (zwischen 250 und 1000 Dollar) einzugehen, die die Firma von weiterer Verantwortung frei sprach. Flinn leugnete das Vorliegen einer Berufskrankheit durch radioaktive Verstrahlung und führte die Todesfälle auf eine Bakterienentzündung des Kieferknochens zurück. Er wurde später Vorsitzender des Industrial Hygiene Deparment der Columbia Universität. Die Firma begrüßte seine ausgehandelten Vereinbarungen, die sie nur 5600 Dollar kosteten inkl. der medizinischen Behandlung.
Gerichtsverfahren und die Presse
Gegen von Sochockys Firma wurde 1927 von fünf Betroffenen vor Gericht geklagt, und ihr entstanden pro Regelung ca. 10.000 Dollar Kosten plus Gerichtskosten. Die Consumer's League of New Jersey, die für verbesserte Arbeitsbedingungen für Frauen und Kinder kämpfte, setzte sich jahrelang für die Betroffenen ein und konnte die Presse für die Arbeiterinnen gewinnen, weshalb die Fälle weltweit Beachtung fanden. Sie half, die taktischen Manöver, die auf den vorzeitigen Tod der Klägerinnen spekulierten, durch den Druck seitens der Öffentlichkeit zu durchkreuzen.
Der Prozess vor dem Supreme Court verursachte internationales Aufsehen, durch die Presse bekannt als "The Case of the Five Women Doomed to Die". "Herzzerreißend waren die Geschichten über ihre Qual." (Caulfield 1989, S.36) Die Presse war auch fasziniert von der Zeugenaussage des oben erwähnten Gutachters Martland, nach dessen Einschätzung alle Klägerinnen innerhalb eines Jahres sterben würden.
Dieses Gerichtsverfahren war Martland zufolge auch sehr wichtig für das medizinische Recht, da hier offensichtlich wurde, wie schwierig es ist, Entschädigungszahlungen zu erhalten, die nicht vom Entschädigungsgesetz abgedeckt sind.
Die Klägerinnen wurden von Zeitungsreportern und medizinischen Quacksalbern geradezu belagert. Sie wurden zu einem cause célèbre und zum "Fokus wohlmeinender, aber besorgniserregender Bekanntheit". (Caulfield 1989, S.37) Während der Prozess fortschritt, erkrankten weitere Arbeiterinnen, und wurden so auch Teil der "Legion of the Doomed", wie eine Zeitung schrieb. Der Fortgang des Prozesses war öffentliches Thema, Wohlfahrtsgruppen beschäftigten sich damit, Wunderheilmittel wurden den Kranken aus der ganzen Welt zugesandt.
Marie Curie, die 1934 selbst an Anämie starb wegen ihres langjährigen Umgangs mit Radium, meldete sich zu Wort und empfahl den Genuss roher Kalbsleber gegen die Anämien. Gegenüber dem New York Journal zeigte sie sich überrascht darüber, dass die amerikanische Regierung den sorglosen Umgang mit solch gefährlichen Substanzen erlaubte und bezeichnete das kontinuierliche Schlucken dieser Substanzen als kriminell. (Martland 1929, S.558)
Der Gesundheitszustand der Klägerinnen
Der Zustand der fünf jungen Klägerinnen war zum Teil sehr ernst. Sie litten unter schmerzhaften und verkrüppelnden Knochenkrankheiten, z.T. mit Spontanfrakturen. Eine Frau hatte 20 Operationen an ihrem Kieferknochen, ausladende Geschwüre unter dem Kinn, gelähmte Beine durch Schädigung des Rückgrats. Zwei Frauen hatten schwere Anämien. Allen musste in den Zeugenstand geholfen werden, zwei nach vorne getragen werden, eine konnte ihre Hand nicht zum Eid heben. (Caulfield 1989, S.26)
Eineinhalb Jahre nach dem Prozess verstarb eine von ihnen, und es ereigneten sich weitere Todesfälle bei ehemaligen Arbeiterinnen. 1951 verstarb die 41. Leuchtzifferblattmalerin, nachdem sie 34 Jahre zuvor zwei Jahre lang diese Tätigkeit ausgeübt hatte.
1959 war laut The New Yorker von den fünf Klägerinnen keine mehr am Leben, und noch zwei weitere starben. Der Erfinder der Leuchtfarbe, von Sochocky, starb bereits 1928 einen "schrecklichen Tod" (Martland 1929, S.472), tat aber vorher alles, um anderen Erkrankten zu helfen.
Quellen:
Caulfield, C., Multiple Exposures, New York 1989
DiSantis, D.J., "Wrong Turns On Radiology´s Road Of Progress", in: Radiographics, Nov.1991, 11 (6), S.1121-1138
Martland, H.F., "Occupational Poisoning In Manufacture Of Luminous Watch Dials", in: JAMA, Feb.9, Vol.92, Nr.6, 1929, S.466-559
