
- Kehren am Stilfser Joch - Bernhard Brückle
Rund 2.000 Höhenmeter, exakt 48 kernige Kehren auf 28 aussichtsreichen Aufstiegskilometern, dann eine rasante Talfahrt. Wer sich das zutraut und Lust auf ein tolles Gemeinschaftserlebnis und viele neue Freunde hat, der ist beim alljährlichen Stelvio Bike Day, der Radtour aufs Stilfser Joch genau richtig. Für einen Samstag wird die Strecke alljährlich Ende August/Anfang September von 8 bis16 Uhr für den motorisierten Verkehr ab Trafoi (Südtirol) übers Stilfser Joch und über den Umbrail Pass nach Santa Maria ( Schweiz) hinunter gesperrt. 2010 gab es Grund zum Feiern. Zum zehnten Mal lud der Nationalpark Stilfser Joch Radbegeisterte aus aller Welt zu diesem einmaligen Naturerlebnis ein.
Das Fahrerfeld ist multikulturell und vielseitig
Die Aufstiegsmühen schmieden über Sprach- und Ausrüstungsgrenzen hinaus zusammen. Alle möglichen Nationalitäten vom Japaner mit zehnjährigem Sohn im Schlepptau über ein englisches Seniorenpaar, beide über siebzig, fröhlich plappernde Holländer, viele Deutsche jeglicher Couleur, Österreicher, die ihre Mitfahrer schon allein durch ihren Dialekt von Apfelstrudel träumen lassen und natürlich Italiener sind hier unterwegs. Sie radebrechen bald auf italienisch, französisch oder englisch, stellen oft erst nach drei gemeinsam bewältigten Kehren fest: „Na dann können wir ja deutsch miteinander sprechen, wenn du ein Landsmann/Landsmännin bist.“
10.000 Teilnehmer mit steigender Tendenz
Mountainbiker tauschen sich über die nachteilige Wirkung von Vollfederung aufs Aufstiegsverhalten aus. Beglückwünschen die, die eine feststellbare Federgabel haben. Sogar Trekkingräder, voll bepackt, auf Alpenüberquerung lassen sich im nicht abreisenden Strom von jährlich um die 10.000 Radler mit hinauftragen auf 2.760 Meter Höhe. „Ola“ oder „chapeau“ rufen die Radler einander motivierend zu, egal ob sie nun auf einem teueren Vollcarbonflitzer oder einem älteren Mountainbikemodell sitzen. Die Gruppe der Exoten wie Liegeräder, Tandems, Trikes und Fahrräder mit Kinderanhänger nehmen von Jahr zu Jahr zu. Bisweilen sind solche Wägelchen etwas entfremdet mit einem Dackel oder gar Dalmatiner bestückt.
Frauenquote im Aufwind
Der Anteil an Radfahrerinnen steigt kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Viele von ihnen sind ganz eigenständig auf der Strecke unterwegs mit bestem Material ausgestattet. Andere haben für den Verein, den Freundeskreis oder die Familie die Urlaubsplanung entsprechend vorgenommen, um dabei zu sein. Tipps, wo man am günstigsten übernachtet, welcher Radkeller am sichersten, welche Pizzeria am flexibelsten auf die Bedürfnisse der Zweiradfans eingestellt ist, werden ausgetauscht.
Rennradler
Rennradler stellen mit etwa 70 Prozent den höchsten Anteil im Fahrerfeld. Einsame Wölfe und ganze Vereine schnurren vorbei, überholen, pausieren, parlieren. Die meisten von ihnen nehmen es locker, nur wenige verbissen. Alle fahren schließlich ohne offizielle Zeitnahme, ohne ausgelobten Preis, ohne Siegerambitionen. Gegner sind nicht die anderen Radler, sondern diese anfangs harmlos erscheinenden, in der Mitte endlos wirkenden und am Ende, wenn sich auf den letzten zehn Kehren der Flow gepaart mit dem sicheren Gefühl „du schaffst das“ eingestellt hat, erhebenden 48 Kurven.
Souvenirs und Verpflegung
Nicht einmal Startgeld wird erhoben. Wer als Andenken an seine denkwürdige Leistung ein Stilfser - Joch - Trikot mit nach Hause nehmen will, der ist gut beraten es bereits beim Aufstieg an einer der Verpflegungsstellen zu erwerben. Könnte gut sein, dass die gängigen Größen im Ziel ausverkauft sind. Apropos Verpflegungsstellen: Gratis verteilt werden hier Obst, vor allem Äpfel, Müsliriegel, Joghurtdrinks, warmer Tee und Apfelsaft. Auf der Abfahrt, zwischen Stilfser Joch und Umbrail Pass gab es in den letzten Jahren auch regelmäßig leckeren Kuchen, blechweise von einer Bäckerei aus Bormio gestiftet. Dazu Rotwein!
Auf der Passhöhe
Auf der Passhöhe auf 2.760 Meter und auch an der noch 40 Meter höher gelegenen Tibethütte herrscht ein Gedränge wie an Adventswochenenden auf den Christkindlesmärkten. Deshalb sollte jeder, der noch halbwegs Puste hat das Erlebnis der letzten Meter auf der langen Gerade zu und nach Kehre 48 genießen.
Gefahren
Bei aller Begeisterung lauern auch Gefahren. Ab und an kreist ein Sanitäts-Hubschrauber, erklingt das Martinshorn. Die Strapazen für Herz und Kreislauf sollten nicht unterschätzt werden. Die Teilnahme am Stelviobike ist reinen Gelegenheitsradlern nicht anzuraten. Auch Trainierte aus anderen Sportbereichen sollten die Sturzgefahren auf der langen Abfahrt nicht unterschätzen. Kurventraining und gute Fahrtechnik sollten bereits vorab erworben worden sein. Der Umbrail Pass ist übrigens auf cirka drei Kilometer nicht asphaltiert. Ein Check vor allem der Bremsanlagen vor Fahrtantritt ist daher unerlässlich.
Die Radfahrer befinden sich während der gesamten knapp 70 Kilometer messenden Rundstrecke in alpinem bis hochalpinem Gelände. Schnelle Witterungswechsel bis hin zu Schneefall am Joch müssen einkalkuliert werden. Wer diese Sicherheitsmaßnahmen beachtet, wird dafür reich belohnt. „Tolle Grafikkarte“, entschlüpft es angesichts der beeindruckenden Ausblicke auf König Ortler und die angrenzenden Bergketten sogar szenigen Computerfreaks.
Früh buchen
Der wichtigste Tipp zum Schluss: Nur wer schon zu Jahresbeginn bucht, hat Aussichten auf ein günstig gelegenes Quartier zu einem moderaten Preis.
Ausführliche Informationen
Nationalpark Stilfserjoch, Außenamt Glurns, Rathausplatz 1, I - 39020 Glurns. Tel.: (0039) 0473 830 430 und Fax: (0039) 0473 830 510. E-mail: bike@stelviopark.it und Karte des Nationalparks, Seite der Veranstaltung, Plakat zur Veranstaltung.
