
- Saimaa vom Fahrrad aus: Seen und Wälder - Judith Weibrecht
Finnland, ein Land, in dem alljährlich eine Handy-Weitwurf-WM stattfindet, das beste Tangofestival außerhalb Argentiniens, Schlammfußball und ein Wettbewerb im Ehefrauen-Tragen, mag uns seltsam erscheinen. Dabei ist es doch nur: „Ein riesengroßer Wald, in dem sich 5,3 Millionen Menschen verstecken“, meint Eeva Aarnio von Visit Saimaa. Finnland hat den höchsten Waldanteil Europas, zudem gibt es 1,8 Millionen Saunen und 180.000 Inseln. Hervorragendes Kartenmaterial für Radwanderer ist zudem vorhanden und nicht zuletzt gestaltet sich die Anreise angenehm: per Fähre ab Travemünde nach Helsinki und dann mit dem IC mit Fahrradmitnahme bis Mikkeli. Erwähnenswert: Die durch eine 50-Cent-Münze absperrbaren Fahrradhalterungen im Zug.
Im grün-blau von Wäldern und Seen getupften Saimaa per Fahrrad
Saimaa, das sind grüne und blaue Tupfer, würde man es von oben betrachten: Seen und Wald, Wasser und Bäume gibt es reichlich. So viel Wasser war nie und es ist so rein, dass man sogar die Fahrradflaschen an jedem beliebigen Gewässer bedenkenlos auffüllen kann. Doch gute Vorausplanung ist vonnöten, denn Übernachtungs- und Einkaufsmöglichkeiten fallen einem wirklich nicht in den Schoß. Natur pur, das ist hier wörtlich zu verstehen. Auf der vorgestellten Route gibt es nur circa alle 30 Kilometer ein größeres Dorf.
Beginn der Radroute in Mikkeli
Gestartet wird in Mikkeli, einem Städtchen im größten See Finnlands und dem viertgrößten Europas, dem Saimaa, mit seinen alten und teils bildhübsch renovierten traditionellen Holzhäusern im Holzhausviertel Emola. Im 19. Jahrhundert wurden sie mit rotbrauner Lehmfarbe bestrichen, die eisenoxidhaltig ist, mit Wasser vermischt und gekocht wurde und so die typische Farbe ergab. Früher war dies eher eine Arme-Leute-Gegend, heute ist stolz, wer hier ein Haus besitzt. Am Rande Mikkelis liegt auch das Pfarrgut Kenkävero, wo man mehr über Traditionen und das Leben der finnischen Landfrauen des Martta-Bundes erfahren kann, die hier eine Ausstellung unterhalten. Draußen im Garten gedeihen über 500 Kräuter, Beeren und Blumen und im angeschlossenen Designshop lassen sich finnische Waren erstehen. Einer Töpferin darf man beim Arbeiten sogar über die Schulter schauen und im Restaurant gibt’s karelische Spezialitäten.
15 Kilometer weiter führen Schilder zum Bauernhof Raijan Aitta. Die Möglichkeit, Erd- und Himbeeren selber zu pflücken, wird weidlich genutzt und im Laden gibt es verschiedenste Produkte aus Leinen und ein Bauernhofcafé. Der selbst gemachte Erdbeerkuchen und ein frisch gebrühter Kaffee sind perfekt für die Radpause. Chefin Katarina Turman erzählt: „Den Bauernhof konnten wir nicht mehr halten, so haben wir auf Flachsanbau umgestellt und fabrizieren nun Produkte aus Leinen.“
Sauna und Massage mit Birkenzweigen gegen Muskelkater
In Anttola im Hotel Anttolan Hovi wohnt man direkt am See und genießt das finnische Seenland wie aus dem Bilderbuch. Vielleicht bei einem Bad im See. Und abends? Geht’s ab in die Sauna, denn das ist schließlich das finnische Badezimmer. Man peitscht sich gegenseitig mit Birkenzweigen, was nicht aus Gründen der Kasteiung oder wegen der Mücken geschieht, vielmehr ist es eine Belohnung. Eine wohlige, denn es fühlt sich an wie eine leichte Massage und verbreitet angenehmen Duft. Beim Aufguss gilt: „Sillä puheet kenellä kuuppa“, etwa „Wer die Kelle hat, hat das Wort“. Das Wort? Das ist ein anderes, ganz spezielles Thema bei den oft wortkargen Finnen. Angeblich gibt es kein einziges Wort für „bitte“. Nun, geredet wird sowieso nicht gerade viel. Man begrüßt sich mit nur drei Buchstaben, hei, besonders eifrige machen daraus sechs, hei hei. Die Privatsphäre ist heilig, so heilig, dass man, als es die Radfahrerin mit Fahrrad und Gepäck die steilen Stufen aus dem Zug nicht hinunter schafft, nicht hilft. Sie hat ja auch nicht danach gefragt. Der Lernprozess geht schnell vonstatten.
Weiter führt die Radtour Richtung Sahanlahti und Kukkapää und schließlich nach Punkaharju, Savonlinna und Varkaus.
