In der Natur geht es brutal zu: fressen und gefressen werden. Arten, die nicht optimal an ihren Lebensraum angepasst sind, verlieren. Dabei gehören zum Lebensraum nicht nur Faktoren wie Landschaftsformen und Klima, sondern auch die Arten, die im selben Lebensraum leben. Diese spielen eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob eine Art sich behaupten kann oder nicht. Art A kann Art B die Beute streitig machen oder Art B selbst als Beute benutzen.
Räuber üben Druck auf ihre Beute aus: Fraßdruck
Räuber konzentrieren sich immer auf die Beute, die energetisch besonders günstig ist, sprich sie muss leicht zu haben sein. Natürlich hat jedes Beutetier das Bestreben, nicht zu den energetisch günstigen Beutetieren zu gehören. Eine ständige Verbesserung ist daher Pflicht. Diese geschieht nicht bewusst durch die einzelnen Individuen, sondern die Räuber beeinflussen den Genpool ihrer Beutetiere, indem sie den Fortpflanzungserfolg einiger Individuen einschränken. Sie fressen diese nämlich auf, bevor sie sich fortpflanzen können.
Angenommen, eine Feldmaus wäre durch eine Genmutation rosa gefärbt. Diese Maus hätte den Nachteil, dass sie schon von weitem gut sichtbar wäre, und würde ziemlich schnell einem Falken zum Opfer fallen. Ein anderer Fall wäre es, wenn der Falke die Farbe rosa mit Gift in Verbindung bringen würde. Dann wäre die rosa Maus im Vorteil und könnte ihre Gene mit etwas Glück weitergeben. Tatsächlich gibt es Färbungen, die das Beutetier davor bewahren, verspeist zu werden. Das sind in der Regel grelle Muster wie schwarz-gelb; diese deuten dem Räuber eine Gefahr an. Der Feuersalamander ist schwarz-gelb gefärbt und kann aus Drüsen aus seinem Rücken ein Nervengift absondern.
Anpassungsstrategien der Beutetiere
Es gibt Tierarten, die sich die Giftigkeit anderer derart zu Nutzen machen, dass sie ähnlich aussehen und somit ihre Räuber abschrecken, ohne selbst giftig zu sein. In der Fachsprache wird das Mimikry genannt. Schwebfliegen sind bekannte Beispiele. Sie ähneln Wespen und werden daher von vielen Vögeln nicht gefressen. Die Hinterflügel des Io-Falter besitzen eine Zeichnung, die aussieht wie die Augen eines wesentlich größeren Tieres. Klappt der Falter die Vorderflügel vor, sieht sich der Fressfeind plötzlich einem großen Augenpaar entgegen; in dieser Schrecksekunde gelingt dem Falter oft die Flucht.
Die Vielfalt an Aussehen und Verhalten hat seine Ursache also auch in dem Druck, den Fressfeinde auf ihre Beute ausüben. So entstanden Tiere, die sich bei Gefahr in Höhlen verziehen, Pflanzen mit Dornen, giftige Tiere und Pflanzen, Tiere mit optimal angepasster Tarnfärbung und Tiere, die ihre Giftigkeit mit einer Warnfärbung signalisieren. Auch die Bildung großer Gruppen bietet Schutz vor Räubern, wie am Beispiel von Starenschwärmen deutlich wird. Aber nicht nur die Beutetiere passen sich an ihre Räuber an, sondern der Prozess läuft auch umgekehrt ab.
Selektionsdruck auf die Räuber
Auch die Räuber stehen unter einem gewissen Selektionsdruck, denn um zu überleben, müssen sie ihre Beute erwischen und das am besten, bevor ein anderer Räuber sich an die Beute herangemacht hat. So werden Räuber immer schneller und gerissener. Anglerfische zum Beispiel locken ihre Beute mit Licht direkt vor ihr Maul. Räuber haben unterschiedliche Strategien zum Aufspüren ihrer Beute entwickelt. Raubvögel haben besonders scharfe Augen, Wölfe eine gute Spürnase und Schlangen orten ihre Beute an Hand ihrer Körperwärme.
Selbst an Gift können sich Lebewesen anpassen. So können Pflanzenfresser durch evolutionäre Prozesse resistent gegen das Gift einer Pflanze werden. Manche Arten treiben es sogar noch einen Schritt weiter: die Larven des Monarchfalters speichern Pflanzengift und setzen es zur Abwehr gegen ihre eigenen Feinde ein.
