Räuberinnen - Gaunereien unter weiblicher Fahne

Räuberbräute, Bandenanführerinnen, Hexen und Vagabundinnen

Axtfrau - räuberisches Bild? - William Veder
Axtfrau - räuberisches Bild? - William Veder
Schon im 18. Jahrhundert kämpften Frauen um ihren Stand in männlich geprägten „Berufen" - als Vagabundin, Diebin, Räuberin, Mörderin.

Räuber, ein bekannter Begriff, der rasch stereotype Bildvorstellungen anregt. Was ist mit der weiblichen Form? Welches Bild entsteht im inneren Auge? Das der Räuberbraut? Der kühnen, mutigen Frau, die sich schön, autark und frei durch das Leben kämpft? Die mit Intelligenz und List gewissenlos Verbrechen begeht, die noch viele Generationen danach in Staunen versetzen? Entsteht das Bild der grausamen Hexe, die gängigen Geschlechterzuschreibungen zum Trotz lebt wie ein Verbrecher und männliche Bandenmitglieder an Brutalität und Skrupellosigkeit übertrifft? Oder formt die Vorstellung eine Frau, die als Gespielin von Mann zu Mann weitergereicht wird und ihr Leben als Räuberin prostituiertengleich erarbeiten muss?

Die Räuberin – Frauen zwischen Idealisierung und Verunglimpfung

Die Vorstellungen von Räuberinnen im 18. und 19. Jahrhundert sind phantasievoll und vielfältig. Welche Frauen hinter dieser Bezeichnung steckten, wie ihr Alltag aussah und auf welche Weise sie ihren Lebensunterhalt bestritten, ist fraglich und lässt sich nicht in einer allgemeingültige Definition klären. Die unterschiedlichen Bilder von Räuberinnen entstanden schon zu deren Lebzeiten. Zwischen Idealisierungen und Verunglimpfungen verbreiteten Literatur, Flugblätter, Bilderbögen, Broschüren, öffentliche Verhöre und Strafvollzüge die Idee einer Räuberin im Volk – und von dort aus durch die Zeiten. Die heute noch zugänglichen Quellen sind oft subjektiv gefärbt und von den Intentionen des jeweiligen Verfassers geprägt. Das macht es fast unmöglich, den Alltag von Räuberinnen in längst vergangenen Zeiten zu rekonstruieren.

Räuberin – Ein Titel, der verbindet

Im 18. und 19. Jahrhundert reichte die Zugehörigkeit zu einer Bande aus, um gegen das Gesetz zu verstoßen. Die Gesetzesuntreue übertrug sich damit auf Ehefrauen und weibliche Familienangehörige – der Titel Räuberin hing ihnen an, selbst dann, wenn sie nie eine illegale Handlung begannen hatten. Mit selber Bezeichnung wurden Frauen benannt, die ohne festen Wohnsitz Teil einer Räuberbande waren, in dieser lebten und Funktionen innerhalb der Bandenstrukturen einnahmen. Nur die Gruppe derjenigen Frauen, die maßgeblich an Mord, Raub und Dieberei beteiligt waren, trug den Namen Räuberin in der wortwörtlichen Bedeutung.

Räuberinnen in der Unterhaltungsliteratur

Auch die zeitgenössische Literatur bot ein gespaltenes Bild der räuberischen Frau. Der Begriff – ungenau wie er war und ist – konnte in tragischen und in romantischen Erzählungen genutzt werden. Einmal war die Räuberin ein diskriminiertes, unglückliches Opfer, das durch eine Reihung von widrigen Umständen in die traurige Rolle geraten war. Den Gegenpart lieferten romantische Geschichten, in denen die schöne und starke Protagonistin den wagemutigsten Räubern an Kraft und Intelligenz zumindest ebenbürtig war und zwischen ihren diebischen Heldentaten die große Liebe fand. Die Liebe als Läuterung bringt sie zu guter Letzt dazu, dem Räuberinnendasein abzuschwören und einen gesetzestreuen Weg einzuschlagen. Beide Romantypen unterhielten mit moralischer Intention: Ehrlich währt am Längsten.

Die Räuberbraut

Die Räuberbraut ist eine besonders herausragende Form der Negativdarstellung. Sie tritt besonders häufig in der Literatur auf. Männer in ihren Fängen wurden zu hilflosen Opfern ihrer Brutalität und geistigen Überlegenheit. Mit List und Tücke wurden sie von der Räuberbraut ausgenutzt. Versteckt unter dem Mantel der Jugend und Schönheit nutzte die literarische Räuberin ihre starke erotische Anziehungskraft und verführte für ihre Zwecke. Die in Promiskuität lebende Räuberbraut mit ständig wechselnden Geliebten führte ein sexuell ungehemmtes, ausschweifendes Leben. Sich ihrer Reize bewusst, setzte sie diese zu eigenen kriminellen Zwecken ein.

Auch Flugschriften, Gaunerlisten und Broschüren verbreiteten gängige Moralvorstellungen. Mit grauenhaften Tatbeschreibungen wirklicher oder erdachter Räuberbanden versetzten sie die Bevölkerung in Angst und Schrecken, schürten das Misstrauen gegenüber umherziehenden Banden und festigten gleichzeitig das Vertrauen in die Obrigkeit.

Der traurige Weg zur Räuberin

Die Zeit der Jahrhundertwende in Deutschland war gekennzeichnet von großer finanzieller Not. Die Armut zwang viele Menschen dazu, Teilzeitarbeiten anzunehmen und dafür häufig den Ort zu wechseln. Sie wurden zu Berufsmobilen – zu WanderkrämerInnen, KesselflickerInnen, Soldaten, MusikerInnen, BettlerInnen – welche alle unter den Begriff der Vagabundierenden zusammengefasst wurden. Die Umherziehenden galten allgemein als unehrlich und gefährlich. Sie gefährdeten die Gesellschaft in ihren gesicherten Lebensformen. Rasch entwickelten sich Banden innerhalb der Vagabundierenden, welche ihre Existenz durch Diebstähle und Raubüberfälle sicherte – Räuberbanden. Der Frauenanteil innerhalb dieser Gruppierungen betrug fast 50%. Grund dafür ist die überdurchschnittlich hohe Armutsquote unter den Frauen jener Zeiten. Die Abhängigkeit von Männern und die äußerst geringe Möglichkeit sich selbstständig die Lebensgrundlage zu sichern, führte häufig zur Flucht aus der Gesellschaft, die keine Hilfe bot, und hin zu kriminellen Tätigkeiten. Trotz der drohenden Strafen war die Räuberei oft der letzter Ausweg aus extremer Armut .

Im dem Werk „Die großen Räuberinnen" wird bestätigt: „Die drakonischen Strafen für Diebstahl, Raub und Mord verloren schnell ihren Schrecken, wenn die Alternative zur Kriminalität das Dahinvegetieren als Bettlerin und der frühe Tod durch beständigen Mangel waren.“

Vermutlich war das Wesen Räuberin, die geschaffene Schreckensgestalt in Bild und Text, ein Opfer von Zeit, Armut und unglücklichen Umständen. Einige von ihnen konnten sich in den Banden behaupten, konnten ein weitgehend freies und selbstbestimmtes Leben führen. Große Räuberinnen des 18. Jahrhunderts wie die Alte Liesel und die Schwarze Lies (Elisabeth Gaßner) sind jedoch als Ausnahme anzusehen. Alle Frauen in Räuberbanden mussten für ihren Lebensunterhalt teuer bezahlen, mit Mord, Blut, Gewalt, Prostitution. Was bleibt ist das Bild der starken Räuberbraut in einer männerdominierten Bandenhierarchie ...

Zum Weiterlesen:

Sarkowicz, Hans / Hindemith, Bettina / Boehncke, Heiner: Die großen Räuberinnen. "Und wenn der Kopf fällt, sag ich hoppla". Heyne 1997.