
- Rahel Varnhagen - Varnhagengesellschaft
Rahel Varnhagen kam als Rahel Levin am 19. Mai 1771 in Berlin zur Welt. Sie war die Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Durch die Furcht vor allgemeinen gesellschaftlichen Benachteiligungen sah sich Familie Levin dazu veranlasst, ihren jüdischen Familiennamen „Levin“ in das deutsche „Robert“ abzuändern. So wurde aus Rahel Levin später Rahel Robert. Rahel selbst ging dieser Schritt scheinbar nicht weit genug. Stets fühlte sie sich als Frau und Jüdin gesellschaftlich benachteiligt. Eine Folge daraus war ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihrem Jüdischsein, das später von Hannah Arendt ausführlich thematisiert wurde. Als sie 1814 Karl August Varnhagen von Ense heiratete, konvertierte sie zum Christentum und nahm als Taufnamen den Vornamen Friederiecke Antonie an. Bekannt blieb sie allerdings ein Leben lang als Rahel Levin und später als Rahel Varnhagen von Ense.
Beginn einer erfolgreichen Salontätigkeit
Bereits Ende des 18. Jahrhunderts führte sie einen Salon, den sie allerdings zunächst einstellte, um sich im Selbststudium das erforderliche Bildungsniveau anzulesen. Als in Preußen die Befreiungskriege gegen die napoleonischen Truppen tobten, begann Rahel mit ihrem sozialen Engagement. Sie setzte sich außerordentlich stark für die Kriegsverwundeten und die Angehörigen von Kriegsgefallenen ein, indem sie ein Hilfswerk in Prag gründete. So bewundernswert dieses aufopfernde Engagement war, alleine füllte es Rahel nicht aus. Sie suchte nach der geistigen Herausforderung, die ihr als Frau in ihrer Zeit an den Universitäten verwehrt blieb. So entstand ihr zweiter Salon, der Treffpunkt für bekannte geistige Größen und Schriftsteller ihrer Zeit werden sollte. In ihrem zweiten Salon, der entscheidend die Berliner Salonkultur der Romantik mit geprägt hatte, trafen sich Heinrich Heine, Jean Paul, Alexander von Humboldt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, aber auch Vertreter des Adels wie Fürst Hermann von Pückler-Muskau und viele weitere Größen aus dem geistigen und gesellschaftlichen Bereich.
Durch den Salon zu Bildung und Anerkennung
Frauen war zu Zeiten der Romantik der Zugang zu den Universitäten noch verwehrt. Alle Bildung, die sie erlangen konnten, bezogen sie über das Lesen und über das Studium, welches männliche Verwandte absolvierten. So verhielt es sich auch bei Rahel Varnhagen. Sie partizipierte am Studium ihres Bruders Liepmann und las alle Werke geistiger Größen, die die Philosophie entscheidend geprägt hatten, so auch Fichte, Kant und Hegel. In ihrem ersten Salon, den sie noch als Rahel Levin führte, konnte sie sich mit ihren Besuchern sehr kreativ austauschen, kam allerdings alsbald an ihre Bildungsgrenzen. Durch ihr Selbstengagement schaffte sie den Aufstieg in das Bildungsbürgertum und den Anschluss an die geistigen Größen ihrer Zeit. Der Salon Rahel Varnhagens gehörte neben dem von Henriette Herz zu den berühmtesten geistig-literarischen Treffpunkten des frühen 19. Jahrhunderts. Durch diese Verbindungen, die Rahel als Salonière knüpfte, begründete sich auch ihre schriftstellerische Karriere. Immerhin ging Rahel Varnhagen als große Vertreterin der romantischen Frauenliteratur in die Geschichte ein. Durch ihr Leben für den Salon und die daraus entstandenen Verbindungen gelang es Rahel Varnhagen endgültig, ihren Status in der Gesellschaft zu behaupten. Man sah in ihr nicht mehr die Jüdin, was zu damaliger Zeit leider als Makel galt, sondern eine Bereicherung des Berliner Bildungsbürgertums. Heute gilt Rahel Varnhagen als eine der prägendsten Frauen der Romantik und ihr ungemein großer Nachlass an Briefen und Tagebucheinträgen wird als wichtiges Zeitzeugnis für die Literatur, Philosophie und die deutsche Geschichte angesehen.
Das Andenken bewahren – Die Varnhagengesellschaft
Gerade angesichts unserer historischen Vergangenheit, vor allem der jüngeren, ist es ein Anliegen, jüdisches Kulturgut in Deutschland zu konservieren und wieder bekannt zu machen. Die Varnhagengesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Andenken an Rahel Varnhagen, ihrer gesamten Familie und ihres Wirkungskreises mit Hingabe zu pflegen. Dank literarischer Gesellschaften wie der Varnhagengesellschaft wird hierzulande wieder aufgezeigt, wie groß das kulturelle Erbe ist, das Juden Deutschland hinterlassen haben. Ohne das vielgestaltige jüdische Kulturgut Rahel Varnhagens, Heinrich Heines, Felix Mendelssohn Bartholdys und vieler anderer gäbe es zahlreiche weiße Flecken auf der geistigen Orientierungskarte des Landes der Dichter und Denker.
Hannah Arendt: Rahel Varnhagen: Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik Piper 2008 (15.Aufl.), Taschenbuch, 335 Seiten. Euro 11,95
