Rainald Goetz "Klage" - Popliteratur heute

Rainald Goetz
Rainald Goetz "KLage" - Suhrkamp Verlag
Der Popliterat Rainald Goetz veröffentlichte 2008 sein Buch "Klage", das seinen Vanity-Fair-Blog 2007-2008 widergibt. Digitalisierung trifft Holzmedien.

Bereits mit "Abfall für alle" startete Rainald Goetz Ende der 1990er Jahre ein Blogprojekt und begab sich damit auf ein damals für Literaten höchst ungewöhnliches Gebiet. Im Jahr 2007 begann er erneut für ein Jahr auf der Internetseite der Zeitschrift "Vanity Fair" zu bloggen. Dank der Publikation dieses Internettagebuchs im Suhrkamp-Verlag 2008, ist der Text auch heute noch zugänglich. Die ursprüngliche Form des Werkes ging mit dem Scheitern von "Vanity Fair Deutschland" dagegen für immer verloren.

Klage - ein fröhlich-bissiger Genremix

Was tatsächlich wie ein virtuelles Tagebuch aufgebaut ist - zusätzlich zum Titel ist jeder Eintrag mit Datum, Uhrzeit und Ort überschrieben - wird schon im ersten Absatz ironisch gebrochen. Wie die Form gebietet, tritt ein Ich-Erzähler auf, dessen Text jedoch bereits nach dem ersten Satz mit einem knappen "notiert Kyritz" als indirekte Rede gekennzeichnet wird. Die Figur Kyritz soll nur eines von vielen Alter Egos bleiben, die Goetz sich beim Bloggen erschafft. Unter den Namen "Stressor", "Klagor", "Göthe" (oder "Goethe"), "Ich", "Goetz" und anderen legt er nicht nur seine Ansichten des Alltags dar, sondern schafft auch immer wieder literarische Intermezzos, deren Plot frei erfunden scheint. Goetz webt Prosa, Lyrik und Alltagstexte wie Emails oder Grabinschriften, nahezu gleichberechtigt in seine Ausführungen ein. Reale Personen des öffentlichen Lebens treten unter ihren Eigennamen auf, während er als Stellvertreter der Normalverbraucher das Paar "Qualli und Schnalli" einführt, die er durch einen tristen Kneipenalltag führt.

Wie ein Kommentator nimmt Goetz zu verschiedensten Events seiner Gegenwart Stellung, beschreibt und bewertet Kunstausstellungen und Kinobesuche ebenso wie Politgipfel. Auch Verabredungen mit Freunden sind von seiner mal versöhnlichen, mal bissigen Kritik nicht ausgenommen. Eine besonders anregende Kommunikation ergibt sich mit dem Journalisten und Bloggerkollegen Joachim Lottmann, der im April 2007 den Tazblog "auf der Borderline nachts um halb eins" beginnt, den er bis heute weiter führt. Goetz lässt nicht nur sporadisch Anmerkungen in seine Texte einfließen, die er selbst als lottmannhaft bezeichnet, er beschreibt auch wie er das Buch kauft, welches Lottmann in seinem Blog bewirbt und übernimmt mit der Idealfrau "Barbi" eine von Lottmanns Figuren. Seinerseits geht auch der Kollege immer wieder auf Goetz ein. Es entspinnt sich ein amüsantes Zusammen- und Gegeneinanderspielen.

Der Blog als Literaturform

Auch im Buch lässt sich noch erahnen, dass gerade die besondere Form der Entstehung von "Klage" dessen Reiz ausmacht. Die Beobachtungen des tagesaktuellen Geschehen treffen den Leser in seinem eigenen Alltag. Mit der Mischung aus Text und Aktion faszniert Goetz seine Leser in besonderer Weise. Diese schlägt sich nicht nur in der Auseinandersetzung mit Lottmann nieder, sondern wird auch durch ein fulminantes Abschlussfest buchstäblich gefeiert. Rainald Goetz lädt zum Ende seines Projekts zu einer großen Party ein. Es kommt Joachim Lottmann, es kommen Journalisten und Autorenkollegen und es kommen zahlreiche Leser. Goetz präsentiert persönlich einige Ausschnitte aus "Klage" und ruft dann alle auf, mit ihm zu tanzen.

Von dieser Lebendigkeit ist durch die Umformung vom Blog zum Buch viel verloren gegangen. Die Ereignisse, die Goetz beschreibt sind oft so fest an ihre Gegenwart gebunden, dass sie schon heute, nur vier Jahre nach Erscheinen, veraltet wirken. Der Blog als Textform, die immer auch Grafiken oder alternativen Textsatz einschließt, kann im Buch nur angedeutet werden. Doch selbst der Versuch dazu scheint vom Suhrkamp-Verlag abgelehnt worden zu sein. So sieht sich der Leser heute mit 429 Seiten schlichten Fließtextes konfrontiert, der höchstens einmal mit, durch Spiegelstriche gekennzeichneten, Dialogen oder einer, zu einem surreal-gedichtartigen Text verzerrten, Mail unterbrochen wird. Der Charme der innovativen Literaturform geht hier durch den Zwang zum konservativen Holzmedium verloren.

Goetz, Rainald: Klage. Suhrkamp 2008. ISBN: 978-3-518-42028-7. Gebundene Ausgabe 22,80 Euro

Mareike Höckendorff, Mareike Höckendorff

Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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