
- Magersucht im Park - Rolf Handke, pixelio.de
Das RTL-Dschungelcamp: Stars, die aus der Mode gekommen sind, versuchen vor laufenden Kameras eine Rolle zu spielen, durch die sie in der Gunst des Publikums wieder steigen.
Der Fernsehsender versucht, sie mit allerlei Schikanen daran zu hindern. Er setzt sie unter möglichst viel Stress. Mit fremden Menschen rund um die Uhr auf engem Raum zusammengepfercht zu sein, nicht einmal zur Toilette alleine gehen zu dürfen, unter ununterbrochener Beobachtung zu stehen, kaum eine sinnvolle Beschäftigung zu haben gehört dazu. Hinzu kommen gefährliche, anstrengende oder schlicht eklige Prüfungen. Und wenn die nicht vollkommen bestanden werden, gibt es eine sehr knappe Diät aus Reis und Bohnen.
Rainer Langhans fastet im Dschungel
Rainer Langhans ist langjähriger Veganer und geübt in Meditation. Das half ihm dabei, eine Dschungelprüfung mit beispielloser Souveränität und Gelassenheit zu bestehen. Damit hat er jedem Campteilnehmer zu einem vollkommenen Abendessen verholfen. Als die Fernsehzuschauer dazu übergingen, das Model Sarah Knappik immer wieder in die Dschungelprüfung zu wählen, war es mit diesen vollständigen Abendessen vorbei. In sechs Dschungelprüfungen erreichte sie insgesamt zwölf Sterne, zwölf einzelne Portionen also für insgesamt sechs Tage und elf Menschen.
Rainer Langhans reagierte auf diese Situation, indem er zu fasten begann. Seinen Angaben zufolge wollte er erleben, wie es ist, sehr wenig zu essen und "mit einem sehr reduzierten Körper zu leben". Er wolle "viel meditieren, fasten und reden", hatte er schon lange vor seinem Einzug angekündigt. Es sei für ihn auch kein Problem, die ganze Zeit zu fasten, sagte er im Interview. Allerdings hatte er dann auch - vielleicht nach dem Vorbild der Australierin Jashumeen - aufgehört zu trinken, und da hatte ihn der Arzt der Produktionsfirma schnell wieder von abgebracht, das sei in diesem Klima zu gefährlich.
Ein Model und sein Essverhalten
Sarah Knappik meinte später, sie habe tagelang das ganze Camp ernährt. Zur selben Situation, wohlgemerkt. Ein Dschungelteilnehmer fand, sie befinde sich "an der Grenze zur Magersucht". Zwei Elftel einer normalen Portion scheinen für sie die ausreichende Menge zu sein.
Models erzählen gerne, sie hätten ein völlig normales Essverhalten und wären rein zufällig von Natur aus spindeldürr. Wer kein normales Verhältnis zur Nahrungsaufnahme hat, ein solches aber vortäuschen will, muss seine Mitmenschen sorgsam beobachten, sich mit dem eigenen Verhalten kritisch auseinandersetzen und an den divergierenden Stellen ein Normalverhalten schauspielern. Das Model Sarah Knappik hat dafür offensichtlich keine Begabung - weder für die unvoreingenommene Beobachtung anderer, noch für objektive Selbstwahrnehmung. Da sie zugleich von undurchdachter Impulsivität ist, ist sie ein höchst interessantes Studienobjekt.
In einer Dschungelprüfung, in der es darum ging, eklige Sachen zu essen, aß Sarah eine Stinkfrucht und eine Portion vergorener Sojabohnen. Ihr Partner Jay aß die höchstmögliche Anzahl, nämlich sechs unterschiedliche zum Teil lebende Tiere. Mit Mühe behielt er sie lange genug in sich, bis die Sterne gewonnen und die Essen für alle gesichert waren. Dazu Sarah später: "Ich habe viel mehr gegessen als du. Du hast ja alles wieder ausgekotzt!"
Sarah mag nichts essen
An diesem Ausspruch wird deutlich, worin für Sarah das Problem besteht. Essen ist für sie offenbar kein erstrebenswertes Ziel, sondern die eigentliche Prüfung. Nahrungsmittel in sich zu haben, ist ihr widerlich. Von daher wird auch verständlich, wie panisch sie reagierte, als sie mehrere Tage lang Verstopfung hatte: Es befand sich Essen in ihr und sie bekam es nicht wieder hinaus! Als sie wieder Stuhlgang hatte, ließ sie an ihrer Freude und Erleichterung das gesamte Camp teilhaben.
An ihrem letzten Tag im Camp ging es auch darum, dass die anderen den Vegetariern all ihre Kirschen überlassen hatten, und diese hätten nicht einmal Danke gesagt. Rainer Langhans meinte, er habe sich über die Kirschen sehr gefreut und sich sehr wohl bedankt. Sarah Knappik hingegen war der Ansicht, wenn sie sich nicht dankbar fühle, bedanke sie sich auch nicht. Warum sollte sie sich auch dankbar fühlen, wenn sie gar nicht essen wollte?
Auch ihre offensichtliche Indifferenz all den nicht bestandenen Dschungelprüfungen gegenüber ist von hier aus zu verstehen. Sie fühlte keine Notwendigkeit, Essen herbeizuschaffen. Die magere Portion von Reis und Bohnen reichte ihr. Und da sie nicht über Empathie verfügt, bemerkte sie auch nicht, wie die anderen Campteilnehmer - außer Rainer Langhans, der zu seiner eigenen Lösung gegriffen hatte - von Tag zu Tag hungriger und unzufriedener wurden und sich gegenseitig von idealen Menüs vorschwärmten. Für Sarah war es kein Problem, mal eben eine Prüfung einfach erst gar nicht anzugehen, hier und da ein paar Sterne liegen zu lassen, die sie leicht hätte bekommen können. Was gab es schließlich schon groß dafür? Essen, bäh.
Fasten, Hungern, Magersucht
Fasten ist die normale Reaktion eines menschlichen Körpers auf Zeiten von Nahrungsmangel. Der Organismus schaltet um auf Sparflamme und lebt von seinen Reserven. Der Mensch kann von sehr wenig Essen eine Zeit lang leben, verliert dabei aber seinen Appetit nicht. In der Regel nimmt man beim Fasten zumindest Mineralwasser, meist auch Obst- und Gemüsesäfte zu sich. Der Körper nutzt diese Zeit; er baut Überflüssiges ab und schwemmt Giftstoffe aus. Der Faster schätzt Essen durchaus; er muss nur nicht unbedingt ständig möglichst viel davon haben. Er verliert auch seinen Appetit nicht. Wenn er wieder mit dem Essen beginnt, genießt er jeden einzelnen Bissen viel bewusster als zuvor.
Der - häufiger die - Magersüchtige hingegen isst vielleicht aus Heißhunger, aber nicht mit Genuss und Appetit. Wovon beide berichten, ist ein Gefühl der Leichtigkeit, des Losgelöstseins von der alltäglichen Erdenschwere, das als sehr angenehm empfunden wird - beim Faster, nachdem er die ersten zwei bis drei Tage der Umstellung auf den Fastenstoffwechsel überstanden hat.
Beim Hungern oder bei Flüssigkeitsmangel tritt dieser Mechanismus der Selbstreinigung nicht in Kraft. Während der Faster gut einige Wochen problemlos überstehen kann, sich oft sogar mit anderen zum Fastenwandern oder anderen sportlichen Aktivitäten zusammentrifft, ist der Hungernde nach wenigen Tagen bereits geschwächt. Es gibt viele Gründe, sich für eine oder zwei Fastenwochen zu entscheiden. Gesundheit gehört dazu (Heilfasten), es gibt das religiöse Fasten (Selbsterkenntnis) und zunehmend auch Fasten als Wellness - dann aber meist kürzer.
Wenig essen ist also nicht gleich wenig essen.
- Die Magersüchtige könnte essen, mag aber nicht.
- Der Hungernde möchte essen, kann aber nicht.
- Der Fastende könnte essen und möchte auch, verzichtet aber freiwillig.
Bildnachweis: Rolf Handke bei pixelio.de
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