Rehe am Meer, erschienen 2006, ist ein Band mit Erzählungen. Sie spielen in der Alltagswelt und die Protagonisten haben es mit ganz alltäglichen Konflikten zu tun. In Nasse Spatzen wird ein Neubau nicht rechtzeitig fertig, was den Bauleiter in eine verzweifelte Lage bringt. Eine ganz normale Ausnahmesituation. Wie bei allen Erzählungen ist die Sprache schnörkellos, die Protagonisten reden Umgangssprache und wirken dadurch echt. Und genau wie echte Menschen sagen sie selten, was sie beschäftigt. Diese Figuren verbergen uns das Wesentliche, wie in der Erzählung In tiefster Trauer: Ein Mann zieht aus einer Wohnung aus, in die er gerade erst mit seiner Freundin eingezogen ist. Die Frau ist weg. Ob sie ihn verlassen hat oder tot ist? Wir wissen es nicht sicher. Wir lauern und warten auf das, was sich hinter dem Schweigen versteckt, hinter den leisen Andeutungen von Unbehagen. Wir werden in die Irre geführt von Absätzen, die für den weiteren Lauf der Erzählung keine Bedeutung haben. So wie wir auch in unserem Leben erst später die Wichtigkeit einer Person oder einer Nachricht beurteilen können. Diese Prise Geheimnis tut den Erzählungen gut. Sie erinnern uns schon genug daran, dass Schweiß nicht nur im Fitnessstudio fließt, wo man ihn gleich wieder abwaschen kann.
Die Überraschung im Banalen
Warum ein Buch lesen, in dem es nicht besser zugeht als im wirklichen Leben, eher schlechter? Das liegt zunächst an Rothmanns Sprache, die einen sofort in eine andere Atmosphäre, die Welt der Handwerker und „kleinen Leute“ hineinzieht. Er erzeugt eine Authentizität, die sich von der klischeebeladenen Aufgeregtheit von Seifenopern wohltuend abhebt. Außerdem findet Rothmann auch in den banalsten Situationen noch eine überraschende Wendung. Der Aufbau ist gut durchdacht. Oft ist es erst der letzte Abschnitt, der letzte Satz, der die ganze Erzählung in ein anderes Licht rückt.
Rothmanns Werk
Ralf Rothmann kam 1953 in Schleswig auf die Welt. Er wuchs im Ruhrgebiet auf, begann eine Maurerlehre und jobbte danach als Fahrer, Koch und Krankenpfleger. Ralf Rothmann lebt seit 1976 in Berlin. Seine erste Veröffentlichung war der Lyrikband Kratzer, er erschien 1986. Der Autor erhielt dafür das Märkische Stipendium für Literatur. Bekannt wurde er durch die Ruhrgebiets-Trilogie, seine Romane Stier, Wäldernacht und Milch und Kohle. Stier, ein Entwicklungsroman, beschreibt die Adoleszenz in den 70er Jahren. Wäldernacht handelt von der Rückkehr eines Künstlers in seine Heimat und seine teils befremdenden Begegnungen mit Jugendfreunden. In Milch und Kohle steht die kleinbürgerliche Familie im Mittelpunkt, aus der die Mutter entfliehen möchte.
Aktuell lebt Rothmann mit seiner Frau am Müggelsee bei Berlin. Auch wenn man den Autor und den Protagonisten eines Romans nicht eins setzen kann: Sein letzter Roman, Feuer brennt nicht, erschienen 2009, handelt just von einem alternden Schriftsteller, der mit seiner Frau am Müggelsee lebt. Eine ehemalige Geliebte taucht auf und er lässt die Chance nicht ungenutzt.
Beobachter ohne Kälte
Rothmanns Werk lebt von seinen Erfahrungen, seine Beschreibungen sind dadurch sehr genau. Er befindet sich mit seinen Personen auf Augenhöhe und betrachtet sie doch mit einer kritischen Distanz. „Das Beiseitestehen und Beobachten ist meine Haltung schon seit der Kindheit“, so Rothmann in einem Interview mit Freitag. Doch man spürt eine Zuneigung zu diesen Menschen. Wenn man möchte, kann man das mit seiner „brachial katholischen“ Erziehung in Verbindung bringen.
Wer Rothmanns Prosa entdeckt, der fragt sich, warum dieser Schriftsteller trotz zahlreicher Preise nicht so erfolgreich ist wie Judith Hermann, Daniel Kehlmann oder Ingo Schulze. Vielleicht sind der spröde Stil und die unbehagliche Stimmung Schuld daran. Zum anderen sind Handwerker, die an den Füßen Sicherheitsschuhe und an den Händen Schwielen haben, zwar notwendig, entsprechen aber nicht dem Zeitgeist der Dienstleistungsgesellschaft. Es sind anachronistische Besucher, die von einer Zeit träumen, in der man auf das Handwerk stolz war. Bei Rothmann fehlen glückliche Zufälle, wie sie sogar im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Das Buch liest sich bis zum Ende sehr gut und bleibt in der Erinnerung haften. Aber es weckt die Sehnsucht nach einem Buch, in dem es ein klein wenig fantastischer zugeht. In der von anderen Welten erzählt wird, die man nicht schon zu kennen glaubt.
