Die friedliche Mischung der drei „Rassen“ - die portugiesischen Kolonisten, die versklavten Afrikaner und die Ureinwohner Brasiliens - werde den idealen Menschen kreieren, verlautbarte der Soziologe Gilberto Freyre. Die Prognose stammt aus seinem 1933 erschienen Buch „Herrenhaus und Sklavenhütte" - so die deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1965. Die Portugiesen, so Freyre, bringen viel Positives nach Brasilien. Sie sind beweglich, tolerant und vermischen sich gerne mit anderen Völkern. Denn bereits bevor sie Brasilien eroberten, haben sie Werte von anderen Kulturen übernommen, zum Beispiel von den Mauren. Zudem können sie sich mühelos an das tropische Klima anpassen, wie sie hinlänglich in Indien und Afrika beweisen konnten. Auch die Neger, wie die schwarze Bevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts genannt wurde, und die Indios beeinflussen den neuen Menschen positiv. Freyre erinnerte an die erzieherischen Leistungen der schwarzen Ammen und an die Sinnlichkeit der Indianerinnen.
Das Märchen der „ethnischen Demokratie“
In einer so durchmischten Gesellschaft wie der portugiesischen, spann Freyre sein Konzept weiter, werde jede Art von Konflikt schnell beigelegt. Denn: Keine Rasse ist der anderen untergeordnet - Rassendiskriminierungen gibt es nur in anderen Ländern. In Freyres romantischer Vision der harmonischen Rassenfusion, der miscigenação, fand das Leid der Sklaven keinen Platz. Seine Interpretation der brasilianischen Vergangenheit liefert die Basis für die „ethnische Demokratie“ Brasiliens. Eine Ideologie, die später unter der Bezeichnung „Rassendemokratie“, democracia racial, Diskussionen über phänotypisch bedingte Diskriminierung aus dem öffentlichen Raum verbannte.
Keine formelle Rassentrennung in Brasilien
Tatsächlich existierte in Brasilien nie eine formelle Rassenteilung wie in den USA oder in Südafrika. Immer wieder huldigten brasilianische Regierungen die positiven Beziehungen zwischen den eingewanderten Europäern, den Nachfahren der ehemaligen Sklaven und den Indios. In den 1950er Jahren beauftrage die UNESCO ein Team von Wissenschaftlern, die Rassensituation in Brasilien zu erfassen: Die ganze Welt sollte das Rezept des friedlichen Miteinanders erfahren. Unter der Leitung von Florestan Fernandes wurden im Norden, im Nordosten und im Südosten umfangreiche Studien durchgeführt. Die Ergebnisse zeichneten ein nüchternes Bild: Armut und schwarze Haut gehen auch in Brasilien Hand in Hand. Die politische und wirtschaftliche Macht ist weiß. Die democracia racial ist als Mythos entlarvt.
Heute: subtiler Rassismus
2005 ermittelte das brasilianische Statistikinstitut (IBGE), dass unter den zehn Prozent der ärmsten Brasilianer 73,5 Prozent dunkelhäutig sind. Unter dem einen Prozent der Reichsten hingegen sind 88,4 Prozent weiß. Brasilien, so untermauern die Daten, ist weit davon entfernt, eine Rassendemokratie zu sein oder zu werden.
Diskriminierende Sprichwörter
Offene Diskriminierungen der dunkelhäutigen Bevölkerung sind dennoch verpönt. Subtil durchzieht der Rassismus den Alltag. Noch immer geläufig sind Sprichwörter wie: „Ein Weißer, der läuft ist ein Athlet, ein laufender Schwarzer ist ein Dieb“ oder „Der Platz des Negers ist in der Sklavenhütte“.
Der Beginn der Gleichstellungsprogramme
1994 wählten die Brasilianer Fernando Henrique Cardoso zu ihrem Präsidenten. Er war Soziologe und hatte sich bereits in seiner Dissertation mit Rassenbeziehungen in Brasilien beschäftigt. Er räumte offiziell ein, dass in Brasilien Rassismus existiere. In den USA sorgten seit den 1960er Jahren „affirmative action“ Programme dafür, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen bewusst bevorzugt behandelt werden. Die Politik der „positiven Diskriminierung“, so die etwas unglückliche deutsche Übersetzung, soll mehr Gerechtigkeit bringen. Die Regierung von Cardoso entschied, auch in Brasilien Gleichstellungsprogramme, die ações afirmativas, für die dunkelhäutigen Brasilianer zu etablieren. Ein bestimmter Prozentsatz der offenen Stellen sollte fortan für sie reserviert werden. Besonders der Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Universitäten soll so erleichtert werden.
Literatur (Auswahl):
Freyre, Gilberto (1990 [1933]): Herrenhaus und Sklavenhütte. Ein Bild der brasilianischen Gesellschaft. München : Dtv/Klett-Cotta. (Originaltitel: Casa Grande e Senzela)
Hofbauer, Andreas (1995): Afro-Brasilien: Vom “weißen” Konzept zur “schwarzen” Realität; historische, politische, anthropologische Gesichtspunkte. Wien: Promedia.
