Rassenwahn und völkische Religion

Artur Dinter (1876- 1948)

Der Schriftsteller Artur Dinter (1876- 1948) entwarf rassenantisemitische Wahnvorstellungen, die um Sexualität und Religion kreisten.

Artur Dinter wurde 1876 im Elsass geboren und wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. 1885 nahm er das Studium der Naturwissenschaften in München und Straßburg auf, das er 1903 mit der Promotion in Chemie abschloss. Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer versuchte sich Dinter mit mäßigem Erfolg als Theaterregisseur und -schriftsteller. 1906 bis 1908 war er Regisseur am Stadttheater in Rostock und am Schillertheater in Berlin. 1908 gründete er den Verband deutscher Bühnenschriftsteller, der ihn 1917 ausschloss. Damit reagierte der Verband auf die radikale politische Wende des Schriftstellers vom Liberalismus zum Rassenantisemitismus, der sich zunächst in wilden Polemiken gegen die "Verjudung" des Theaters äußerte. Seit etwa 1913 vertrat Dinter ein geschlossenes völkisches Weltbild, das gegen Moderne, Liberalismus und Kosmopolitismus zu Felde zog. Dagegen setzte Dinter eine Mischung aus Heimatkunst, rassenreligiöser Regeneration und völkisch- antisemitischer Vereinnahmung der Weimarer Klassik. Gemeinsam mit Adolf Bartels kann er als prominentester Vertreter des "völkischen Weimar" gelten.

„Die Sünde wider das Blut“

1917 verfasste Dinter Die Sünde wider das Blut als ersten Teil der Romantrilogie Die Sünden der Zeit. In der bizarren Mischung aus Kolportageroman, pseudowissenschaftlicher Abhandlung und autobiographischen Elementen deckt der Protagonist eine jüdische Verschwörung auf, die darauf abzielt, durch Sexualkontakte mit „Arierinnen“ das deutsche Volk zu unterwandern und zu bastardisieren. Nach Kriegsniederlage und Novemberrevolution profitierte Dinters Buch von einer Hochkonjunktur antisemitischer Verschwörungstheorien (Dolchstoßlegende, Protokolle der Weisen von Zion) und erzielte bis 1934 eine Gesamtauflage von 260.000 Exemplaren.

Das Buch selbst ist jedoch eher als eine völkische Verarbeitung von drei gesellschaftlichen Veränderungen des späten Kaiserreichs zu begreifen: Die Entdeckung der Sexualität als Gegenstand von Wissenschaft und Politik, die Zunahme christlich-jüdischer Mischehen und die Popularisierung des Rassenantisemitismus, insbesondere durch Houston Stewart Chamberlain und Adolf Bartels.

Von der völkischen Bewegung zur NSDAP

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg stand Dinter rechtsradikalen Kreisen nahe, so dem Alldeutschen Verband und dem Deutschvölkischen Schriftstellerverband. Zwischen 1919 und 1922 trat er als Agitationsredner des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes auf, nach dessen Verbot für die Deutschvölkische Freiheitspartei und den Völkisch-Sozialen Block. 1924 wurde er in den Thüringischen Landtag gewählt. Nach ihrer Neugründung 1925 trat Dinter der NSDAP bei und fungierte als deren Gauleiter in Thüringen.

Deutschchristentum

Im Vordergrund von Dinters Interesse stand jedoch nicht die Politik, sondern das ältere völkische Projekt einer Germanisierung des Christentums durch die Eliminierung aller tatsächlichen oder vermeintlichen jüdischen Traditionsbestände. 1927 gründete er die „Geistchristliche Religionsgemeinschaft“, die sich 1934 in „Deutsche Volkskirche“ umbenannte. Sie propagierte die Ablehnung des Alten und weiter Teile des Neuen Testaments. Als Bezugspunkt des Deutschchristentums ließ man allein das Johannes- Evangelium gelten, mit dessen Hilfe man eine gnostisch- apokalyptische Reduzierung des Christentums auf den Antisemitismus vornahm. Jesus Christus war demnach „Arier“ und Antisemit. Obwohl Dinter seine religiösen Vorstellungen als neue Offenbarung verkaufte, waren sie im Kern wenig originell und folgten Vorläufern von Paul de Lagarde (1827- 1891) bis Friedrich Andersen (1860- 1940).

Häufig wird übersehen, dass derartige Erfindungen einer „arteigenen“ Religion nicht nur aus Rassismus und Radikalnationalismus erwuchsen. Sie segelten auch im Windschatten des liberalen Protestantismus, der gegen das gesetzesreligiöse Erbe des Judentums innerhalb der christlichen Konfessionen polemisierte.

Isolation

Der pragmatische Kurs Hitlers im Verhältnis zu den christlichen Kirchen führte zur Isolation Dinters. 1927 wurde er als Gauleiter abgesetzt und 1928 aus der NSDAP ausgeschlossen. Seiner „Volkskirche“ wurde nach der Machtergreifung die erhoffte Anerkennung als Religionsgemeinschaft verweigert, 1937 wurde sie verboten. Das Deutschchristentum blieb eine Splittergruppe innerhalb des Protestantismus. Als Dinter seine religiösen Reformideen dennoch weiter verfocht, wurde er 1939 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Publikationsverbot gleich kam.

Obwohl Dinter im Dritten Reich ohne Amt und öffentliche Funktion blieb, wurde er 1945 in einem Entnazifizierungsverfahren zu einer Geldstrafe von 1.000 Reichsmark verurteilt. Das Gericht erkannte in ihm einen Vordenker der Nürnberger Rassegesetzte. Dinter starb 1948 in Offenburg.

Literatur

Bosch, Manfred, „Rasse und Religion sind eins!“ Artur Dinters „Die Sünde wider das Blut“, in: Die Ortenau – Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Mittelbaden, 71 (1991), S. 596-621.

Kern, George/ Morris, Rodler, Race and spirituality. Artur Dinter's theosophical antisemitism, in: Holocaust and Genocide Studies 6 (1991), S. 233-252.

Hartung, Günther, Artur Dinter, Erfolgsautor des frühen Nationalsozialismus, in: Ders. (Hg.), Deutschfaschistische Literatur und Ästhetik – Gesammelte Studien, Leipzig 2001, S.99-124.

Meier, Kurt, Die Deutschen Christen. Das Bild einer Bewegung im Kirchenkampf des Dritten Reiches, Göttingen 1964.

Meier, Kurt, Kreuz und Hakenkreuz. Die evangelische Kirche im Dritten Reich, München 1992.

Ritchie, James M., Artur Dinters antisemitische Trilogie, in: Fernand Hoffmann / Joseph Kohnen (Hg.), Festschrift für Albert Schneider (= Publications du Centre Universitaire de Luxembourg, Germanistik, 3), Luxembourg 1992, S. 179-194.

Schmidt, Josef, Artur Dinter’s ‚Racial Novel‘ The Sin Against the Blood (1917). Trivial Stereotypes and Apocalyptic Prelude, in: Friedrich Gaede (Hg.), Hinter dem schwarzen Vorhang. Die Katastrophe und die epische Tradition – Festschrift für Anthony W. Riley, Tübingen 1994, S. 129-138.

Witte, Claudia, Artur Dinter – Die Karriere eines professionellen Antisemiten, in: Barbara Danckworth u.a. (Hg.), Historische Rassismusforschung. Ideologen, Täter, Opfer, Hamburg 1995, S. 113-151.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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