Rassismus heute: Rassismus der Intelligenz

Was misst der Intelligenzquotient? - Maren Beßler/ pixelio.de
Was misst der Intelligenzquotient? - Maren Beßler/ pixelio.de
Rassismus als Biologisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge charakterisiert die Moderne bis heute. Am Diskurs über Intelligenz zeigt sich das deutlich.

„An der Erzeugung des nächsten Geschlechts müssen die durchschnittlich Tüchtigeren in höherem Grade beteiligt sein als die weniger Leistungsfähigen.“ Warum dieses Zitat? Es macht doch lediglich bevölkerungspolitische Überlegungen geltend darüber, welches Leben aus der Perspektive des Staates nützlich und wertvoll ist und welches nicht. So etwas empört doch die Menschen nicht mehr?! Denn läuft Deutschland etwa nicht Gefahr zu verdummen, weil die Akademiker/-innen zu wenig Kinder bekommen und zu viele zu schlecht ausgebildete Einwandererfamilien zu viele Kinder bekommen? Braucht Deutschland denn etwa keine 'Akademikerinnen-Wurfprämie' (Volker Pispers), wie sie Von der Leyen damals mit dem Elterngeld durchsetzte, damit die klugen Deutschen nicht aussterben? Es ist schließlich doch auch politischer Konsens, dass Deutschland mehr Begabtenförderung braucht.

Und lassen sich Genforscher und Psychologen denn etwa nicht regelmäßig zu rassistischen und diffamierenden Bemerkungen über die unterschiedliche Intelligenz verschiedener Ethnien oder sozialer Schichten hinreißen? Einer Aufzählung von Beispielen dieser Art müsste ein eigener Artikel gewidmet werden. Das besondere dieses Zitats liegt wohl eher in seinem historischen Kontext, setzt sich folgendermaßen fort und entstammt einer Schrift mit dem Titel „Vererbungslehre, Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik. Für Gebildete aller Stände“ aus dem Jahre 1916: „Der Kernpunkt der ganzen Rassenhygiene ist also eine rassenhygienische Geburtenpolitik “ (zitiert nach Malina 2006)

Kontinuität biologistischer Denkweisen in der Geschichte der Moderne

Ein historischer Vergleich der heutigen Situation mit den rassentheoretischen Gedanken des frühen 20. Jahrhunderts mag man als polemisch, überzogen und für gänzlich unangebracht halten. Gänzlich unangebracht und nahezu gefährlich ist aber auch die Annahme, dass Ideen, die auf dem Boden einer leistungsorientierten industrialisierten Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert kräftige Wurzeln trieben, nach 1945 plötzlich verkümmerten und mit der „Stunde Null“ nicht nur das Leben von Millionen Menschen ausgerottet, sondern auch die für diese Ausrottung verantwortlichen Ideen vernichtet waren. (Malina 2006) Die eigentliche Herausforderung liegt wohl darin, die damals vorherrschende Praxis biologistischer und rassistischer Erklärungsmuster gesellschaftlicher Probleme gerade als konsequenter Teil einer historischen Kontinuität in der Entwicklung der Moderne (Malina 2006) zu sehen, die sich bis heute in den Denkmustern vieler Menschen festgesetzt haben.

Biologistische Erklärungsmuster am Beispiel Intelligenz

Wahrscheinlich wird man nie genau wissen, welcher Anteil der Intelligenz nun tatsächlich angeboren ist und welcher umweltbedingt. Welche Dimensionen der Intelligenz solche Tests nun messen und welche nicht, geschweige denn, ob und wie sich kognitive Fähigkeiten überhaupt angemessen operationalisieren lassen sind ebenso seit Jahrzehnten diskutierte Fragen. Aber in solch festgefahrenen Frontstellungen zwischen Biologismus auf der einen und Kulturdeterminismus auf der anderen Seite muss man lernen, die richtigen Fragen zu stellen:

Wer profitiert von einem solchen Diskurs über Intelligenz und Begabung?

Intelligenz steht nicht nur für sich alleine und wird assoziiert mit Leistungsfähigkeit, Anpassungsbereitschaft und vor allem: gesellschaftlichem Erfolg. Intelligenz indiziert Reichtum und Erfolg, während arme Menschen als dumm gelten. In einer Leistungsgesellschaft reichen bloßer Besitz und Machtbefugnisse nicht aus, um auch den sozialen Status der nachfolgenden Generation zu erhalten; das heißt auch Adelssprösslinge müssen durch das Nadelöhr der Bildung und der Diplome, wenn sie einmal eine Position mit hohem Sozialprestige innehaben wollen. Mit dem Zugang immer breiterer Schichten zu hohen Abschlüssen im Zuge der Bildungsreformen der 1960er Jahre drohte jedoch zugleich die Abwertung derselben. Also müssen sich all die Mächtigen und Besitzenden vor den Massen abgrenzen und schützen. Eine dieser Maßnahmen zum Schutz vor dem Bildungspöbel war und ist die Forcierung einer Ideologie der Begabung.

Rassismus der Intelligenz

Schon Ende der 1970er Jahren hatte der Soziologe Pierre Bourdieu die Strategie der Herrschaftslegitimierung durch Bildungstitel qua Intelligenz als „Rassismus der Intelligenz“ demaskiert. Dieser „Rassismus der herrschenden Klasse“ hat die Funktion der Rechtfertigung eigener privilegierter Positionen im Sozialgefüge. Der Begriff des Rassismus mach insofern Sinn, dass gerade biologische Konstanten in der menschlichen Veranlagung zu der Erklärung von Klassenunterschieden herangezogen werden. Die Argumentation ist eigentlich ganz einfach: Wir sind die Elite weil wir von Natur aus intelligent und begabt sind und Ihr seid die Masse, weil ihr nicht unsere Gene habt. Der Hochschulabschluss wird hierbei als Garant einer natürlichen Intelligenz angesehen.

Das Ziel dieser Argumentation ist Herrschaftslegitimation durch Verschleierung: Die Menschen sollen erst gar nicht erkennen, dass bei der Besetzung sozialer Positionen Macht im Spiel ist. Wer an eine angeborene Intelligenz und die Aussagekraft von Bildungstiteln und Intelligenztests glaubt, sieht gesellschaftliche Zusammenhänge mit der Brille notwendiger Naturgesetze. Die Intelligenten haben die Macht, so ist das eben. Strukturelle Herrschaftsverhältnisse werden in subjektiven Dispositionen aufgelöst. Durch die Klassifikation von Schülern in begabte und weniger begabte findet laut Bourdieu eine Umwandlung von Klassenunterschieden in Begabungsunterschiede, also natürliche Unterschiede statt. Soziale Unterschiede werden zu mentalen umgedeutet. Die Erklärung sozialer Herrschaftsverhältnisse durch biologische Eigenschaften der Menschen aber ist durchaus eine Form des Rassismus. „Der Rassismus der Intelligenz ist also eine systemstützende Ideologie“ (Ribolits 2006).

Mythos der Leistungsgesellschaft

Implizit stecken in der Argumentation einer Ideologie der Begabung zwei Annahmen: 1. Intelligenz hat etwas mit natürlicher Ausstattung zu tun und 2. Intelligenz impliziert gesellschaftlichen Erfolg. Die Angemessenheit der ersten Annahme soll einmal außen vor gelassen werden (siehe oben). Für die Falschheit der zweiten Annahme jedoch gibt es triftige Belege. Der Eliteforscher und Soziologe Michael Hartmann beweist, dass das Gerede von der Leistungsgesellschaft ein Mythos ist. Gesellschaftlicher Erfolg impliziert eben nicht mehr Leistung. So schreibt er: „Wenn man promoviert hat und als Arbeiterkind und als Kind eines leitenden Angestellten zur selben Zeit studiert hat, an derselben Uni, dasselbe Fach, mit derselben Geschwindigkeit mit genauso vielen Auslandssemestern, mit allen was sonst noch an Variablen zu berücksichtigen wäre, dann hat das Kind eines leitenden Angestellten eine zehnmal so hohe Chance, in die erste Führungsebene eines deutschen Unternehmens zu kommen als das Kind eines Arbeiters.“ Analoge Tendenzen lassen sich übrigens auch beim Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen beobachten. Arbeiterkinder mit identischen Leistungen landen sehr viel seltener auf Gymnasien als Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss (Geißler 1994).

Die Elite rekrutiert sich also nicht durch Leistung, sondern aus sich selbst. Würden diese Forschungen ernst genommen, dürfte eigentlich niemand mehr auf die Idee kommen, soziale Ungleichheiten beruhten auf individuellen, naturgegeben Dispositionen. Da Machtpositionen eben gar nicht mit den geeignetsten Personen besetzt werden, kann der Diskurs über Begabung nur als ideologischer Apparat zur Verschleierung dieser Sachlage dienen, und zwar mit Erfolg: Die wenigsten Menschen in Deutschland würden bestreiten, dass begabte Kinder später einmal erfolgreicher sein werden als unbegabte. Wieder einmal wird durch biologisch-genetisch erklärte Leistungsunterschiede versucht, die Auseinandersetzung mit Unterdrückung und Herrschaft zu umgehen.

Quellen:

  • Pierre Bourdieu(1993): Soziologische Fragen.Frankfurt.a.M.
  • Reiner Geißler(1994):Soziale Schichtung und Bildungschancen.In:Ebd(Hrsg.): Soziale Schichtung und Lebenschancen in Deutschland.Stuttgart.S.111-159
  • Weitere Information: Stephen J. Gould(1988): Der falsch vermessene Mensch.Frankfurt.a.M.
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