
- Buchansicht So nah und doch so fern, J. Bischkopf - ISBN 978-3-86739-039-2 Balance-Verlag Bonn 2010
Das handliche Buch der Autorin Jeannette Bischkopf stellt sich auf 160 Seiten den Fragen der Menschen, deren Angehörige oder Freunde an depressiven Erkrankungen leiden. Ist ein Mensch von Depressionen betroffen, so dreht sich auch mittelbar für die ihm nahestehenden Menschen die Gefühlsspirale aus Hilflosigkeit, Wut, Mitleiden und Verzweiflung unaufhörlich. Es fällt schwer, die emotionale Distanz zu bewahren. Anfängliche Gelassenheit wird bei fortschreitender Erkrankung oft durch zunehmende Schuldgefühle zerstört. Konsequent setzt sich die Autorin in ihren Texten mit der Perspektive der Angehörigen auseinander. Respektvoll und achtsam erklärt sie Sachverhalte anschaulich und gibt somit hilfreiche Anhaltspunkte für Menschen, die helfen und sich trotzdem selbst dabei nicht verlieren wollen.
Das Thema Depression in Familien
Die Autorin beschreibt, wie viel unter Umständen schon innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen vorfällt, ehe das Thema Depression endlich offen kommuniziert wird. Leidensgeschichten von Familien entstehen oftmals nicht erst mit der Diagnose oder Behandlung. Weiträumig im Vorfeld beginnen die Schwierigkeiten. Deutlich später ist die richtige Diagnostik und geeignete Behandlung ein Weg aus der verzweifelten und angespannten Lage, in der sich Betroffene und ihre Familien, Freunde und Angehörigen häufig befinden.
Angehörige teilen oft in ihrer Wahrnehmung des Betroffenen die Zeit in eine vor und eine nach der Diagnose Depression. Die wahrgenommenen Veränderungen erzeugen bei Angehörigen extreme Verunsicherungen. Sorgen, Ängste, Zweifel und Schwierigkeiten entstehen aus Fehldeutungen des depressiven Verhaltensmusters. Erst Informationen über die Erkrankung bieten Angehörigen die Basis und Grundlagen, um den Umgang mit dem depressiven Menschen zu bewältigen und zu erlernen. Das vorliegende Buch bietet dafür relevantes Wissen, das im konkreten Alltag hilfreich ist.
Über Depressionen zu sprechen fällt schwer
Die Anfänge einer depressiven Erkrankung erscheinen häufig so nebulös, dass selbst ein Hausarzt sie in 30 % bis 50 % aller Fälle zunächst übersieht. Aspekte von Depressionen (Schlafstörungen, Kopf - und Magenschmerzen, Muskelschmerz, Spannungsschmerz) verleiten oft zu anderen Diagnosen und körperliche Probleme werden langwierig behandelt, ohne das depressive Ursachen sichtbar sind. Der Betroffene zieht sich beispielsweise zurück, wird sehr ruhig, zeigt immer weniger Interesse an gemeinsamen Unternehmungen. Er lehnt viele Dinge ab, die Stimmungen schwanken stark, er wirkt oft abwesend oder klagt über Appetitlosigkeit. Erst wenn alle alternativen Erklärungsversuche scheitern, kristallisiert sich die depressive Erkrankung heraus.
Angehörige vermuten oft zunächst berufliche oder private Probleme, über die der Betroffene nicht sprechen mag. Je länger der veränderte Zustand andauert, um so misstrauischer wird der Betroffene von den Angehörigen beobachtet. Der Erkrankte selbst kann seine veränderte Verhaltensweise oft gar nicht erkennen und ist in seinen Symptomen wie gefangen. Für viele Menschen ist eine Depression sehr schamhaft besetzt und es gibt große Hemmschwellen, überhaupt über die Möglichkeit dieser Erkrankung zu sprechen. Jede Depression ist individuell verschieden, entsteht häufig unerwartet und erscheint Angehörigen kaum beeinflussbar. So vergeht viel wertvolle Zeit, ehe es Angehörigen und Betroffenen selbst gelingt, die Situation anzusprechen und zu erkennen.
Die Behandlung von Depression unterstützen
Viele raten zunächst depressiven Menschen zu alternativen Behandlungsmöglichkeiten. So beispielsweise zu Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln. Es werden Gutscheine für eine Massage verschenkt, Bachblüten empfohlen. Da in den wenigsten Fällen Nebenwirkungen zu befürchten sind, kann man es versuchen. Tritt jedoch keine Besserung ein und der Leidensdruck steigt unaufhörlich, so wird der Weg zu einem Facharzt oder Psychologen unumgänglich.
Depressionen sind ein biopsychosoziales Geschehen und mehrere Ebenen in der Behandlung wichtig. So ist es für depressive Menschen extrem wichtig, das Angehörige und nahestehende Menschen ihrer Erkrankung vorurteilsfrei und verständnisvoll wahrnehmen. Sie als heilbare Erkrankung, jedoch nicht als Defizit ihrer Persönlichkeit oder Charakterschwäche werten. Deshalb ist es für Angehörige wichtig auf der Grundlage nützlicher Information eine gesunde Distanz zu wahren und keinen emotionalen Druck auf Betroffene auszuüben, der depressive Symptome schmerzhaft verstärken kann.
Wirksame Depressionsbehandlung durch Psychotherapie
In der Praxis steht die pharmakologische Behandlung mit Antidepressiva sowie symptomspezifisch eingesetzten Psychopharmaka im Vordergrund. Nach fachqualifizierten Studien werden in den ersten vier Wochen einer akuten Depressionsepisode damit die besten Ergebnisse erzielt. Jedoch wird mittlerweile berechtigt die oft noch übliche Langzeitbehandlung mit Beruhigungsmitteln und Antidepressiva kritisch bewertet und abgelehnt. Nach heutigem Wissensstand ist gesichert, das eine ausschließlich medikamentöse Behandlung von Depressionen falsch ist.
Psychotherapeutische Methoden können bei der Heilung depressiver Erkrankung weitaus mehr bewirken als ein einfaches Gespräch beim Arzt, der nur Medikamente verschreibt und Nebenwirkungen abklärt. Die Auswahl der geeigneten Verfahren sollte individuell sorgsam erfolgen, da nicht jedes zu jedem passt. Kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse werden als Kurzzeit - oder Langzeittherapie angeboten und Kosten von den Krankenkassen übernommen. Jeanette Bischkopf gibt in ihrem Buch wertvolle Anhaltspunkte für die Wahl eines geeigneten Therapeuten.
Buch: “So nah und doch so fern. Mit depressiv erkrankten Menschen leben”, Jeanette Bischkopf, Balance buch + medien verlag, Bonn, 2010, ISBN-Print: 978-3-86739-039-2, 160 Seiten, 14,95 €
