Rating-Agenturen: Objektive Dienstleister oder böse Mächte?

Bringen Rating-Agenturen den Euro zum Absturz? - Michael Voigt
Bringen Rating-Agenturen den Euro zum Absturz? - Michael Voigt
Ratingagenturen können Regierungen stürzen und Weltwirtschaftskrisen auslösen. Ihrer ursprünglichen Aufgabe entspricht diese Marktmacht allerdings nicht.

Kaum eine Woche vergeht ohne neue, bedenkliche Meldungen über schwächelnde EU-Staaten wie Griechenland, Italien oder Portugal. Das Schreckensszenario „insolventer“ Staaten scheint kein Ende zu nehmen und bedroht letztendlich die gesamte Weltwirtschaft. Fester Bestandteil vieler Nachrichtensendungen dazu sind die Analysen und Bewertungen der Rating-Agenturen. Wer sind diese anscheinend allmächtigen Meinungsmacher?

Was ist eine Rating-Agentur?

In der Regel sind Rating-Agenturen Unternehmen, deren Geschäftszweck die Risikobewertung von Wertpapieren wie Aktien oder Anleihen ist. Ihre so genannten Ratings geben dabei lediglich die Wahrscheinlichkeit eines Ausfallrisikos an. In vielen Fällen tun die Agenturen das im Auftrag des Emittenten, welcher die Wertpapiere ausgibt und auch für die Analyse bezahlt. Diese zunächst sinnvoll erscheinende Beschäftigung mit allerhand Zahlenmaterial kann jedoch weitreichende Auswirkungen haben: Denn die meisten Entwicklungen auf dem internationalen Börsenparkett basieren auf reiner Psychologie sowie auf dem „Herdentrieb“ des Menschen. Schlechte Nachrichten beispielsweise wirken sich auf ein Wertpapier oft preismindernd aus.

Sind Rating-Agenturen mächtiger als Regierungen?

Bezieht sich nun eine negative Bewertung auf einen Staat und dessen Volkswirtschaft, dann sorgt diese Massenpsychologie für heftige Turbulenzen. Die Anleihen (Schuldverschreibungen) des betroffenen Staates gelten plötzlich als unsicher. Will die jeweilige Regierung nun neue Kredite aufnehmen, muss sie wegen des erhöhten Risikos auch höhere Zinsen zahlen. Ein Teufelskreis setzt ein: Der Staat hat zu wenig Kapital, muss sich verschulden, zahlt aufgrund dieser Tatsache extrem hohe Zinsen und hat genau deshalb wiederum zu wenig Kapital. Da ein solcher Teufelskreis durch die Aussage einer einzigen Rating-Agentur einsetzen kann, zeigt sich hier die ungeheuere Macht dieser Unternehmen.

Ihre Bewertung einer Volkswirtschaft wird quasi zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Im Prinzip kann somit jeder nicht schuldenfreie Staat in den Ruin getrieben werden. Entsprechend vorsichtig formuliert so mancher Politiker daher seine Kritik an den Rating-Agenturen. Schließlich könnte die eigene Nation ja sonst als nächste in den Fokus der „Analysten“ geraten.

Rating-Agenturen: Die Großen Drei

Doch diese Machtfülle hat längst nicht jede Rating-Agentur. In der Regel reagieren die Märkte nachhaltig nur auf das Urteil von drei großen Unternehmen:

  • Standard & Poors (S&P), die vermutlich bekannteste Rating-Agentur der Welt, ist seit mehr als 150 Jahren in der Finanzwelt tätig und veröffentlicht an den weltweiten Börsen sogar mehrere eigene Indizes zu Aktien- und Rohstoffwerten.
  • Moodys, benannt nach dem Firmengründer John Moody, beschäftigt sich seit rund 100 Jahren mit der Bewertung von Börsenpapieren. Seit 1975 verfügt Moodys über die Zulassung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC. 1991 eröffnete die Agentur zudem eine Niederlassung in Deutschland.
  • Ebenfalls ein in Deutschland präsentes US-Unternehmen ist die Agentur Fitch, welche sich in den letzten Jahren zum dritten großen Meinungsmacher entwickelt hat.

Diese Großen Drei prägen im Wesentlichen das Ansehen bestimmter Wertpapiere, denn sie genießen das Vertrauen der Anleger. Alle drei arbeiten mit einem Bewertungssystem aus Buchstaben, wobei die Vergabe des Triple-A (AAA bzw. Aaa) die Bestnote bedeutet. Kombiniert werden die Buchstaben mit Nummern oder den Zusätzen „+“ und „-“

Andere Agenturen haben es entsprechend schwer, sich weltweit nachhaltig durchzusetzen. Genau aus diesem Grund klingt die Forderung mancher Politiker nach Etablierung einer europäischen Agentur als Gegengewicht zwar einleuchtend, stellt aber kein geeignetes Mittel dar, um kurzfristig vom Einfluss der Großen Drei loszukommen.

Kritik an den Rating-Agenturen

Zur Zeit sehen sich Rating-Agenturen in der öffentlichen Meinung massiver Kritik ausgesetzt. Dies betrifft beispielsweise folgende Punkte:

  • Die US-Herkunft der drei wichtigsten Agenturen könnte eine Benachteiligung des konkurrierenden EU-Wirtschaftsraums bedeuten. Allerdings sind mittlerweile auch die USA selbst von einer negativen Beurteilung dieser Agenturen bedroht.
  • Obwohl die Aufgabe der Rating-Agenturen gerade darin besteht, vor Verlustrisiken zu warnen, haben auch sie die Finanzkrise 2008 nicht verhindern können.
  • Seit den 1970er Jahren hat ein Wandel im Bezahlsystem stattgefunden. Die Arbeit der Agenturen wird nun nicht mehr von potenziellen Investoren, sondern von den bewerteten Unternehmen selbst vergütet. Entsprechend positiv verfälscht könnte die Analyse ausfallen.
  • Bei der Bewertung von Staatsanleihen sind es nach Angaben des Internetportals 20 minuten online vor allem die wirtschaftlich schwachen Staaten, welche Rating-Agenturen kostenpflichtig beauftragen müssen, weil sie ohne eine Bewertung kaum Möglichkeiten haben, am Markt frisches Kapital aufzunehmen. Hier besteht die Gefahr, dass eine notwendigerweise gute Bewertung von der Höhe der geleisteten Zahlung abhängt. Für Anleger entsteht so kein realistisches Abbild der tatsächlichen Risikosituation.

Dennoch ist nicht jede Kritik an den Rating-Agenturen gerechtfertigt: Im Zuge der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise beispielsweise wurde ihnen Versagen vorgeworfen. Heute hingegen warnen die Rating-Agenturen rechtzeitig vor Krisenszenarien und gelten genau deshalb plötzlich als Miesmacher. Fakt ist jedoch, dass sie bei korrekter Arbeitsweise eine wichtige Funktion in der Finanzwelt erfüllen. Die Forderung nach genereller Abschaffung der Rating-Agenturen ist daher reiner Populismus. Die wirkliche Aufgabe der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft besteht vielmehr darin, die Arbeit der Rating-Agenturen in die richtigen Bahnen zu lenken.

Weitere Quellen:

Michael Voigt, Copyright: Michael Voigt

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