Raumgreifende Technik – 3D-Fernsehen auf der IFA 2010 in Berlin

IFA 2010 - G. Bachleitner
IFA 2010 - G. Bachleitner
Die 3D-Technik auf der IFA 2010 in Berlin wollte den Eindruck erwecken, daß die neue Abbildungstechnik fertig für den Einsatz im Wohnzimmer sei.

Die dreidimensionale Funkausstellung wollte den Eindruck erwecken, daß die neue Abbildungstechnik fertig für den Einsatz im Wohnzimmer sei. Das stimmt zwar grundsätzlich, doch hängen noch viele Fragen daran.

3-D im Kino und zuhause

Zunächst scheint eine gespaltene Resonanz vorzuherrschen. Im Kino ist 3D über die Maßen erfolgreich, hat im vergangenen Jahr zu einem erheblichen Umsatzplus aufgrund der höheren Preise für 3D-Filme geführt. 14 3D-Filme kamen in die deutschen Kinos. Die 3D-Produktion wird intensiv fortgesetzt, und zusätzlich werden geeignete ältere 2D-Filme nach einer 3D-Konversion erneut ins Kino kommen.

Eine Umfrage der Zeitschrift Digitalfernsehen ergab jedoch, daß fast 45 % der Interessenten (Stand 15.9.10) 3D nur dann zuhause haben und anschauen wollen, wenn es ohne Brille funktioniere. Natürlich machen sich diese Leute die Konsequenzen ihrer Brillenverweigerung nicht klar. Es gibt dann auf absehbare Zeit kein 3D, weil autostereoskopische Monitore noch etliche Jahre der Entwicklung brauchen werden und auch dann der Bildeindruck keineswegs von vornherein überzeugend sein muß, wie die betreffenden Prototypen auch auf dieser IFA wieder zeigten. Aufgrund der physikalischen Rahmenbedingungen ist die Brille tatsächlich das weitaus einfachste und praktikabelste Verfahren, die Bildtrennung zwischen links und rechts zu bewerkstelligen.

Die geäußerte Abneigung könnte zum Teil auf eine andere Begleiterscheinung bei den jetzigen Brillen zurückgehen, den erheblichen Helligkeitsverlust, der das Zuschauen anstrengender macht und die inzwischen ungewohnte Nötigung, eine Darbietung mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Was im Kino selbstverständlich ist, muß im Fernsehen neu gelernt werden. An Helligkeit werden wir künftig sicherlich noch etwas dazu bekommen, auch wenn es nicht unbedingt das vierte, gelbe Farbpixel wird sein müssen, auf das als Helligkeitsverstärker Sharp jetzt stolz verweist.

Allerdings steht dem Helligkeitsgewinn auch ein Problem entgegen, das sicher vermieden werden muß, das Übersprechen zwischen Links und Rechts. Es entsteht durch das Nachleuchten des Bildschirms und wird üblicherweise durch Verkürzung der Leuchtzeit kompensiert. Dadurch aber geht Helligkeit verloren. Unerfreulicherweise führt dieses Problem auch dazu, daß die Verschlußbrillen inkompatibel werden, weil jeder Fernsehgerätehersteller eigene Kompensationen und Schaltzeiten verwendet. Zwar hat Xpand auf der IFA auch eine Universalbrille vorgestellt, aber die darin nötige Anpassungselektronik an die verschiedenen Fernseher macht die Brille mit etwa 130 Euro keineswegs billiger als die Originalmodelle. Die von Monster Cable vorgestellte Universalbrille soll sogar 250 $ kosten, weil sie nicht mit Infrarot, sondern mit Funk arbeitet.

Gestaltung des Raums – ästhetische Fragen

Hinter 3D tun sich nicht geringe ästhetische Fragen auf, die offenkundig noch großenteils der Beantwortung harren. Hollywood drückt sich bis jetzt davor, wie man an der einseitigen Auswahl der Genres der 3D-Filme sieht. Animation, Materialschlachten und Tanz werden räumlich inszeniert, aber einen "Schauspielerfilm", ein intimes Beziehungsdrama oder eine elegante Komödie haben wir bis heute nicht zu sehen bekommen.

Zweifellos ist der Aufwand für einen 3D-Film höher, weil die Bewegung im Raum bewußt gestaltet werden muß. Auch der Anschluß von Räumen oder Blickwinkeln unterschiedlicher Tiefe wird im Schnitt bedacht werden müssen. Diese neue Dimension führt übrigens dazu, daß 3D-Filme künftig nicht immer auch in identischer 2-D-Fassung auf den Markt kommen werden. Wie die Regie im Einzelnen vorgehen muß, wurde im Medienwoche-Forum Neuer Content 3D an den beiden, noch in Arbeit befindlichen Kurzfilmprojekten Strangel - The Angel of Odd nach E.A. Poes Geschichte Der Engel des Wunderlichen (oder Sonderbaren) und Water Soul lehrreich vorgeführt. Stefan Heimbecher brachte von seinem Sender Sky ein Kompilat von 3D-Sequenzen mit und erläuterte den im Oktober startenden 3D-Kanal. Das Fußballspiel, mit dem man in März den 3D-Einstand für Deutschland gefeiert hat, überzeugte technisch nicht. Bestimmte Sequenzen enthielten Geisterbilder oder waren sonst im Raumeindruck unbefriedigend oder anstrengend. Ob es an der Projektion oder an suboptimal eingestellten Kameras lag, blieb unklar. Heimbecher gab auch zu, daß Fußballspiele schwierig aufzunehmen seien. Wie Computerspiele in 3D aussehen (können), zeigte Thomas Mertens vom Grafikkartenhersteller Nvidia und bot anschließend den Teilnehmern auch Gelegenheit, an zwei Sitzen eine Autorennsimulation in 3D zu erleben. Dafür standen nicht nur drei zueinander etwas abgewinkelte Monitore, sondern auch ein Lenkrad mit Rückstellkraft und eine echte Pedalerie zur Verfügung. Damit läßt sich schon eine nachdrückliche Immersion erreichen.

Verschiedene Genres in 3D

Die IFA bot zwei spektakuläre Pressekonferenzen, die zugleich in 3D aufgenommen und projiziert wurden. So begegnete also die Abbildung der Realität, von der sie genommen wurde, und enthüllte die verbleibende Differenz. Ein Optimist wird den 3D-Effekt Stilisierung nennen und sich freuen, etwas zu sehen, als ob er mit am Ort wäre. Die Telekom hatte sogar ihre Powerpoint-Folien dreidimensional aufbereitet, und Sony holte den leibhaftigen Lang Lang aus der Kulisse, nachdem er im 3D-Video im Berghain in Berlin konzertiert hatte. Er durfte dann auch sagen, daß er Sony-Produkte schätze, und auf einem bereitgestellten Flügel spielen.

Konzerte sehen in 3D sehr gut aus. Beim Klavierabend merkt man, daß der Flügel über 2 m lang ist, und beim Pop-Konzert, welche riesige Bühnen und Stadien bespielt werden. Die Berliner Philharmoniker ließen sich mit einem groß besetzten Strawinsky-Werk in der Probe filmen, und dabei erfährt der Zuschauer, wie schwierig es sein kann, so viele über den Raum verteilte Musiker auch nur akustisch zusammenzuhalten. Ein gewisses Unbehagen mag man empfinden, wenn die 3D-Kamera ein Orchestersegment hervorhebt, der Klang aber die optische Nähe nicht nachvollzieht. Andererseits wäre eine dem Bild folgende Tonmischung abenteuerlich, und im 2D-Konzertfilm hat der Zuschauer gelernt, die Divergenz von Ton- und Bildperspektive zu ignorieren.

3-D-Projektionen bilden normalerweise mindestens lebensgroß ab. Diese ästhetische Verfremdung wird leicht hingenommen und ist im Kino seit 100 Jahren gelernt worden. 3D im Fernsehen zeigt Menschen jedoch viel kleiner als lebensgroß und läßt sie puppenartig erscheinen. In 2D hat uns die Malerei durch 500 Jahre Zentralperspektive an das Ignorieren absoluter Größen gewöhnt. Nur die Größenverhältnisse zählen, und insofern stört uns die Kleinheit der Abbildung – auf Gemälden oder im Fernsehen - nicht mehr. Was wahrnehmungspsychologisch für uns nun neu ist, ist die Gelegenheit, authentischen Raum in nicht originaler Größe abgebildet zu bekommen. Dort unsere anthropologischen Fixpunkte zu finden, werden wir noch zu lernen haben.

2D/3D-Konversion

Das spannende Thema der 2D/3D-Konversion wurde von etlichen Anbietern vorgestellt, ohne daß Klarheit über die verwendeten Verfahren und Forschungsziele hätte gewonnen werden können. Einerseits stehen Patente oder Betriebsgeheimnisse dahinter, andererseits schwierige Mathematik. Gut verständlich war noch die Erläuterung, die wir von von Dr.-Ing. Matthias Kunter von der berliner Firma imcube zu jenem Bewegungstypus erhalten haben, der exakt und automatisch verräumlicht werden kann: die Kamerafahrt. Dabei wird ja buchstäblich eine Strecke zurückgelegt und kann der Raum dazwischen daher nachträglich berechnet werden. Bei allen anderen Bewegungsformen ist man auf Schätzungen angewiesen, die aber bei etwas Sorgfalt sehr überzeugend ausfallen können. Kunter zeigte schöne Beispiele aus dem BBC-Film über den Planeten Erde, Sony ein vorzügliches Golfspiel, wo die räumliche Entfernung und Lage ja nun wirklich eine entscheidende Rolle spielt. Sony wird zum Jahresende auch eine 3D-Fassung von Michael Jacksons posthumem Film herausbringen, aber man hat auch schon Jimi Hendrix konvertiert. Diese verwegene Unternehmung ist tatsächlich noch bemerkenswerter, als sie sich anhört, denn man hat sich zugleich entweder gescheut oder die Mühe gespart, das alte, aus den 60er Jahren stammende 16-mm-Material ordentlich zu entrauschen. Den überraschend guten Raumeindruck beeinträchtigt dies freilich kaum. Etwas mehr stört die zur damaligen Zeit technisch bedingt relativ unruhige, holperige Kameraführung. Kunter hielt es ohne weiteres für möglich, etwa einen Film wie Ben Hur zu verräumlichen, und selbst das "graphische Schwarzweiß", von dem gerne Cineasten schwärmen und das etwa Orson Welles' Dritten Mann kennzeichnet, könnte man sich in 3D vorstellen.

Markteinführung

Trotz des 3D-Booms in den Kinos und der schon seit Jahresbeginn vorliegenden Standardisierung für 3D-Blu-ray gibt es bislang nur eine knappe Handvoll Scheiben zu kaufen. Die Produktpolitik der Gerätehersteller und Filmstudios, einige Filme nicht in den Verkauf zu geben, sondern als Bonus zum Gerätekauf auszuliefern, ist völlig unverständlich. Erfreulich dagegen Sonys Bereitschaft, die Playstation 3 mit ihrem Blu-ray-Laufwerk durch eine Firmware-Aktualisierung demnächst 3D-fähig zu machen.

Angesichts der offenen Fragen machte die 3D-Technik auf der IFA in etwa den Eindruck jenes von einer Luftballontraube in die Höhe gehobenen Hauses, das im bekannten Animationsfilm Oben den ersten Schauplatz darstellt.

Portrait, Autor

Gerhard Bachleitner - Musikkritiken siehe: www.online-musikzeitung.de Fotografien siehe: www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/838794

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