Schauspielhaus Hamburg, Donnerstag, 4. März 2010, 20.30 Uhr. Henning Nass spricht ein paar einleitende Worte zu der umstrittenen Person Ernst Jünger. Die markanten Stimmen von Martin Wuttke und Margit Carstensen führen die Hörer in die Texte ein. Im Hintergrund singt ein Chor jenen Choral, der schon Jüngers Beerdigung untermalt hatte.
In der Discokugel stecken farbige Scherben. Bunte Lichtreflexe schwirren durch den Raum. Vereinzelt sitzen Leute an den Kantinentischen des Hamburger Schauspielhauses und starren ins Leere. Es wird gelauscht.
Der Anfang der Vorführung verwirrt mehr als zu erklären. Das Klicken der Stopptaste und der Sound eines rückwärts laufenden Bandes signalisieren, es gehe zurück auf Los. Und los geht es in die "Annäherungen - Drogen und Rausch" von Ernst Jünger. Wer Ernst Jünger ausschließlich als Kriegsverherrlicher und Nationalisten kannte, lernt einen anderen Zug des Autors kennen. Der ältere Jünger suchte das Abenteuer nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern im Rausch der Drogen. Die Texte zu Nikotin, Alkohol, Koffein, LSD, Haschisch und Meskalin sind voller Andeutungen. Irgendetwas schien noch hinter der reinen Intoxikation zu liegen, etwas "... von dem schon die Zauberer und Priester lebten". Zu den Stimmen von Margit Carstensen und Martin Wuttke gesellt sich der erzählende Christoph Schlingensief. Eine rührselige Geschichte einer zarten Kinderliebe, während die ersten Menschen auf dem Mond landeten. Zurückspulen. Der Rausch sei eine Reise in die Tiefe, ins Ungewisse. Der Rausch sei ein Höhenflug. Es drehe sich alles um das Geheimnis, welches den Menschen umgäbe. Mit jeder Annäherung geschähe ein Übergang. Margit Carstensen erzählt von affenähnlichen Außerirdischen in Mexiko. Ist das noch Jünger oder sind das schon eigene Assoziationen? Mexiko sei ein eigener Kosmos, nicht nur Staat. Schlingensief erklärt das Mutterkorn.
Krieg und Drogen?
Plötzlich ist Ruhe und Henning Nass signalisiert, es würde auch nichts mehr kommen. Das Hörspiel ist ein minimaler Ausschnitt aus dem Gesamtwerk. 30 Seiten von 456 Seiten im Original. An der anschließenden Diskussion beteiligen sich die wenigen Hörer überraschend rege. Jünger scheint zu faszinieren. Auf die Frage, ob denn Ernst Jünger auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs vielleicht ähnlich suchte wie viel später im Rausch der Drogen, antwortet Henning Nass, dass durchaus Parallelen gezogen werden könnten. Jünger habe sich dem Tod genähert, sowohl als Krieger, als auch als Kiffer. Jüngers erreichtes Lebensalter von 103 Jahren bleibe auch deshalb ein Rätsel.
Die Arbeit mit dem Text von Ernst Jünger begann Henning Nass während der Vorbereitung einer Aufführung von Goethes "Faust" in dem Berliner Ensemble-Foyer.
Ein kunterbuntes Hörspiel
In der Ankündigung der Veranstaltung versprach das Schauspielhaus ein "Kaleidoskop aus Unterhaltungen, Zitaten, Assoziationen und wissenschaftlichen Beiträgen". Das ist Henning Nass gelungen. Auch wenn der Begriff "Kaleidoskop" (Griechisch für "schöne Formen sehen") im Zusammenhang mit einem Hörspiel zunächst nicht unbedingt zu passen scheint, so sind die bunten Lichtreflexe der Discokugel eine gute optische Untermalung in Annäherung an ein Kaleidoskop gewesen. Es war eine gute Fahrt.
