Ray Kurzweils "Homo s@piens": Der Mensch im 22. Jahrhundert

Werfen virtuelle Wesen Schatten? - Inga Ganzer
Werfen virtuelle Wesen Schatten? - Inga Ganzer
In seinem Buch prognostiziert Kurzweil für das Jahr 2020 die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Welche weiteren Entwicklungen sieht er bis dahin voraus?

Der amerikanische Computerpionier, Informatiker und Gründer einer Firma für elektronische Musikinstrumente Raymond Kurzweil veröffentlichte im Jahr 1999 sein Werk „Homo s@piens. Leben im 21. Jahrhundert – Was bleibt vom Menschen?“ In diesem Buch beschäftigt sich der Autor mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Mensch und Maschine und prophezeit für verschiedene Zeitpunkte (2009, 2019, 2029 sowie 2099) den Stand technischer Entwicklungen, vor allem von künstlicher Intelligenz. Kurzweil gewann zahlreiche Preise für seine Erfindungen, wie z.B. die „Kurzweil Reading Machine“ und wurde 1998 vom Massachusetts Institute of Technology zum „Inventor of the Year“ ernannt.

Prognose für das Jahr 2020: Computer erreicht Rechenleistung des menschlichen Gehirns

Entlang des Gesetzes von Zeit und Chaos, das er in das Gesetz der wachsenden Unordnung und in das Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs unterteilt, beschreibt er folgendes Szenario: Seit vor etwa 100 Jahren die ersten Rechenanlagen erfunden wurden, hat sich die Entwicklungsgeschwindigkeit und Komplexität dieser Apparate alle zwei Jahre verdoppelt. Er prognostiziert, dass etwa um das Jahr 2020 Computer die Rechenleistung des menschlichen Gehirns erreicht haben – sowohl hinsichtlich der Speicherkapazität als auch der Geschwindigkeit.

Die technischen Entwicklungen im Jahr 2009: Lese- und Hörmaschinen und Wirtschaftswachstum

Anhand von Kurzweils 1999 gestellten Prognosen für das Jahr 2009 lässt sich überprüfen, wie präzise seine Voraussagen sind. Für das vergangene Jahr zeigt er folgende Entwicklungen auf. Ein Personal Computer mit einem Wert von 1.000 US-Dollar ist in der Lage, eine Billion Rechnungen pro Sekunde auszuführen. Hochauflösende Bildschirm-Benutzeroberflächen werden bis hin zum Taschenformat in verschiedenen Größen angeboten. Er sagt weiterhin kabellose Anlagen voraus und prognostiziert, dass Texte weitgehend mit Erkennungsprogrammen verfasst werden und die meisten geschäftlichen Prozesse online vonstatten gehen. Lese- und Hörmaschinen sowie Übersetzungstelefonie erleichtern die Kommunikation mit Blinden, Gehörlosen und Personen anderer Sprachfamilien. Durch die sich ständig weiter entwickelnde Computertechnologie kommt es zu einem stetigen Wirtschaftswachstum.

Anhand dieser Voraussagen kann man ersehen, dass Ray Kurzweil in der Lage war, die Art der Entwicklungen zu erkennen und korrekt vorauszusagen, das Tempo des technischen Fortschritts allerdings etwas überschätzt hat. Auf dieser Basis ist zu schlussfolgern, dass seine zukunftsgerichteten Annahmen realitätsnah gedacht sind, vermutlich aber später als prognostiziert eintreffen werden.

2019: Kleinstcomputer, dreidimensionale Displays und nanotechnische Maschinen

Mit einer Recheneinheit im Wert von 4.000 US-Dollar wird die Rechenkapazität des menschlichen Gehirns erreicht. Unsichtbare Kleinstcomputer sind in unser Umfeld eingegliedert und befinden sich in Wänden, Tischen oder auch im menschlichen Körper. Die Kommunikation mit anderen findet über dreidimensionale Displays statt, die in Brillen und Kontaktlinsen integriert sind. Mit dieser technischen Konstruktion ist der Mensch in der Lage, mit jeder anderen Person, egal, wo sie ist, zu kommunizieren. Mit seinem Computer interagiert der Mensch mittels Gesten und in natürlich gesprochener Sprache.

In der Güterfabrikation und innerhalb der Steuerung von Prozessen entstehen erste nanotechnische Maschinen. Papier spielt nur noch eine marginale Rolle: Bücher und Dokumente verschwinden weitgehend aus Haushalten und Betrieben. Der Unterricht an Schulen wird von hoch intelligenten und simulierten Lehrkörpern durchgeführt. Und nicht nur Lehrer werden durch automatische Assistenten ersetzt. Der Mensch beginnt Beziehungen mit Maschinen, sei es als Gesellschafter, Liebhaber oder Pfleger. An der Mehrzahl aller Transaktionen ist mindestens eine simulierte Person beteiligt und auch in der Kunst hält der virtuelle Künstler Einzug.

2029: Computerkommunikation ohne Beteiligung des Menschen und künstliche Lebensmittel

Die Leistung einer Recheneinheit im Wert von 1.000 US-Dollar entspricht inzwischen etwa 1.000 menschlichen Gehirnen. Dauerhafte oder zeitweilige Implantate, die z.B. wie Kontaktlinsen eingesetzt werden, machen die Kommunikation zwischen Menschen und dem World Wide Web und anderen Netzwerken möglich. Diese Implantate führen auch zu einer Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen und erhöhen die Gedächtnisleistung sowie das logische Denkvermögen. Maschinen sind nun auch in der Lage, neues Wissen zu erschließen, da Computer alle bislang generierten Produkte literarischer und multimedialer Art aufgesogen und gespeichert haben. Dies führt zu einer Kommunikation ohne die Beteiligung des Menschen. Und auch in der Produktion ist nach Kurzweil kein Mensch mehr tätig. Aufgrund der technischen Entwicklungen sind die Grundbedürfnisse der Menschen auf der Welt zum größten Teil gedeckt. Schon zwanzig Jahre später ernährt sich der Mensch in erster Linie von künstlich hergestellten Lebensmitteln, die sich geschmacklich und optisch nicht von organischer Nahrung unterscheiden. Diese Entwicklung führt zu einem unbegrenzten Nahrungsangebot.

2099: Virtuelle Wesen mit künstlicher Intelligenz sind vom Menschen kaum zu unterscheiden

Auf der Schwelle zum 22. Jahrhundert prognostiziert Kurzweil für das Jahr 2099 folgende Entwicklungen: Der Mensch verschmilzt mit der von ihm kreierten künstlichen Intelligenz. Es gibt keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen Mensch und Computer. Der Großteil der Wesen mit kognitiven Fähigkeiten ist virtuell. Da die meisten natürlichen Menschen inzwischen Implantate in ihrem Körper tragen, die unter anderem ihre visuellen, optischen und haptischen Fähigkeiten erheblich verbessern, sind Menschen ohne Implantate nicht mehr in der Lage, sinnvoll mit anderen zu kommunizieren.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Mensch und Maschine sind zu Beginn des 22. Jahrhunderts miteinander verschmolzen. Der auf natürlichem Weg geborene Homo sapiens hat seine Daseinsberechtigung verloren. Ob sich diese Prognose bewahrheiten wird, werden die meisten zurzeit lebenden Menschen (zum Glück) nicht erfahren. Außerdem sind zahlreiche Utopien der Vergangenheit, auch filmischer und literarischer Art, weit an der Realität vorbeigeschrammt. Es gibt nur eins, das wirklich wichtig ist: Life is now!

Quelle: Ray Kurzweil (1999): Homo s@piens. Leben im 21. Jahrhundert – Was bleibt vom Menschen? Kiepenheuer & Witsch (Köln).

Inga Ganzer - * 1978 in Dessau; Kulturwissenschaftlerin mit kaufmännischer Ausbildung; Fotografin, Lyrikerin und Autorin; Veröffentlichungen ...

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