
- Berlin: Sinfonie einer Großstadt (1927) - Deutsches Filminstitut
In den 1930er Jahren ist die Fotografie als nutzbare Formsprache etabliert und beeinflusst zusehends auch den filmisch-gestalterischen Blick. Der fotografische Blick wird zur ästhetischen Programmatik. Der Filmwissenschaftler Norbert M. Schmitz spricht von gerade 12 deutschen Filmen, die vor diesem Hintergrund besprochen werden können. Alle Filme verzichten weitgehend auf übertriebenen Pathos, Sensation und orientieren sich an der geschulten Sehweise der Fotografie.
Die präzisen Beobachtungen des Alltäglichen
Am Beispiel von Kameradschaft von G.W. Pabst 1931 beschreibt Schmitz den neusachlichen Blick auf die Welt: „Die Kumpels sind ebenso wenig Elende und Erniedrigte wie Helden der Arbeit. Pabst huldigt vielmehr den Phänomenen des Bergbaus mit einer ebenso nüchternen wie sorgfältigen Rekonstruktion von Arbeit und Leben im Bergwerk." [1] Es sind die präzisen Beobachtungen des Normalen und Alltäglichen, die einen Film wie Kameradschaft zu einem glaubwürdigen Zeugnis der Wirklichkeit machten. Die Genauigkeit der Filmbilder erinnert zuweilen an die akribische Abbildungstreue von August Sander, der mit seinen fotografischen Studien die klassischen Berufsstände porträtiert hat. Dabei gelang G.W. Pabst mit seiner filmischen Studie nicht nur eine realistische Sicht auf das Bergarbeiterleben, sondern auch eine mitreißenden Erzählung. Norbert M. Schmitz hält diese neue Sachlichkeit für den eigentlichen Realismus der Industriekultur: „weil er die Maschine nicht mehr als Sensation, sondern als Selbstverständlichkeit ansieht“ [2].
Rhythmische Organisation von Zeit
Der Filmemacher Walther Ruttmann hingegen nimmt das filmische Abbild als Grundlage zur experimentellen Gestaltung. Eine zeitgenössische Kritik erläutert Ruttmanns Perspektive zu Berlin: Sinfonie einer Großstadt (1927): „Doch der Film nimmt nie Stellung, bekennt nie Farbe, er erhebt nicht den Anspruch soziale Schilderung zu sein, Ruttmann will lediglich die Weite seines Motivs abstecken, er will die Vollendung des Rhythmus erreichen“ [3]. Ruttmann selbst, unterschreibt sein Vorhaben mit der „rhythmischen Organisation von Zeit durch optische Mittel und der konsequenten Abkehr vom gefilmten Theater.“ Wie er weiter bemerkt, sollte es keine gestellten Szenen geben, menschliche Vorgänge und Menschen sollten „beschlichen“ werden und jede Szene für sich selbst sprechen. Also ohne Titel! [4] Mit der Hingabe zur „heimlichen“ Mensch-Beobachtung ist Ruttmann entschieden gegen die Authentifizierungsmethoden von Robert J. Flaherty. Die lebensfeindliche Wirklichkeit von Nanuk - der Eskimo (1922) inszenierte der US-amerikanische Regisseur, zusammen mit seinem Hauptdarsteller, in dramatischen Spielszenen.
Eine Symphonie aus Licht und Musik
Ruttmann inszeniert sein Filmmaterial erst am Schnittplatz – er macht sich frei von der Chronologie der gedrehten Ereignisse – von einer Handlung und einer realen Sichtweise. Dazu entwickelt er eine Schnittcollage, die Berlin als einen lebendigen Organismus darstellt und den Betrachter in den Rhythmus der Stadt zieht. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war die Vielzahl der exakten und kurzen Schnitte, durch die das Filmbild auf die abwechslungsreiche Musik reagieren konnte. Ende der 1920er Jahre wirkt sein dokumentarisches Kunstwerk so avantgardistisch, dass es dem damaligen Publikum wie eine Symphonie aus Licht und Musik vorkam. Erst in den 1980er Jahren entwickeln sich die rhythmisierten Filmbilder zu einer wichtigen Ausdrucksform. Mit dem Musiksender MTV ensteht eine Sende-Plattform, die eine ganze Generation beeinflusst und das Musikvideo zu einer der wichtigsten medialen Kunstformen der Gegenwart macht.
Filme als lizenzfreier Download: Berlin: Sinfonie einer Großstadt (1927)
Quellen
[1] Norbert M. Schmitz: Der Film der Neuen Sachlichkeit, in: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001
[2] Norbert M. Schmitz: Der Film der Neuen Sachlichkeit, in: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001
[3] Kay Hoffmann: Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus, in: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001
[4] Kay Hoffmann: Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus, in: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001
