Die Autorin
Rebecca Gablé, Jahrgang 1964, ist Literaturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Mediävistik. Sie ist Mitglied der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, dem „Syndikat”, sowie dem Autorenkreis historischer Roman „Quo Vadis”.
Das Mittelalter: 450 - 1485
Mit dieser Periode hält sich die Autorin an die englische Definition des Begriffes. So beginnt das englische Mittelalter mit der Besiedelung der Insel durch die Angelsachsen in der Zeit von 450 bis 1066. Nach dem Abzug der Römer, die sich zahlreichen Bedrohungen ihres Weltreiches gegenübersehen und daher die Inselprovinz Britannia aufgeben, sind die britischen Kelten nicht in der Lage, sich gegen die Überfälle der schottischen Pikten und der irischen Scoten zur Wehr zu setzen. Sie heuern erfolgreich germanische Söldner, die aus Norddeutschland stammenden Sachsen, an. Diese lassen sich nach Erfüllung ihrer Aufgabe nieder und verdrängen die britischen Kelten ins heutige Cornwall und Wales. Die Germanen, die wegen ihres hohen Volksanteils an Angeln bald Angelsachsen genannt werden, teilen Britannien in 7 Königreiche auf. Diese Aufteilung bleibt bis ins 9. Jahrhundert bestehen.
Im 8. Jahrhundert beginnen die Wikinger, die Insel in regelmäßigen Abständen zu überfallen. Erst 878 gelingt Alfred dem Großen ein entscheidender Sieg, der England vereinigt und dem Land bis ins 10. Jahrhundert eine Blütezeit beschert, bis 1016 die Dänen die Herrschaft erringen. Am Ende dieser Zeit steht die Eroberung Englands durch die Normannen, welche die nächste Periode von 1066 bis 1154 bestimmen.
Sie ist geprägt vom erfolglosen Widerstand der Engländer gegen die normannische Herrschaft durch William I. den Eroberer (1066-1087) sowie von der Niederschlagung dieser Revolten. Allein in Wales gelingt die Unterwerfung nicht.
1086 lässt William eine Volkszählung durchführen, die das Domesday Book als historisch wichtiges Statistikwerk hervorbringt.
Der Expansionsdrang nach Frankreich und die Einführung der Feudalherrschaft bestimmen das politische Leben.
1154 kommt mit Henry Plantagenet ein neues Königsgeschlecht an die Macht, dessen Regentschaft sich durch innerfamiliäre Konflikte, Streitigkeiten zwischen Kirche und Krone sowie Auseinandersetzungen um Frankreich auszeichnet und bis 1399 andauert. In der Periode der Plantagenet wird sich außerdem der Adel seiner Macht bewusst und als Folge dessen mit der Magna Carta 1225 ein erster Grundstein für die parlamentarische Demokratie gelegt.
Eleanor von Aquitanien wird an der Seite Henry Plantagenets am 19. Dezember 1154 in Westminster Abbey gekrönt. Eleanor erweist sich trotz zahlreicher Schwangerschaften als fähige Vertreterin in Regierungsgeschäften während der häufigen Abwesenheiten ihres Ehemannes. Um 1173 überwerfen sich Eleanor und ihr Mann, und als die gemeinsamen Söhne sich gegen ihren Vater erheben, der ihnen zwar Königswürden, aber keine faktischen Rechte oder Einkünfte überlässt, unterstützt sie diese. Der folgende zwei Jahre andauernde Bürgerkrieg findet ausschließlich in Frankreich statt, an dessen Ende Eleanor gefangen genommen und in England elf Jahre lang unter harten Bedingungen von ihrem Mann eingesperrt wird. Das Ehepaar versöhnt sich nie wieder. Henry stirbt 1189, und Eleanors Sohn Richard, später bekannt als Richard Löwenherz, erbt den Thron. Da Richard während seiner Amtszeit nur ein halbes Jahr tatsächlich in England verbringt, regiert Eleanor während seiner Abwesenheit. Richard stirbt 1199 im Alter von nur 42 Jahren und bestimmt auf dem Sterbebett seinen Bruder John als Nachfolger. 1204 stirbt Eleanor von Aquitanien.
1348 wird Englands Bevölkerung durch den Ausbruch der Pest stark dezimiert, was zu wirtschaftlichen Problemen und sozialen Umbrüchen führt.
1399 besteigt mit Henry IV. der erste Lancaster-König den Thron, nachdem er seinen Vorgänger Richard entmachtet und ermordet hat. Von 1399 bis 1461 dauert die Regierungszeit der Lancaster, während welcher sich der Kampf um die Vorherrschaft in Frankreich durch Johanna von Orleans zugunsten der Franzosen wendet. Henry der IV. bringt England zwar innere Stabilität und saniert die Staatsfinanzen, doch ist seine Herrschaft durch Verrat, Aufstände und Krankheit gezeichnet. Nach seinem Tod 1422 wird sein noch unmündiger Sohn König, dessen geistige und körperliche Gesundheit sich als schwach erweist. Damit werden in England Konflikte um politische Interessen und Machtkämpfe begünstigt. 1461 erringt mit Edward of March das Haus York die Königswürde. Er verkauft dem französischen König den Anspruch auf die Krone Frankreichs und beendet so zunächst die Zwistigkeiten mit Frankreich. Durch den dadurch nicht unerheblichen Gewinn leistet Edward sich einen luxuriösen Lebensstil und verstirbt 1483 vermutlich an dessen Folgen. Sein Bruder Richard von Gloucester übernimmt die Regentschaft für die noch unmündigen Söhne des toten Königs. Diese verschwinden auf ungeklärte Weise. Ihre Leichen tauchen erst im 17. Jahrhundert wieder auf.
1485 fällt Richard in der Schlacht von Bosworth, die aus der Revolte Henry Tudors resultiert, und Tudor wird noch auf dem Schlachtfeld als Henry VII. gekrönt und beendet das Mittelalter.
Ein Leitfaden durch die Geschichte
Der Leitfaden des Buches sind die Regierungszeiten der verschiedenen Königshäuser mit ihren vielschichtigen Verwandtschaften, Freundschaften und Feindschaften der handelnden Personen. Dabei werden auch die Lebensumstände des einfachen Volkes thematisiert. Gablé zieht verschiedene Theorien und Hypothesen zur Interpretation der Geschichte heran und überlässt dem Leser die Meinungsbildung. Sie versucht, das Mittelalter sachlich und atmosphärisch in all seinen politischen, kulturellen und menschlichen Facetten einzufangen.
Das Mittelalter ist bunt
Die Intention der Autorin ist nach eigenen Angaben neben einer unterhaltsamen Darstellung historischer Ereignisse und Verhältnisse in England auch das Ausräumen von Vorurteilen über das Mittelalter, das gemeinhin als finster, schmutzig, grausam und unaufgeklärt gilt. Rebecca Gablé gelingt es, in die tatsächlichen historischen Ereignisse eine unwiderstehliche Note menschlicher Eigenheiten einzubringen. Die Unberechenbarkeit und zuweilen Irrationalität des menschlichen Handelns ist es schließlich, die das Leben und damit die Geschichte tragisch, komisch, spannend und farbenprächtig machen.
Sie erreicht ihr Ziel nicht nur durch die Beschreibung der vielfältigen menschlichen Verflechtungen und der zahlreichen Konflikte, sondern auch mittels ihrer Sprache, die nicht streng sachlich ist, sondern zeitweise salopp erscheint, ohne banal zu wirken: Kurze Sätze im Plauderton, an den Leser gerichtete Fragen und eine moderne Umgangssprache, die es schafft sich von primitiver Effekthascherei fernzuhalten, sind die spielerischen Elemente, die das Interesse des Lesers halten. Da es sich um ein historisches Sachbuch handelt, findet sich sehr selten direkte Rede im Text. Sie wird gelegentlich als humoristisches Stilmittel eingesetzt, um zum Beispiel vermutete Gemütszustände plastisch darzustellen. Sprache und Intention greifen in diesem Sachbuch ineinander, ohne den Informationsgehalt zu beeinträchtigen.
Rebecca Gablé: Von Ratlosen und Löwenherzen: Eine kurzweilige, aber nützliche Geschichte des englischen Mittelalter, Bastei Lübbe, 2008
