Rebecca Gablé erklärt das englische Mittelalter

Von Rastlosen und Löwenherzen Buchcover - Bastei Lübbe / Ehrenwirth
Von Rastlosen und Löwenherzen Buchcover - Bastei Lübbe / Ehrenwirth
Mit "Von Ratlosen und Löwenherzen" widmet sich die Bestsellerautorin erstmals reinen Fakten statt Fiktionen - was jedoch nicht minder spannend ist.

Normalerweise kennt man Rebecca Gablé eher als Bestsellerautorin. Ihre Romane "Das Lächeln der Fortuna", "Das Spiel der Könige" oder das kürzlich als Taschenbuch erschienene "Hiobs Brüder" entführen die Leser in das mittelalterliche England. Die Autorin ist besonders für ihre historisch fundierten Erzählungen bekannt, die Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verknüpfen. In "Von Rastlosen und Löwenherzen" betritt Rebecca Gablé Neuland und legt ihr erstes Sachbuch vor. Das Thema ist, wie könnte es anders sein, das englische Mittelalter.

Knapp 1000 Jahre englische Geschichte im Schnelldurchlauf

Doch was ist das Mittelalter und wo fängt es an? Rebecca Gablé erklärt, warum man das Mittelalter von 450 bis 1485 grob einordnen kann und warum das auch eher Richtwerte sind. Epochen lassen sich nie auf den Punkt genau definieren, deshalb orientiert sich Rebecca Gablé nicht an Jahreszahlen, sondern an historischen Ereignissen oder, wie in diesem Band, an Herrscherdynastien. Sie beginnt bei den Angelsachsen, beschreibt die Invasion der Normannen, die Wirren des 100-jährigen Krieges und die Hintergründe der Rosenkriege zwischen dem Haus York und Lancaster.

Doch sie belässt es nicht bei nüchternen Fakten, sondern porträtiert die wichtigsten Beteiligten. Und diese sind alles andere als graue Mäuse oder besonnene Herrscher. Nein, im englischen Mittelalter ging es zu wie in einer Soap-Opera zur besten Sendezeit. Intrigen, Verschwörungen, und sogar aufrichtige, tiefe Liebe sind hier genauso zu finden wie Krieg, Erbstreitigkeiten und das Rangeln um Aufmerksamkeit.

Rebecca Gablé über ratlose Regenten, Skandalnudeln und königlich-barbarische Hobbys

Im 5. Jahrhundert zogen die Angelsachsen gen England und nisteten sich dort ein. Sie prägten nicht nur die Kulturlandschaft, sondern auch die politischen Strukturen. Einer der Regenten des angelsächsischen Königreichs war König Æthelred (968-1016). In angelsächsischen Chroniken trägt er den Beinahmen "The Unready", was sich mit "Der Unberatene" übersetzen lässt. Es zeigt sich im Lauf der Geschichte, dass er wahrlich ratlos seine Regentschaft anging. Bereits im Alter von 10 Jahren wurde er zum König gekrönt, doch zu dieser Zeit waren die meisten königlichen Berater tot, so dass er fast auf sich alleine gestellt war. Zudem fielen aus Norwegen und Dänemark die Wikinger in England ein. Æthelred versuchte sich mit Bündnissen mit den Normannen sein Land vor den grausamen Nordmännern zu schützen – und legte damit den Grundstein des normannischen Herrschaftsanspruch auf den englischen Thron.

In Eleonore von Aquitanien finden wir eine echte Skandalnudel. Sie heiratete mehrfach, was sie nicht davon abhielt sich mehrere Liebhaber zu halten. Sie war Königin über Frankreich und England, nahm mit ihrem Ehemann am Kreuzzug teil und hielt sich in Frankreich einen Musenhof; ihre Vorliebe für Kunst und deren Förderung wurde landesweit gepriesen. Und für ihre Kinder zog sie so geschickt die Fäden, dass sie mächtige Positionen erlangten. Einer ihrer Söhne war übrigens Richard Löwenherz.

Rebecca Gablés Blick aufs einfache Volk

Bei dieser langen Liste der illustren und skandalträchtigen Charakterköpfen des Adels versäumt Rebecca Gablé nicht, auch die Situation des einfachen Volks zu beleuchten. Denn sie hatten am meisten zu leiden, wenn der König in den Krieg zog und dafür Geld brauchte. Wie setzte sich der größte Stand der Standespyramide zusammen, wie sah deren Alltag aus und welche Pflichten und Rechte hatten sie gegenüber dem Adel? Meist trafen Krieg Pest und die hohen Steuern die Bauern am härtesten.

Rebecca Gablé, ehemalige Dozentin für mittelalterliche Geschichte Englands an der Universität Düsseldorf, berichtet fundiert von den Nöten des Volkes und erklärt, wie es zu den verschiedenen sozialen und gesellschaftlichen Änderungen kam und wie diese sich auswirkten.

Das englische Mittelalter: Spannend und kurzweilig

Mit „Von Ratlosen und Löwenherzen“ beweist Rebecca Gablé, dass Geschichte nicht trocken und langweilig sein muss. Sie schildert das englische Mittelalter in allen Facetten, farbenprächtig, spannend, aber auch blutrünstig. Dabei verzichtet sie auf Fremdwörter und Fachbegriffe, so dass die Leser ihr mühelos folgen können. Der Stoff ist unterhaltsam aufbereitet, flapsige Randbemerkungen stören keineswegs, sondern machen die Schilderungen nur lebendiger. Informativ und anschaulich – da können sich viele Geschichtslehrer und Professoren noch etwas abgucken.

Der im Innenteil des Schutzumschlags mitgelieferte Stammbaum der englischen Herrscher ist ein hilfreiches Werkzeug, denn er erleichtert es den Lesern die Verwandtschaftsverhältnisse der Könige und Königinnen nachzuvollziehen und wer welche Rolle inne hatte. Erleichternd auch deswegen, weil es in der englischen Geschichte nur so von Henrys und Edwards wimmelt, dass man leicht den Überblick verlieren kann.

Rebecca Gablés erstes Fachbuch macht Lust weiter nachzuforschen und tiefer in das Mittelalter einzutauchen. Es ist ein gelungener Überblick über die englische Geschichte, der nicht nur für Laien und Mittelalter-Fans, sondern auch Schüler oder Studenten hilfreich und nützlich ist. Und steigert er auch die Vorfreude auf den neuesten Roman der Autorin, der im Herbst 2011 erscheint.

Rebecca Gablé: Von Ratlosen und Löwenherzen: Eine kurzweilige, aber nützliche Geschichte des englischen Mittelalters. Bastei Lübbe (Lübbe Ehrenwirth) 2008. Gebundene Ausgabe, 240 Seiten. ISBN: 978-3431037555

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