
- Gablé: Von Ratlosen und Löwenherzen - Ehrenwirth
Mit ihrer Roman-Trilogie um die Waringhams, einer fiktiven Adelsfamilie im Herzen des Hundertjährigen Krieges und der Rosenkriege, hat sich Rebecca Gablé in die Herzen der Fans historischer Romane geschrieben. Seit Jahren sind die Bücher Bestseller. Aus dem schier unendlichen Berg des Recherchematerials für ihre historischen Romane hat sie nun für den Leser eine kurze Geschichte Englands zusammengeschrieben. Eine Tour de Force, die vom Ende der Römerzeit bis zum Beginn der Tudor-Dynastie führt.
Verständliche Darstellung
In chronologischer Reihenfolge beginnt sie bei den Wirren in der Zeit, als die Römer die Insel verließen und sich die ersten Reiche auf englischem Boden gründeten. Englisch? – fragt sich mancher vielleicht verblüfft. Ja, tatsächlich englisch, denn gerade die Anfangszeiten machen deutlich, dass die Vereinigten Königreiche eine Erfindung der Neuzeit sind. Gablé erzählt von den verschiedenen Völkern, die sich mal mit, mal ohne die Hilfe der Einheimischen auf der Insel niederließen und alle ihren Teil zur komplexen und für Laien oft unverständlichen Geschichte der Insel beitrugen. Das ist zugleich der größte Pluspunkt dieses Buches. Die Autorin verschwendet keine Zeile über die oft kontroversen Auseinandersetzungen in der Forschung, bei denen nur allzu häufig persönliche Animositäten eine größere Rolle spielen als Sachfragen. Sind kontroverse Theorien vorhanden, stellt sie diese knapp gegeneinander und überlässt es dem Leser, eine Meinung zu finden. Das alles gelingt ihr trotzdem historisch fundiert und informativ, ohne dass sich der Leser durch Fußnoten und einen beinahe ebenso langen Anhang quälen muss.
Skandalgeschichten und Beurteilungen
Gablé erzählt weiter, wie es den Normannen gelang, ein Reich zu gründen, das die Grundlage für den späteren Erfolg der Vereinigten Königreiche bildete. Sie hält dabei mit den Skandalgeschichten, den "menschelnden" Charakteren, die jeder Historie die nötige Würze verleihen, nicht hinter dem Berg. Dabei scheut sie sich auch nicht, eindeutig Partei zu ergreifen – ohne allerdings die Fakten aus den Augen zu verlieren. Frei nach dem Motto: "Die Stärken eines Menschen machen ihn bewundernswert, seine Schwächen dagegen liebenswert", hat sie keine Hemmungen, ihre Lieblinge und ihre Lieblingsfeindbilder gnadenlos zu beurteilen. So erkennt jeder, dass sie für Eleanore von Aquitanien, "der unterhaltsamsten und wunderbarsten Skandalnudel, die je auf Englands Thron gesessen hat", eine Schwäche hat. Wohingegen deren Sohn, der bedauernswerte Johann Ohneland, der durch die Robin-Hood-Geschichten sowieso schon einen denkbar schlechten Ruf genießt, als "Schurke" deklariert wird.
Bereinigung liebgewonnener Vorurteile
Nicht vergessen werden auch die einfachen Menschen. Gablé vernachlässigt trotz des Schwerpunkts auf der Herrschergeschichte nicht die Lebensumstände der Bauern, Mönche und Kaufleute. Auch den Frauen ist ein nicht unerheblicher Teil gewidmet. Sie räumt zudem – gleichsam im Vorbeigehen – mit Vorurteilen wie der Existenz von Robin Hood und des "ius primae noctis“ (das Recht der ersten Nacht) auf.
Studierten Historikern muss bei dieser eindeutigen Kommentierung das kalte Grauen kommen. Und tatsächlich könnte man sie für diese Schreib- und Sichtweise kritisieren. Wenn, ja, wenn der Anspruch, den Gablé mit ihrem Werk erhebt, sich nicht vollkommen von hochwissenschaftlichen Werken unterscheiden würde.
Historische Fakten in leichtem Plauderton
In einem Interview zu diesem Vorhaben hat sie als Grund angegeben, sie wollte ein unterhaltsames Buch über Geschichte schreiben. Das ist ihr gelungen. Von der ersten bis zur letzten Seite erfreut sie den Leser mit abwechslungsreichen, amüsanten und tragischen Geschichten. Das alles in einem lockeren Plauderton, in dem der Humor – man könnte auch sagen die Ironie der Geschichte – nicht zu kurz kommt. Zu kurz ist lediglich das Buch geraten, denn bereits nach 229 Seiten ist der Lesespaß beendet. Mit dem Vorwurf der Oberflächlichkeit sollte man jedoch vorsichtig sein. Es zeugt vielmehr von einiger Intelligenz, die Leser mit dieser unterhaltsamen Kurzfassung quasi "anzufüttern“. Die Lust, sich mit der Geschichte der britischen Insel auseinanderzusetzen, wird durch derartige Lektüre jedenfalls eher gesteigert, denn gemindert. Pädagogen würden in diesem Fall wahrscheinlich von "didaktischer Reduzierung“ sprechen.
Für hochwissenschaftliche Forschungsaufgaben sollte man sich besser an andere Literatur halten. Doch für interessierte Laien und Einsteiger in die komplexe Geschichte des Inselreiches findet sich derzeit wohl kaum ein besseres Buch in deutscher Sprache.
Rebecca Gablé: Von Ratlosen und Löwenherzen. Ehrenwirth 2008. Gebunden, 237 Seiten. Euro 19,95.
