Rebekka Kricheldorf vertheatert den "Großen Gatsby"

Rebekka Kricheldorf bleibt sich selbst treu. Die Dramatikerin spitzt bei ihrer Romanadaption vom "Großen Gatsby" zu hin zur Groteske

HAMBURG. „Der Große Gatsby“ ist bei uns vor allem als Film bekannt geworden, Mia Farrow und Robert Redford spielen die Hauptrollen. Das Drehbuch beruht auf dem Roman „Der Große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald – ein amerikanischer Autor, dessen ebenso gesellschaftskritische wie unterhaltsame Bücher bei uns – zu Unrecht – weithin in Bücherregalen verstauben.

Rebekka Kricheldorf indes hat nicht nur den Staub vom „Großen Gatsby“ geblasen, den Roman nicht nur neu gelesen, sie hat ihn auch für die Bühne bearbeitet. Die Dramatikerin leitet zusammen mit dem Regisseur Markus Heinzelmann das Theaterhaus Jena. Jetzt realisieren die beiden Kricheldorfs neue Theaterfassung des „Großen Gatsby“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Liebe und Kritik

Der „Große Gatsby“ spielt in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in und um New York. F. Scott Fitzgerald greift für seine gesellschaftskritische Satire zu einem der ältesten und bewährtesten Mittel der Romanschriftsteller, zur Liebesgeschichte. Der Große Gatsby verliebte sich sterblich in Daisy, als er noch nicht der Große Gatsby war. Er war arm, mittellos. Deshalb zog Daisy ihm Tom vor, altes Geld, grob, engstirnig, engherzig – aber eben reich. Der große Gatsby wird Millionär, keiner weiß genau, wie, kauft, ganz in der Nähe von Daisys Landsitz auf Long Island einen Palast und feiert rauschende Feste. Sein Kalkül geht auf, Daisy wird aufmerksam, die Liebe der beiden lebt wieder auf. Tom, Daisys Mann mit dem gusseisernen Selbstbewusstsein, wird eifersüchtig und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Rebekka Kricheldorf lehnt sich in ihrer Theaterfassung eng an den Roman an. Eine Schlüsselszene gestaltet sie beim Wiedersehen von Daisy mit dem Großen Gatsby, er zeigt der Geliebten stolz sein Schloss. Regisseur Markus Heinzelmann und sein Bühnenbildner Gregor Wickert zeigen aber statt eine Palastes eine gigantischbomabstischphantastische PappSperrholz-Buttercremetorte, die aus der Unterbühne langsam emporwächst. Es geht Rebekka Kricheldorf wie ihrem Regisseur darum, das Groteske herauszuarbeiten – nicht allein um der Unterhaltung willen, sondern vor allem wegen der Gesellschaftskritik. Den reichen Leuten fehlt nicht nur Geschmack, sie sind überdies schrecklich oberflächlich. Und roh!

Reiche sind egoistische Ekel

Die Handlung spitzt dieses Urteil noch zu. In einer spannenden Szene fordert der Große Gatsby seinen Rivalen Tom, Daisys Mann, heraus. Gatsby obsiegt scheinbar, er fährt mit Daisy zurück in seinen Palast. Daisy sitzt am Steuer. Sie ist innerlich zerrissen, überfährt in ihrer Erregung eine Frau – und begeht Fahrerflucht. Tom, der Schurke, lenkt den Verdacht des untröstlichen Witwers auf Gatsby, der von dem Mann erschossen wird.

Die Quintessenz des Stücks ist bitter wie die des Romans: Reiche missachten das Gesetz, sie nutzen ihr Vermögen als Schutzwall. Verantwortung übernehmen ist ihnen fremd. Reiche sind nicht nur unnütz, sie sind gefährlich und schädlich.

Volkstheater

Ein Ergebnis, das gut zum Volkstheater passt, in dessen Tradition sich Rebekka Kricheldorf und ihr Regisseur, Markus Heinzelmann, stellen. Die Schauspieler müssen ungewohnte Wege gehen: keine plastischen Menschen mit psychischen Nuancen verkörpern, sondern Typen, flach wie eine Zeichnung. Die Uraufführung wirkte über weite Strecken wie der Versuch, ein Theater in der Art von Comic Strips zu machen. Teilweise erschien das befremdlich eindimensional, dann aber wieder überzeugte die Spielweise. Es liegt viel Polemik in diesem Stil, als wollte die Dramatikerin gemeinsam mit dem Ensemble sagen: Oberflächlichkeit bedarf keiner subtilen Analyse, auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Der Regisseur und seine elf Schauspieler sorgten dafür, dass, auch wenn die Kostüme stark an die Goldenen Zwanziger Jahre erinnerten, klar blieb: das Hier und Heute ist gemeint. Der Tanz ums Goldene Kalb ist der gleiche wie vor neunzig Jahren. Hört endlich auf, es ist zu offensichtlich unter unser aller Niveau!

Aufführungen am 16., 21. und 25. Jan.; 4., 10., 21. und 25. Februar –

Spieldauer 2 ½ Stunden

Kartentel: 040 24 87 13 – Internet: www.schauspielhaus.de

Ulrich Fischer, Ulrich Fischer

Dr. Ulrich Fischer - Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaft in Hannover, München, Glasgow und der Promotion in Berlin Engagements als ...

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